Das Zukunftsforum hat begonnen

06.10.2013

 

Am Brunnenmarkt in Wien hat am Samstag, 5. Oktober 2013, das Zukunftsforum mit der Startveranstaltung begonnen. Zur Einladung. Gerda Schaffelhofer und Kardinal Christoph Schönborn luden alle Menschen ein, ihre "Druckstellen" in den Schuhen ihres Lebens in den Gesprächsprozess einzubringen. Der ORF hat in der Sendung Orientierung berichtet. "Wir sind Kirche" lädt ein, Erfahrungen, Frage, Anregungen und Nöte in den Diskussionsprozess einzubringen. Dazu gibt es hier die Möglichkeit.

Medienbericht: ORF

 

Den Weg der kirchlichen Erneuerung mit dem Papst gehen
 

Wortlaut der Ansprache von KAÖ-Präsidentin Gerda Schaffelhofer zur Eröffnung des Zukunftsforums der katholischen Kirche in Österreich.

 

Wien, 05.10.13 (KAP) Mit der Auftaktveranstaltung unter dem Leitwort "Wo drückt der Schuh?" wurde das Zukunftsforum der katholischen Kirche am Samstag in Wien in Gang gebracht. Bei der Eröffnung hielt die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, Gerda Schaffelhofer, eine programmatische Ansprache, bei der sie mit Bezug auf Papst Franziskus Eckpunkte für eine Erneuerung der Kirche skizzierte.

 

Viele, die heute hierher gekommen sind, sind überzeugte Christen, die in und mit der Kirche leben - mit Engagement und Freude, aber auch mit so manchen Enttäuschungen. Andere hier am Platz sind vielleicht zufällig da und haben mit der Kirche gar nicht viel am Hut, wollen nur mal zusehen, sich ein Bild machen. Vielleicht sind Christen anderer Konfessionen hier, vielleicht auch welche, die mit Kirche und Christentum überhaupt nichts anfangen können oder schlechte Erfahrungen gemacht haben.

 

Sie alle sind gemeint, angesprochen und eingeladen, wenn wir heute die Frage stellen "Wo drückt der Schuh?" - im Zusammenleben, in der Arbeitswelt, im familiären Leben. "Wo drückt der Schuh?" in den kleinen und großen Lebenswelten und "wo drückt der Schuh?" im kirchlichen Leben? Diese Frage, dieses Hinschauen auf die Lebensrealität steht am Beginn des "Zukunftsforums" der katholischen Kirche, heute bei der Eröffnungsveranstaltung und ab sofort bei einer Online-Befragung, von der wir hoffen, dass sich möglichst viele beteiligen.

 

Gegen die Gefahr der "globalisierten Gleichgültigkeit" will das Zukunftsforum eine Kultur des offenen Blicks und des wachen Zuhörens in der Kirche stärken. Ich bin überzeugt: das ändert uns selbst, die Kirche und die Gesellschaft. Weil wir heute ein Zukunftsforum der Kirche eröffnen, soll auch von der Kirche gesprochen werden, die in überraschender Weise wieder "ins Gerede gekommen ist".

 

So wie Papst Franziskus träumen viele von einer Kirche, die nicht ängstlich um sich selbst kreist, sondern ihre Tore weit öffnet, um hinauszugehen zu den Menschen, die nicht mehr hereinkommen in die Kirchen, von einer Kirche, die nicht mit sich selbst beschäftigt ist und ihre eigenen Sorgen und Problemen, sondern die die Menschen in den Mittelpunkt stellt, die unterwegs ist zu den Menschen, um deren Anliegen zu den eigenen zu machen.

 

Viele von uns hoffen auf eine Kirche, die die Sorgen und Probleme aller Menschen - ob gläubig oder nicht - ernst nimmt, die wissen will, wo die Menschen heute der Schuh drückt, was sie belastet, ausbeutet, erniedrigt, was sie einsam werden und verzweifeln lässt; viele hoffen auf eine Kirche, die den Schrei so vieler nach Menschlichkeit, nach Gerechtigkeit und sozialer Verantwortung hört und sich zu ihrem Anwalt zu macht - auch jene hört, die wie vor Lampedusa nicht mehrt schreien können - , um so die Globalisierung der Gleichgültigkeit und der Egozentrik zu durchbrechen.

 

Ich wünsche mir so wie viele andere auch eine Kirche, die den Dialog mit den Menschen sucht, mit allen Menschen, auch wenn manche Lebensentwürfe auf dem ersten Blick anders sind, fremd anmuten oder aus unserer Perspektive missglückt und gescheitert scheinen. Ich träume von einer Kirche, die nicht engstirnig ist, sondern in der Weite und Tiefe des Glaubens vieles zulassen kann, die aber auch an die Ränder der Gesellschaft geht, niemanden abschreibt und jederzeit Neuanfang ermöglicht.

 

Ich sehe eine Kirche, die sich als Anwältin der jungen Menschen versteht und an jenen Fundamenten mitbaut, die sich als tragende Säulen der Zukunft erweisen.

 

Viel von uns wünschen sich eine Kirche, die nicht von Frust und Resignation geprägt ist, sondern den Mut zur Veränderung aufbringt, in der Phantasie, Kreativität und Begeisterung Einzug halten, in der der Geist Gottes wieder spürbar weht, manches auch verweht und vieles wegfegt.

 

Eine Kirche, in der nicht betretenes Schweigen herrscht und Angst die christliche Frohbotschaft erstickt, sondern offen alle anstehenden Fragen angesprochen werden, ehrlich, mutig, selbstkritisch, damit endlich Verkrustetes aufgebrochen werden kann.

 

Eine Kirche, in der Bischöfe und Priester wieder sichtbar zu Menschenfischern werden, mitten im Leben stehen, auf Menschen zugehen, zuhören. Kirche muss für die Menschen da sein - spürbar da sein.

 

Aber auch wir Laien sind gefordert. Ich wünsche mir eine Kirche, in der wir Laien die Freiheit und Eigenverantwortung, zu der wir berufen sind, wahrnehmen und Seite an Seite mit Priestern und Bischöfen - gemeinsam, kollegial und auf Augenhöhe - unsere Verantwortung wahrnehmen. Gemeinsam werden wir neue, glaubwürdige Wege suchen und finden, viele Wege, nicht die eine Autobahn für alle.

 

Ich träume mit vielen Frauen von einer Kirche, in der sich die Frauen verstärkt einbringen können, weil die Räume der weiblichen Präsenz größer und weiter werden, von einer Kirche, die Sexualität als Geschenk Gottes begreift, die ein deutliches Ja zum Leben sagt und nachhaltig für den Erhalt der Schöpfung und für das Schweigen der Waffen eintritt.

 

Weltweit erhoffen sich Menschen eine Kirche, die viele Gesichter hat, ein römisches durchaus, aber auch ein afrikanisches, ein chinesisches und viele andere mehr, und auch ein österreichisches Gesicht, und in diesem österreichischen Gesicht spiegeln sich nicht Frust und Angst, sondern Freude und Zuversicht.

 

Und alle diese Gesichter richten ihren Blick bewusst auch auf die Gesichter anderer Konfessionen und Religionen, auf die Gesichter von Agnostikern und Atheisten, und sie entdecken durchaus Gemeinsames und Vertrautes und sie lernen das Trennende zu benennen, aber es in gegenseitiger Wertschätzung stehen zu lassen.

 

Herr Kardinal, sehr geehrte Damen und Herrn! Ich habe von den Druckstellen aber auch von Wünschen, Träumen und Hoffnungen erzählt, die so viele in sich tragen. Sie können Wirklichkeit werden, wenn wir gemeinsam dafür arbeiten. Papst Franziskus hat viele Tore aufgestoßen, an uns liegt es jetzt, hier in Österreich den Weg der Erneuerung mit ihm zu gehen. Dazu lade auch ich Sie im Zukunftsforum herzlich ein. Nehmen Sie bitte mit ins Gepäck auf diesem Weg der Erneuerung: Engagement, Vertrauen, Zuversicht und das Gebet.

 

Copyright 2013 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich

 

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