Demokratie in der Kirche? Enttäuschte Hoffnung nach dem Konzil

22.02.2011, Otto Mauer

 

Aktuelles aus dem Archiv: Der Beitrag ist der Zeitschrift „Wort und Wahrheit“, Zeitschrift für Religion und Kultur“ XXIII. Jahrgang. Heft 4, Juli/August 1968, Seite 289 f, entnommen. Er wurde in der Zeitschrift „Quart“ Nr. 3/2010 neuerlich abgedruckt. Beim Abschreiben des Beitrags durch „Wir sind Kirche“ wurde die ursprüngliche Rechtschreibung beibehalten. Es ist desillusionierend und beeindruckend zugleich, Argumente aus dem Jahr 1968 zu lesen, die heute ebenso geschrieben hätten werden können.

 

Der Einwand, daß Demokratie ein politischer Begriff sei und deshalb nicht auf' die kirchliche Soziologie angewendet werden könne, kann man entgegenhalten, daß Jesus selbst die Basileia, die Königsherrschaft Gottes, ausgerufen und sich damit allen politisch-theokratischen Missverständnissen seiner  Zeit aasgesetzt hat. So wird, es wohl erlaubt sein, das -Wort Demokratie auch für den kirchlichen Bereich (mit allen nötigen Einschränkungen und. kritischen Abstrichen! ) in Gebrauch zu nehmen.

 

Ein fundamentales Prinzip der kirchlichen Demokratie wird Gleichheit heißen. Sie bedeutet weder die Abschaffung der apostolischen Autorität noch die aufklärerische Einebnung der Qualitäten and Funktionen der einzelnen Christen. Die prinzipielle Gleichheit aller Glieder besteht darin, daß alle Geistträger, alle Wiedergeborene, alle Kinder des himmlischen Vaters, alle Erleuchtete, alle zur selben eschatologischen Hoffnung Berufene sind. Deshalb darf es in der Kirche Gottes keine Zweiklassengesellschaft geben; keine dialektische Zweiteilung in Lehrende und hörende, Befehlende und. Ausführende, Gnostiker und Pistiker: „Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und seid alle wissend" (1 J 2,20). Der Gekreuzigte, sagt Paulus, hat die alten antithetischen Unterscheidungen aufgehoben, zwischen Hellenen and Barbaren, Freien und, Sklaven, Mann und Freu, Juden und Heiden (s. Kol 3,11). In einer neuen Kreatur sind die alten Gegensätze versöhnt und vereint. Die fundamentale Gleichheit des Christseins  innerhalb des Volkes Gottes fordert, ungeachtet aller funktionalen Differenzierungen zum Aufbau des einen Leibes Christi, eine entsprechende Respektierung der christlichen Einzelperson als Glied des neuen Volkes Gottes, als Partner eines neuen und ewigen Gottesbundes. Für herrscherliche Allüren von Vorstehern ist da ebensowenig Raum wie für den Untertanengeist von Christen zweiten Ranges. Deshalb darf es auch keinen Klassenkampf, weder von oben nach unten noch von unten nach oben, in der Kirche geben; weder zwischen Klerikern und Laien noch zwischen Hierarchien and. niederem Klerus. Auch keine Verachtung von Laien und Weltpriestern durch mönchische Überheblichkeit, als gäbe es einen Stand der Spirituellen und Vollkommenen schlechthin. Alle Christen partizipieren an den Funktionen (,,Ämtern") Christi. Alle Christen sind Charismatiker, wenn auch nicht jedem dasselbe Charisma geschenkt ist (sonst ergäbe sich ja kein funktionierender Leib, sagt Paulus), und auch das Vorsteheramt ist eines dieser Charismen, wenn auch von ganz besonderer Art (schlimm, wenn es nur juristische Position wäre!). Wenn Jesus in einer „antiklerikalen“ Rede sagt: „Ihr sollt keinen auf Erden Vater nennen" (Mt 23,9), so verhindert das ebenso jede legitime Klerokratie, wie seine Aufforderung an die Schüler: ,,Wer unter euch der erste sein will, soll euer aller Diener sein" (Mt 20,27). Eine Herrschaftsausübung von Christen über Christen kommt nicht in Frage, weil der Menschensohn nicht gekommen war, „sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben für die Vielen" (Mt 20,28).

 

Mit der fundamentalen Gleichheit aller Christen ist auch der Charakter demokratischer Freiheit in der Kirche verbunden. Das Neue Testament ist auf das neue Gesetz des Geistes und seiner Antriebe (instinctus spiritus sancti, sagt Thomas), auf die Gnade und auf das doppelte Mandat des Herrn von der Liebe gegründet. Nicht umsonst sagt Paulus: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (2 K 3,17). Deshalb wird es in der recht verfaßten Kirche möglichst wenige Menschengebote (auch Kirchengebote sind solche) geben; deshalb wird die Autorität der Vorsteher sich hüten, mehr als nötig ist, in das Leben der einzelnen, der Familien, der Gemeinden und Kommunitäten einzugreifen. Die Presbyteroi, „Ältesten", Ortsgemeindevorsteher werden sich als Väter fühlen, die immer noch Brüder bleiben, werden verstehen, daß sie um der Gemeinde willen da sind, daß sie gewiß in der Autorität Christi reden können, aber doch nur auf dem Fundament, das die Gemeinde bildet, die auch den Geist Christi besitzt. Die Episkopoi, „Wächter", Bischöfe, werden es sich angelegen se in lassen, die Charismen ihres Territoriums zu ordnen, zusammenzufassen zum Effekt für das Ganze, zu wecken und zu pflegen. Sie werden sich hüten, durch Lust an disziplinärer Gewaltausübung oder aus Angst vor originalen Personen die Kräfte zu frustrieren und zu reduzieren, welche die Kirche zu ihrem Aufbau und zur Erfüllung ihrer Sendung braucht. Freiheit von überflüssigem Zwang ist allerdings zu wenig. Der zum Vollalter Christi gereifte, engagierte Christ will nicht nur nicht unnötig gegängelt werden, sondern will als Vollbürger de s Volkes Gottes in diesem genau beschriebene Rechte besitzen und ausüben können; er will sich in Gemeinde und Kirche voll entfalten können. Als Kirchenmitglied will er mit und an der Kirche arbeiten und, in ihr mitbestimmen. Diese Mitbestimmung kann verschiedene Formen und Grade besitzen; sie reicht vom Gehörtwerden, vom Initiativrecht, vom Mitberaten bis zur Mitentscheidung und Mitverantwortung. Engagement ohne Mitbestimmung ist ein Unding, niemand in der Kirche soll bloß Handlanger, Erfüllungsgehilfe se in. Monokratische Formen der Kirchenverwaltung sind ebenso biblisch unbegründet wie ineffektiv. Eine kuriale Theologenideologie hat zum Schaden des kirchlichen Ganzen ebenso den päpstlichen wie den episkopalen Monarchismus propagiert; aber so wie Petrus der Vorsteher eines Kollegiums von Aposteln, und selbst Apostel war, umgaben sich die Episkopen der frühchristlichen Gemeinden mit Kollegien von Presbytern und Diakonen. Das gremiale Prinzip erwächst von selbst aus der christlichen Brudergleichheit. Es realisiert den Wunsch, möglichst vielen aus dem königlichen, priesterlichen Geschlecht der Christen Anteil an der Entwicklung und  Auferbauung des Ganzen zu geben. Die zusätzliche gremiale Verfaßtheit der Kirche auf allen Ebenen ihrer Gesellschaft entspricht aber auch einzig und allein dem Faktum des modernen Lebens, dass niemand mehr imstande ist, das Wissen seiner Zeit, ja nur eines einzigen Faches, zu beherrschen, daß Teamwork in Forschung und Politik zu den Selbstverständlichkeiten effebtiver Arbeit gehören. Durch gremiale, kollektive Arbeitsweise und Führung legt die Kirche außerdem Zeugnis gegen jeden „Stalinismus", gegen Rechts- und Linksdiktaturen ab. Die Mobilisierung aller Kräfte zur Realisierung ihres Heilsauftrages kann nicht den Charakter einer quasimilitärischen acies ordinata haben. Der miles Christi von beute ist der engagierte Mensch, dem das Unheil seines Menschenbruders, das physische wie das geistige, auf der Seele brennt. Ein falscher Mystizismus hat den Gehorsam in der Kirche zur Kardinal- und Monopoltugend gemacht; ihm ist es zu verdanken, wenn die schöpferischen Menschen sich in diesem System nicht zurechtfinden, vor allem nicht entfalten können.

 

Demokratie wäre nichts ohne den Geist, das Ethos der Brüderlichkeit. Die Existenz des Christen ist nur in Interdependenz aller mit allen zu denken, in der Solidarität aller mit allen. „Einer ist euer Lehrer“, sagt Jesus, „ihr alle aber seid Brüder" (Mt23,8). Das Prinzip der Fraternität kann zur Empörung gegen ein festgefrorenes paternalistisches System führen, zur Revolution mit allen Verlusten an Autorität, an Ordnung, an Frieden, ja an Menschlichkeit. Das Prinzip Brüderlichkeit in der Kirche kann kein solches Vorzeichen haben. Trotzdem wären die Vorsteher der Kirche übel beraten, wenn sie im Ausdruck der Mündigkeit des Christen die luziferische Revolte sehen wollten und mit engstirnigen disziplinären Maßnahmen das einseitig paternalistische System zu retten, ja noch zu forcieren trachten. Jedes System hat seine Versuchungen, Irrungen, Korruptionen, auch das „demokratische"; nicht um der Schäden des paternalistischen Systems willen erwacht in der Weltkirche der Rut, die Forderung nach konsequenter Verwirklichung der Fraternität; es ist die Stimme des Evangeliums selbst, die sich hier Bahn bricht, nicht das Sonderinteresse oder gar der Machtwille einer frustrierten Gruppe, die man Laien nennt.

                                                                                               Otto Mauer
 

Zum Autor: 

 

Otto Mauer (1907-1973), engagierte sich vor dem Krieg im Bund Neuland, wurde 1931 zum Priester geweiht. In der Nazizeit mehrmals verhaftet, durfte er nicht mehr predigen. Nach dem Krieg einer der Promotoren der Katholischen Aktion, Domprediger zu St. Stephan, Geistlicher Assistent des Katholischen Akademikerverbandes und der Arbeitsgemeinschaft katholischer Journalisten, Gründer der Galerie Nächst St. Stephan, Mitbegründer von ,,Pro Oriente" und einer der Herausgeber der Zeitschrift ,“Wort und Wahrheit". Otto Mauer ist am 3. Oktober 1973 in Wien verstorben und in seinem Geburtsort Brunn am Gebirge begraben.

 

Otto Mauer: "Ein falscher Mystizimus hat den Gehorsam in der Kirche zur Kardinal- und Monopoltugend gemacht."

 

 

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