Dialog statt Dialogverweigerung

07.05.1993, Zentralkomitee der deutschen Katholiken

 

Wie in der Kirche miteinander umgehen?

 

I.
Im Frühjahr 1988 hat die Kommission 8 "Pastorale Grundfragen" vom Geschäftsführenden Ausschuß den Auftrag erhalten, über Konsequenzen der Communio-Ekklesiologie, über die Lage des Glaubens und seine Vermittlung sowie über das Thema Frau in der Kirche nachzudenken. Im Oktober 1991 wurde das Diskussionspapier der Kommission 8 "Dialogstatt Dialogverweigerung - Wie in der Kirche miteinander umgehen?" durch das Präsidium veröffentlicht, entstanden in einem vierjährigen Gesprächsprozeß, an dem Priester, Ordensleute und Laien beteiligt waren.

 

Der Ausgangspunkt für das Kommissionsgespräch lag im Vorfeld der gemeinsamen Studientagung von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken über die "Weitergabe des Glaubens" im Herbst 1988 und betraf die Lage des Glaubens und der Glaubensvermittlung. Das ist das Thema geblieben, verbunden mit der Einsicht, daß Dialogfähigkeit bzw. die Erfahrungen von Dialogverweigerung sich unmittelbar auf die Lage des Glaubens auswirken.

Der Dialogprozeß, begonnen 1988 in der Kommission, hat nach Erscheinen des Papiers in zahlreichen Gremien auf Diözesan-,Dekanats- und Pfarrgemeindeebene, in Verbänden, Gruppen und Gemeinschaften eine erfreuliche Fortsetzung erfahren und hält an.

Das Papier ist keine Momentaufnahme und kein abschließendes Dokument. Es ist ein Papier mit Ecken und Kanten, entstanden aus der gemeinsamen Sorge um die Glaubensvermittlung angesichts wachsender Entfremdung vieler Katholikinnen und Katholiken von ihrer Kirche. Es ist ein Papier, über das gestritten wird und gestritten werden soll. Sein Hauptanliegen ist, begreiflich zu machen, daß die Fähigkeit und Bereitschaft zum Beschluss des ZdK Dialog keine Stilfrage, sondern eine Lebensfrage für Kirche und Gesellschaft ist. Seine Botschaft lautet: Eine Kirche, die in ihrem Inneren nicht dialogbereit und dialogfähig ist, ist es auch nicht in ihrem Verhältnis zur Welt. Und wenn sie das nicht ist, dann wird es den katholischen Christinnen und Christen auch nicht gelingen können, die befreiende und erlösende Botschaft des Gottes Jesu Christi in diese Welt hineinzusprechen.

 

II.

Die Auswahl der Inhalte des Papiers ist bewußt beschränkt worden auf Fragen und Problemkreise, an denen wir in der katholischen Kirche in Deutschland arbeiten und um Antworten und Lösungen ringen können. Derzeit häufig diskutierte Fragen, die einer weltkirchlichen Lösung bedürfen, wurden deshalb nicht behandelt.

Die Lagebeschreibung bleibt nicht im innerkirchlichen Kontext verhaftet. Erst die Deutung tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen läßt den Grad der Verunsicherung und das Ausmaß der Entfremdung sichtbar werden. Im Papier ist der Identitätskonflikt herausgearbeitet, in dem sich immer mehr katholische Christinnen und Christen befinden: zwischen Mündigkeit und Bevormundung. In der Gesellschaft wie im Privatleben stehen Menschen heute unter dem Anspruch der Mündigkeit und einem hohen Maß an Selbstverantwortung und Selbstverpflichtung. In der Kirche erfahren sie sich immer noch häufig als Objekt von Leitung und Belehrung, auf die sie keinen Einfluß haben. Im Text ist kein Zweifel daran gelassen, daß nicht einer Demokratisierung der Kirche im staatsrechtlichen Sinn das Wort geredet wird. Es heißt dort dazu: "Denn der Souverän der Kirche ist nicht das Volk, sondern Christus. ... Es geht auch nicht darum, das Amt durch eine synodale Struktur zu ersetzen, wohl zu ergänzen" (S. 4).

Dialog wird in diesem Papier begriffen als Vollzugsweise des Kirche-Seins. Dialog ist mehr als eine Methode; Dialog ist eine Grundhaltung, die in Beschluss des ZdK verbindlicher Rede der gemeinsamen Erkenntnis und Wahrheitsfindung dient.

Manche befürchten, mit der Rede vom Dialog sei ein Angriff auf die Wahrheit und deren Vermittlung durch die Kirche verbunden, ausgelöst durch eine vorschnelle Anpassung an die Kultur der Moderne. Demgegenüber muß festgehalten werden, daß die Herausforderung zum Dialog aus der Mitte unseres Glaubens erwächst. Sie hat ihren tiefsten Grund im Glauben an die dialogische Gestalt göttlicher Offenbarung. "Der dreifaltige Gott, seine dialogische Gemeinschaft ist das 'höchste Urbild und Vorbild' der Kirche" (S. 10 mit Bezug auf das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils, Unitatis redintegratio 2).

Damit wird im Papier eine Vision aufgegriffen, die prägnant und gleichsam programmatisch von Papst Paul VI. in "Ecclesiam suam" so formuliert ist: Die Kirche muß bereit sein, "den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen. Niemand ist ihrem Herzen fremd, niemanden betrachtet sie, als hätte er mit ihrer Aufgabe nichts zu tun. Niemand ist ihr Feind, der es nicht selbst sein will." (ebd. Nr. 86).

Im Diskussionsbeitrag der Kommission 8 werden drei Felder exemplarisch als Prüfsteine für den Dialog beschrieben, die mit Beziehungen zu tun haben, in denen engagierte Laien in der Kirche stehen, und mit einem herausragenden Ort, an dem sie wirken, der Gemeinde. Alle Ausführungen kreisen letztlich um die Frage, wie die vielen Begabungen von Frauen und Männern, die diese Kirche ernstnehmen, die in ihr aufgewachsen sind und zu ihr stehen, auch tatsächlich eingebracht und damit verbundene Impulse realisiert werden. Mit dieser Frage verbinden sich bittere Erfahrungen. Niemand wird behaupten wollen, daß es nicht auch Erfahrungen des Gelingens und immer wieder neue Aufbrüche gegeben hat. Aber die stille Resignation von so vielen, und es werden immer mehr, macht nachdenklich und läßt aufhorchen.

Das Papier ist ein Plädoyer für mehr Eigenständigkeit der Laienarbeit, für mehr Gerechtigkeit den Frauen gegenüber und für mehr Subsidiarität im Verhältnis von Bistum und Gemeinde.

 

III.
Der Diskussionsbeitrag der Kommission 8 ist auf ein überwältigendes Echo gestoßen. Seit seinem Erscheinen wurden annähernd 50.000 Exemplare beim Generalsekretariat angefordert. Selten zuvor ist über eine Stellungnahme in so vielen Gemeinden, Dekanaten und Gruppen, in Verbänden und Diözesangremien diskutiert worden.

Darüber hinaus sind in einigen Diözesen Pastorale Foren (München, Freiburg) oder Diözesansynoden (Rottenburg-Stuttgart, Augsburg, Hildesheim) oder Pastoralgespräche (Köln, Würzburg) in Gang gekommen bzw. werden derzeit vorbereitet (Münster, Regensburg, Rottenburg- Stuttgart).

Die Vollversammlung begrüßt die breite Aufnahme von Fragen, die auch im Dialogpapier zur Sprache kommen, und die Umsetzung dieser Impulse. Sie wertet den Diskussionsbeitrag der Kommission 8 als gelungene Herausforderung, als offenes Wort zur Glaubwürdigkeitskrise und ermutigendes Plädoyer dafür, die Berufung der Laien durch den Herrn in Taufe und Firmung und ihre Teilhabe an seinem priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt als Grundlage einer eigenständigen und eigenverantworteten Laienarbeit in Kirche und Welt zu achten.

Die Vollversammlung plädiert mit Nachdruck für dialogische innerkirchliche Strukturen, die Verbindlichkeit und Verläßlichkeit schaffen und mit denen ein Klima des Vertrauens gefördert wird. Sie stellt sich deshalb inter folgende Forderungen, die auch durch diesen Dialogprozeß angeregt worden sind und denen durch Entscheidungen und Maßnahmen erschiedener Organe der Kirche in Deutschland Rechnung getragen werden muß:

1. Wir erwarten, daß die Deutsche Bischofskonferenz und die Diözesen in Deutschland, im Sinne des Beschlusses der Würzburger Synode "Ordnung für Schiedsstellen und Verwaltungsgerichte der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" (KGVO) 3 eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit einschließlich Schiedsstellen aufbauen (vgl. Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg 1976, S. 736).

2. Wir fordern die Deutsche Bischofskonferenz und die Diözesen in Deutschland auf, in der Verwaltung der Kirchensteuer das Prinzip der Subsidiarität neben dem Prinzip der Solidarität besser zu verankern; insbesondere dadurch, daß die finanzielle Selbständigkeit der Gemeinden gestärkt wird, etwa durch die Einrichtung oder Verbesserung von Schlüsselzuweisungen.

3. Wir fordern die Deutsche Bischofskonferenz, die Diözesanbischöfe, Generalvikare und Caritasdirektoren bzw. -direktorinnen auf, mehr Frauen an Leitungsaufgaben und in Beratungsgremien der Kirche verantwortlich zu beteiligen.

4. Wir erwarten, daß die Leiter der Seelsorgeämter und die Verantwortlichen für Erwachsenenbildung in den Diözesen verstärkt Bildungsangebote und Maßnahmen zur Befähigung von Laien und Priestern zu Kommunikation, Konfliktlösung und spiritueller Kompetenz einrichten und fördern.

5. Wir erwarten, daß die katholischen Verbände, die Diözesanräte der Katholiken, die Diözesanpastoralräte und alle übrigen Räte in den Diözesen auch zukünftig den Dialogprozeß in der Kirche fördern und in damit verbundenen Foren keine Alternative zu bisherigen Strukturen sehen, vielmehr ein Instrument zur Verlebendigung ihrer Arbeit.

6. Wir fordern die Bistumsleitungen auf, die Priesterräte, Diözesanräte und Diözesanpastoralräte an der Wahrnehmung von Leitungsaufgaben wirksam zu beteiligen.

7. Wir beauftragen das Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu prüfen, ob und unter welchen Umständen eine Studientagung von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken über den Dialog in der Kirche als Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung aller Getauften möglich ist.

8. Wir erwarten von allen Mitgliedern und Organen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sich selbst in die Pflicht zu nehmen, den Dialog untereinander zu verbessern.

9. Wir bitten die Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und alle Gruppen in der Kirche, trotz unterschiedlicher Auffassung miteinander im Gespräch zu bleiben oder auch neu ins Gespräch zu kommen.

10. Die Vollversammlung beauftragt das Generalsekretariat, gemeinsam mit der Kommission 8 "Pastorale Grundfragen" eine Dokumentation des bisherigen Dialogprozesses zu veröffentlichen. Die Vollversammlung stellt sich hinter den Diskussionsbeitrag der Kommission 8 und fordert alle Frauen und Männer, die in der Kirche Verantwortung tragen, auf, den begonnenen Dialogprozeß zu fördern. Sie dankt den Mitgliedern, Beraterinnen und Beratern der Kommission 8 "Pastorale Grundfragen" für ihren hilfreichen Diskussionsbeitrag.

Beschlossen von der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 7. Mai 1993

 

Herausgegeben vom Generalsekretariat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken,
Postfach 24 01 41, 53154 Bonn, Tel. (0228) 38 29 70;
Telefax (0228) 38 29 744, Internet: www.zdk.de, E-Mail: Info@zdk.de Dialog statt Dialogverweigerung

 

 

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