Die Kirche in ihrer schwersten Krise

01.12.2010, Thomas von Mitschke-Collande

 

Nachstehende Analyse der Kirche in Deutschland lässt Parallelen zu Österreich erkennen. "Die Kirche in ihrer schwersten Krise" von Thomas von Mitschke-Collande ist in der Zeitschrift "zur debatte" 7/2010, Seiten 26-28, der Katholischen Akademie in Bayern, erschienen.

 

 

Einführung

 

Die Katholiken in Deutschland sind in den letzten Jahren und insbesondere im letzten Jahr durch erhebliche Herausforderungen gegangen. Vor allem aber war es der Missbrauchsskandal, der 2010 Wellen schlug. So war zwar bereits bekannt, dass es zu Missbrauchsfällen gekommen war. Nicht bekannt hingegen war das Ausmaß der Verfehlungen. Zum Skandal entwickelte sich aber auch die Art und Weise, wie die Missbrauchsvorwürfe aufgearbeitet wurden; hinzu kamen andere Vorgänge, die schließlich sogar zur Neubesetzung eines Bischofstuhls führten. Die Ortsbischöfe haben sehr unterschiedlich in den einzelnen Diözesen reagiert. Manche waren sehr aktiv und haben z: B. jeden, der aus der Kirche ausgetreten ist, persönlich zu einem Gespräch eingeladen. Andere Bischöfe sind - so hat es zumindest den Eindruck - abgetaucht und haben ihre Geistlichen und Gläubigen vor Ort weitgehend sich selber überlassen.

 

Die Schlagzeilen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und haben gezeigt, wie stark das Ansehen von Kirche und Klerus beschädigt wurde. Jahrelang herrschte die überwiegende Tendenz, die Institution Kirche zu schützen; aus Sorge um das Ansehen der Institution. Auch jetzt hat die Leitung der Bischofskonferenz Anfang des Jahres über Wochen geschwiegen, bevor es die erste öffentliche Stellungnahme gab. Mögliche tiefer liegende strukturelle Ursachen für das Missbrauchsproblem der Kirche wurden bis heute nicht diskutiert.

 

Dies hat verheerende Folgen: Die Kirche verliert an Glaubwürdigkeit, der Zweifel unter den Gläubigen wächst ebenso wie die Verunsicherung unter den Mitarbeitern. Die Anzahl der Austritte ist sprunghaft angestiegen, katholische Seelsorger und Einrichtungen stehen bei vielen inzwischen unter Generalverdacht. Es droht eine Marginalisierung des gesellschaftlichen Einflusses der Kirche.

 

Einige Zahlen: In einer Forsa-Urnfrage von April 2010 sagen zwei Drittel der Bevölkerung, dass die Missbrauchsaffäre der Kirche dauerhaft geschadet hat. Drei Viertel halten die Aufarbeitung der Affäre durch die Kirche für wenig transparent.

Die Webseite kirchenaustritt.de hat normalerweise rund 20.000 Besucher pro Monat. Anfang 2010 stieg die Zahl sprunghaft auf mehr als 90.000 im Monat an. 2010 dürften die Austrittszahlen explodieren: 2006 und 2007 verließen etwa 90.000 Menschen die katholische Kirche, 2008 und 2009 waren es rund 120.000. Dieses Jahr wird die Zahl zwischen 250.000 und 375.000 liegen. Es wird häufig argumentiert, dass nur Menschen austreten, die ihre Bindung zur Kirche verloren haben, also sozusagen am Rande stehen. Nach der Forsa-Umfrage denken aber inzwischen sogar 20 % derjenigen, die sich als weitgehend oder sehr gläubig bezeichnen, über einen Austritt aus der Kirche nach.

 

Eine derartige Krise hat die katholische Kirche hierzulande noch nicht erlebt. Sie ist in dieser Form einmalig, die Auswirkungen sind konkret zu spüren. Ihre Ursachen liegen tiefer. Eine Beruhigung der Situation im Sinne einer Wiederherstellung des Status quo ist nicht zu erwarten.

 

Dimensionen der Krise

 

Die genannten Fakten sind besorgniserregend. Die aktuelle Krise trifft jedoch mit einer Entwicklung zusammen, die in ihren Dimensionen noch weitaus tiefgreifender und folgenschwerer ist. Diese Entwicklung, die sich nun schon seit mehr als 20 bzw. 30 Jahren zeigt, lässt sich als Ende der Volkskirche beschreiben - der Kirche, wie sie seit der Zeit des römischen Kaisers Konstantin existierte. Die konstantinische Kirche zeichnete sich durch die Übereinstimmung von gesellschaftlicher und kirchlicher Norm aus: Wer nicht an der Kirche partizipierte, stellte sich automatisch außerhalb der Gesellschaft. Dieses Modell, auf das Selbstverständnis, Strukturen und Prozesse der katholischen Kirche in weiten Teilen nach wie vor ausgerichtet sind, existiert heutzutage nicht mehr. Das Ende der Volkskirche ist vielfach bereits eingetreten. Die Kirche befindet sich in einer tiefen Identitätskrise, die sich fünffach, nämlich in einer Glaubens-, Vertrauens-, Autoritäts-, Führungs- und Vermittlungskrise, äußert.

 

1. Die Glaubenskrise

 

Die Krise des Glaubens ist umfassend und hat zentrale Inhalte der christlichen Lehre erfasst. Laut einer Allensbach-Umfrage glauben zwar noch 83 % der Katholiken an Gott, wobei die Vorstellungen zum Teil stark von dem personalen Gott des Alten und Neuen Testaments abweichen. Allerdings glaubt nur noch die Hälfte an ein Leben nach dem Tod und nur noch ein Drittel an die Auferstehung Jesu Christi und der Toten. Wie erfolgreich wäre eine Partei, in der nur ein Drittel elementare Parteiaussagen unterstützt?

 

2. Die Vertrauenskrise

 

Ihren Auftrag erfüllen und ihre Ziele erreichen kann die Kirche nur, wenn sie Vertrauen genießt. Dies gilt umso mehr für eine Institution, die ethisch-moralische Aussagen tätigt und entsprechende Ansprüche stellt. Hier steht die katholische Kirche vor einem eklatanten Problem: Laut Umfragen bringen die Deutschen der katholischen Kirche noch weniger Vertrauen entgegen als Großbanken, Parteien oder Aufsichtsräten, die in diesem Punkt ohnehin schon schlecht abschneiden.

 

Auch 23% der Katholiken zeigen kein Vertrauen in die Institution Kirche und geben ihr die Note 5 oder 6. Während jedoch nur 37 % der Nichtkatholiken einen dringenden Verbesserungsbedarf innerhalb der Kirche sehen, liegt dieser Wert mit 52 % bei den Katholiken deutlich höher. Dies ist positiv zu interpretieren. Die überwiegende Zahl der Katholiken hängt noch an ihrer Kirche. Diese Erwartungen dürfen nicht enttäuscht werden.

 

Im Gegensatz zur Institution Kirche wird die Arbeit auf der Gemeindeebene, dort wo sie für die Menschen konkret erfahrbar wird, deutlich besser beurteilt. Sie genießt eine hohe Wertschätzung. Ein Pfund mit dem sich - richtig genutzt - wuchern lässt.

 

3. Die Autoritätskrise

 

Als die Kirche noch Volkskirche war, hat sich die Gesellschaft an ihr und ihren Amtsträgern orientiert. Inzwischen hat die Kirche jedoch an Autorität verloren und spielt in der Meinungsbildung eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Immer mehr wird die Kirche von großen Teilen der Bevölkerung rein auf ihr soziales Engagement reduziert. Glaubensvermittlung als Aufgabe wird kaum wahrgenommen; viele sprechen der Kirche eine glaubwürdige Rolle bei der öffentlichen Meinungsbildung ab. Nur noch zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung orientieren sich laut Umfrage an der Institution Kirche und ihren Geistlichen.

 

4.Die Führungskrise

 

Mit der Autoritätskrise geht eine Führungskrise einher. Viele Katholiken äußern Zweifel an Teilen der Führungspersönlichkeiten ihrer Kirche: Mehr als die Hälfte aller Katholiken sind der Meinung, dass in der Kirche nicht die richtigen Leute in den Führungspositionen sitzen. Hinzu kommt, dass sich die Zahl der Priesterkandidaten in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert hat. Die Befürchtung ist berechtigt, dass mindestens in gleichem Maße die Zahl derer zurückgeht, die in ausreichendem Maße Talent, Ausstrahlung und Qualifikation besitzen, um ihrer Berufung gerecht zu werden. Dabei sind es gerade diese Persönlichkeiten, die in der aktuellen Krise dringend benötigt werden. Authentisches kirchliches Glaubenszeugnis braucht Menschen - "Burning Persons", die ihren Glauben mit Leidenschaft leben.

 

5. Die Vermittlungskrise

 

Die kirchlichen Diskussionen im vergangenen Jahrzehnt waren stark geprägt vom Thema Kosteneinsparungen. Oft wurde der Anschein vermittelt, mit mehr Geld ließen sich alle Probleme rasch beheben. Betrachtet man jedoch die Zahlen, liegen die Einnahmen aus Kirchensteuern heute selbst inflationsbereinigt knapp viermal so hoch wie vor 50 Jahren. Dennoch kommt die Botschaft der Kirche immer schwerer an: Im selben Zeitraum ist die Zahl der Gottesdienstbesucher um mehr als das Dreifache gesunken, die Zahl der Kasualien, z. T. auch demografisch bedingt, hat sich halbiert. Die zunehmende Säkularisierung, gravierende Veränderungen in gesellschaftlichen Werten und Verhalten der letzten fünfzig Jahre haben die Einstellung zur traditionellen Form kirchlicher Verkündigung verändert. Die Kirche befindet sich daher in einer tiefen Vermittlungskrise.

 

Das Ende der Volkskirche

 

All diese fünf Dimensionen sind Ausdruck einer übergreifenden Identitätskrise der Kirche, die das Ende der Volkskirche bedeutet. Die Säkularisierung schreitet voran. Kerninhalte des christlichen Credos sind nicht bekannt und werden nicht mehr geglaubt. Elementares Wissen über kirchliche Zusammenhänge ist nur noch in Ansätzen vorhanden. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bereits heute gehört mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland keiner christlichen Konfession mehr an, mit steigender Tendenz. In den letzten 20 Jahren hat die katholische Kirche netto 2,4 Mio. Mitglieder verloren. Das sind mehr als etwa zum gesamten Erzbistum Köln gehören.Hinzu kommt der demographische Faktor: Es sterben mehr Leute als getauft werden. Schreibt man diese Entwicklung fort, könnte es in 15 bis 20 Jahren weniger als 20 Mio. Katholiken in Deutschland geben.

 

In der ersten Säkularisierungswelle des 18. Jahrhunderts konnte sich die Kirche mit ihren Strukturen noch hinüberretten in das 19. Jahrhundert, getragen vor allem durch eine tiefe Volksfrömmigkeit. Diese Volksfrömmigkeit ist heute, im 21. Jahrhundert, in Deutschland kaum noch zu finden. Zwar gibt es auch in unseren Großstädten noch Fronleichnamsprozessionen; aber in vielen Gemeinden steht hier ein Häuflein von Gläubigen einer Mehrheit gegenüber, die diese „Folklore“ - im besten Falle - nur noch toleriert.

 

Daher stellt sich die Frage, welchen Weg die Kirche einschlagen und wie sie aus der Krise finden wird. Hier scheinen zwei Alternativen denkbar: Das eine Modell ist eine Kirche, die sich zurückzieht in die Wagenburg, die sich von der Welt abwendet und ihr eigenes Schrumpfen als unausweichlich akzeptiert. Das andere Modell ist eine offene, missionarische Kirche, die Teil der Gesellschaft ist, sich mit gesellschaftlichen Fragen im Sinne des Evangeliums auseinandersetzt, sich aber in einem säkularisierten Umfeld mit anderen sinnstiftenden Organisationen konfrontiert sieht. Das erste Modell ist der Weg des geringsten Widerstands. Um das zweite Modell zu leben und um es erfolgreich zu machen, bedarf es großer Anstrengung und Mut. Hier aber liegt die Chance der Kirche in Deutschland, die nicht vertan werden darf.

 

Chancen in der Krise

 

Momentan reagiert die Amtskirche lediglich auf akute Krisenerscheinungen im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal. Systematische Versuche, den Wandel proaktiv mitzugestalten, sind nicht zu erkennen, abgesehen von strukturellen Anpassungen auf Grund von Priestermangel und rückläufigen Finanzmitteln. Damit läuft die Amtskirche Gefahr, vorhandene Chancen zu übersehen.

 

Viele Menschen verspüren den Wunsch nach einer geistigen Orientierung. Das subjektive Wohlbefinden in der Bevölkerung hat sich dramatisch verschlechtert, das sozioökonomische Umfeld stellt eine anhaltende Herausforderung dar: Eine hohe Sockelarbeitslosigkeit, überlastete Sozialsysteme, die wachsende Staatsverschuldung und Schocks wie die globale Finanz- und Wirtschaftskrise führen zu Zukunftsängsten und einem Gefühl der persönlichen Ohnmacht. Dazu kommt verlorenes Vertrauen in fast alle zentralen Institutionen. Neben den systemischen Problemen wachsen in Deutschland auch die Individualängste: Der demoskopische Vergleich zwischen 1990 und 2010 zeigt dies deutlich.

 

Vor diesem Hintergrund müsste die Kirche eigentlich boomen. Die Menschen suchen nach Orientierung, Spiritualität und Gemeinschaft, wie etwa der Pilger- und Wallfahrtsboom der vergangenen Jahre zeigt. Doch statt in den beiden verfassten Kirchen wird das Bedürfnis nach Glauben und Spiritualität häufiger in Alternativen ausgelebt. Die Freikirchen erfahren enormen Zulauf. Man stößt auf einen unübersichtlichen Markt religiöser Spiritualität, spiritueller Wellness und Esoterik. Auf der anderen Seite stehen die beiden traditionellen, christlichen Kirchen, beide gefangen in ihren eigenen Innenorientierung und Identitätskrisen und zu sehr beschäftigt mit ihren finanziellen und personellen Problemen.

 

Ein Unternehmen in einer vergleichbaren Situation würde zu diesem Zeitpunkt eine umfassende, ausgangsoffene Positionsbestimmung durchführen. Das Ergebnis würde akzeptiert werden und zu entsprechenden Handlungen führen.

 

Um proaktiv auf die umfassende Identitätskrise reagieren zu können, muss die Kirche bereit sein, auch unangenehme Aussagen zu akzeptieren. Erst dann, mit der Bereitschaft, sich auf den Kern zu fokussieren, auf Stärken aufzubauen, bereit für eine neue Kultur des Miteinanders und der Offenheit für Paradigmenwechsel, kann die Kirche die Entwicklung unter Kontrolle bekommen.

 

Leitgedanken zur Überwindung der Krise

 

Wer sich als Institution - egal, ob nun kirchlicher, politischer oder wirtschaftlicher Art - mit schrumpfender Mitgliederzahl und rückläufiger Bedeutung abgibt, ist bereits verloren. Worauf es ankommt, ist selbst zu agieren, selbst hinauszugehen und die Botschaft zu verkünden.

 

Die Zukunft der katholischen Kirche wird davon abhängen, inwieweit sie ihre spirituelle Ausstrahlungskraft erhalten und stärken kann. Es darf keine Flucht nach innen stattfinden - die Kirche muss selbstbewusst Teil der Gesellschaft bleiben und Profil zeigen. Zur Bewältigung dieser letztendlich fundamentalen Krise könnte es fünf Stoßrichtungen geben.

 

1. Null-Fehler-Anspruch

 

Nach innen und außen muss klar kommuniziert werden, dass in der Kirche ab sofort Null-Fehler-Toleranz gilt und dass diese notwendig ist. Bei Fehlverhalten werden umgehend Konsequenzen gezogen, Schlüsselpositionen überprüft und wenn nötig neu besetzt. Der jüngste Skandal im deutschen Episkopat war ein Beispiel: Die Thematik und einige Einzelheiten waren öffentlich bekannt, Eingeweihte wussten noch mehr, doch trotzdem blieben Konsequenzen aus.

 

Ähnliches gilt für eine ganze Reihe anderer Situationen. Die katholische Kirche braucht klare und schnelle Prozesse. Die Einhaltung der Regeln muss in jedem Fall strikt kontrolliert werden, völlige Transparenz nach innen und nach außen gewährleistet sein. Wenn heute 75 % der Gläubigen meinen, dass diese Transparenz nicht gegeben ist - dann muss die Kirche genau dort ansetzen, will sie wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen.

 

Null-Fehler-Toleranz bedeutet nicht eine drakonische Bestrafung jedweden Vergehens. Aber Null-Fehler-Toleranz ist der Anspruch, die Heiligkeit der Kirche besser als bisher auch im Alltag zu leben.

 

2. Professionelle Medienarbeit

 

Die Kirche hat in den vergangenen Jahrhunderten von einer hervorragenden „Medienarbeit“ profitiert. Die Geschichte zeigt: Man muss die Gesetze der Medienwelt verstehen und sie sich zu eigen machen. Man muss bewusst breite Bevölkerungsschichten ansprechen und sich nicht nur auf das gehobene Bildungsbürgertum konzentrieren. Die Realität sieht allerdings anders aus:

 

Die wenigen Kirchensendungen, die es gibt, wenden sich ebenso wie kirchliche Veröffentlichungen in der Regel eben nicht an die breite Bevölkerung, sondern an das Bildungsbürgertum. In den elektronischen Medien ist die Kirche nicht gut positioniert. Es fehlt die überregionale Stimme der Kirche.

 

Die Kirche muss wieder kampagnenfähig werden und darf auch keine Scheu vor verantwortungsvoller Vereinfachung haben. Die Betonung liegt auf verantwortungsvoller Vereinfachung, und hier sind auch die Theologen gefordert. Eigentlich ist die Kirche eine medienwirksame Institution. Sie hat mit dem Evangelium Jesu Christi gute, immer aktuelle Botschaften, sei es die Bewahrung der Schöpfung, sei es die Moral, sei es ein "Du sollst nicht töten", sei es ein Eintreten für die sozial Schwachen am Rande der Leistungsgesellschaft. Hinzu kommen die Sichtbarkeit emotionaler Rituale und viele bekannte Persönlichkeiten, auf die die Kirche bauen kann. Ihre Gesichter ließen sich für die Medienarbeit nutzen - ebenso wie die Tatsache, dass die katholische Kirche weltweit präsent ist und mit Rom einen Mittelpunkt großer Anziehungskraft hat. Medienarbeit muss stimmig sein. Dass 27 Diözesen zu überregionalen Themen mit einer nicht abgestimmten, unterschiedlichen Sprache sprechen und sich teilweise widersprechen, darf es in der heutigen Medienwelt nicht geben. Auch kommt es darauf an, in der Sprache der Zeit zu reden. Jesus selbst hat keine Beispiele aus dem alten Ägypten gewählt, sondern Beispiele aus seinem Lebensumfeld, die die Menschen verstanden haben. Ziel ist es nicht, dem Zeitgeist hinterherzulaufen, sondern zu erkennen, dass der Inhalt der Botschaft zwar zeitlos ist, sich die Sprache im Verlauf aber kontinuierlich verändert.

 

3. Neue Kultur des Miteinanders

 

Die Kirche braucht eine neue Kultur des Miteinanders, sie braucht eine neue Dialogfähigkeit. Das bedeutet Diskussion und Kontroverse auf Augenhöhe innerhalb der Amtskirche sowie mit Laien und Wissenschaft. Diese Diskussionen dürfen nicht nur auf Amtsträger beschränkt werden, die Kirche muss eine integrative Gesprächs- und Streitkultur fördern und nicht ausgrenzen.

 

Bei der innerkirchlichen Diskussion geht es nicht darum, Glaubenswahrheiten zu hinterfragen - diese stehen nicht zur Disposition. Aber es gibt zweifellos Strukturen, Prozesse und kirchliche Richtlinien, die hinterfragt werden müssen. Hier ist zu viel Ängstlichkeit und Verzagtheit, häufig aus falsch verstandenem Gehorsam, zu beobachten. Laien sollten stärker in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden, die Zusammenarbeit zwischen ZdK und Episkopat sollte grundsätzlich überdacht und intensiviert werden. Ebenso muss die Kirche sich weiterhin in gesellschaftlich relevante Themen einmischen und hier selbstbewusst das Heilige und das Evangelium vertreten.

 

Innerkirchliche Diskussionen und Auseinandersetzungen dürfen nicht als Angriff oder Infragestellen verstanden werden, sondern als das Wirken des Heiligen Geistes. In der 2000-jährigen Kirchengeschichte haben Theologen und Laien fortwährend miteinander um die Wahrheit und den richtigen Weg gerungen und sich auseinandergesetzt - das hat die Kirche weitergebracht und wird die Kirche auch in Zukunft weiterbringen. Dialogfähig ist, wer sich seiner eigenen Positionen und Aussagen sicher ist. Ist er dies nicht, verweigert er sich der Auseinandersetzung.

 

Das „Gehorsamsprinzip“ darf nicht überhöht werden. Vielmehr ist auch eine loyale Verpflichtung zum Widerspruch, wo er angebracht erscheint, einzufordern.

 

Die Grundlagen dazu sind vorhanden: Es gibt Laien, Wissenschaftler und Jugendliche, die hier genutzt werden können. In den 13.000 Gemeinden gibt es allein über 100.000 ehrenamtliche Mitarbeiter, die sicher bereit wären mitzuwirken. Ähnliches gilt für Vertreter theologischer Fakultäten und Wissenschaftler. Das Ziel muss sein, einen positiv besetzten Dialog zu führen, konstruktive Mitwirkung zu ermöglichen und unnötige Frustration zu vermeiden. Dies setzt voraus, dass der Dialog auf Augenhöhe geführt wird - der Laie in der Diskussion also ebenso viel gilt wie der Geistliche. Daran fehlt es leider zu oft und daran muss gearbeitet werden.

 

4. Stärkung des Glaubens

 

Es gilt, den Gläubigen neu zu entdecken. Kirche ist das gesamte Volk Gottes. Das bedeutet auch, dass die Kirche ein stärkeres Engagement der Katholiken - speziell unter den Eliten – einfordern kann und muss. Gläubige dürfen nicht als Kunden betrachtet werden - ein Kunde kauft oder kauft nicht. In der Kirche sollte jeder gleichsam Kunde und Produzent sein. Durch das Verhalten und das Zeugnis eines Einzelnen, egal, ob Laie oder Geistlicher, wird Glauben produziert. Das muss die Kirche anerkennen, das muss die Kirche einfordern und das muss sie glaubhaft leben. Der Glaube aus Überzeugung muss an Stelle des Gehorsamsglaubens treten.

 

Ebenso kommt es darauf an, den Menschen uneingeschränkt in den Mittelpunkt zu stellen. Kirchengesetze dürfen nicht über die Bedürfnisse des Menschen gestellt werden. Das würde den Vertrauens- und Bedeutungsverlust der Kirche noch weiter verstärken. Die Kirche hat nur dann eine Chance, wenn der Mensch wieder zum Mittelpunkt allen kirchlichen Wirkens wird. Sie muss sich radikal von einer mahnenden Kirche zu einer dem Menschen dienenden und zuhörenden Kirche entwickeln. Oder wie sagte es mein verstorbener Ortspfarrer: „Lieber breche ich ein Gesetz der Kirche als das Herz eines Menschen.“

 

Die Kirche hat nachhaltige Stärken und muss sich nicht verstecken. Sie hat eine hohe Flächenpräsenz, es gibt eine Übernachfrage nach ihren Schulen und Kindergärten, und kirchliches Engagement erfährt hohe Wertschätzung. Nach wie vor hat die Kirche zudem eine hohe Mobilisierungskraft. Woche für Woche kommen 4 Mio. Menschen zum Gottesdienst: Eine hohe spirituelle Ausstrahlung und das Evangelium Jesu Christi als eine unverändert attraktive Botschaft sprechen für sich.

 

5, Glaubhafter Erneuerungsprozess

 

Die Kirche sollte sich einem glaubhaften Erneuerungsprozess unterwerfen. Besonders in aktuellen Diskussionen wird von Bischöfen viel von Erneuerung gesprochen, und dementsprechend besteht eine sehr hohe Erwartungshaltung. Hier müssen Taten folgen - nicht nur gut gemeinte, aufrichtige Willensbekundungen - um diesen Erneuerungsprozess glaubhaft umzusetzen.

 

Auf Gemeindeebene diskutieren engagierte Katholiken in vielfältigen Initiativen. Ihr „Noch“-Engagement und ihre Erwartungen dürfen nicht enttäuscht werden. Führung und klare, sichtbare Schritte der Bischöfe sind jetzt erforderlich. Die Zeit dafür drängt - schon bei der Herbsttagung 2010 der Deutschen Bischofskonferenz sollten entsprechende Maßnahmen vereinbart werden.

 

Natürlich hat das deutsche Episkopat nur einen eingeschränkten Gestaltungsspielraum. Grundsätzliche Entscheidungen wie etwa die Zulassung protestantischer Partner aus gemischt konfessionellen Ehen zur Kommunion kann es nicht treffen. Es kann aber die Aktivitäten und Erwartungen der Basis kanalisieren. Dafür braucht es einen breit gefächerten Dialogprozess, der in einer Zukunftskonferenz mündet: „Unsere Kirche von morgen“ - beispielsweise zu Pfingsten 2012 in Fulda am Grab des heiligen Bonifaz.

 

Zu diskutieren sind z. B. die Themen Kontrolle und Legitimation von Macht innerhalb der Kirche wie auch die Frage, inwieweit manche Prozesse und Strukturen noch den legitimen Erwartungen einer demokratischen, sich zunehmend individualisierenden Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts entsprechen. Kirche muss lebendiger Teil dieser Gesellschaft sein, muss sich mit ihr weiterentwickeln und darf nicht außen vor verharren. Eine solche Diskussion hat nichts mit Glaubenswahrheiten zu tun, in keiner Weise würde damit das Evangelium in Frage gestellt werden, ganz im Gegenteil. Das gleiche gilt für Themen wie die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, die Sexualmoral der Kirche, die Rolle der Frau, den Zugang zum Priesteramt. Alle diese Themen müssen ohne Tabus diskutierbar sein.

 

Natürlich muss anerkannt werden, dass auch für die Bischöfe die gegenwärtige Situation nicht einfach ist. Sie sind vielen unberechtigten Anfeindungen ausgesetzt. Ihr Handlungsspielraum ist eingeschränkt. Sie müssen das Ganze im Auge behalten und mitnehmen. Dennoch sind sie jetzt gefordert. Die gegenwärtige Chance vergeht, die Zeit drängt. Ihre Führung ist jetzt notwendiger denn je.

 

Ein Erfolg ist möglich. Die Bereitschaft ist vor allem vorhanden unter den Gläubigen. Auf dem Kirchentag wurde bereits verkündet: Umkehr und Neuanfang sind notwendig, und Erzbischof Marx sagte unter dem zustimmenden Beifall seiner Kollegen, es gelte einen Neuaufbruch zu wagen. Dem Wort „wagen“ kommt hier eine zentrale Rolle zu: Wahrscheinlich wusste Johannes XXIII. bei der Ankündigung des zweiten Vatikanums auch nicht, was im Einzelnen die Resultate sein würden. Stattdessen sagte er: „Wir wagen jetzt diesen Aufbruch und dann wird der Heilige Geist uns schon leiten, so dass die richtigen Ergebnisse dabei herauskommen.“

Nicht wer abwartet, beweist Gottvertrauen, sondern wer im Vertrauen auf Gott mutige Schritte tut.

 

Der Autor: Dr. Thomas von Mitschke-Collande, 60, ist Katholik und Unternehmensberater. Seit April 2010 Director emeritus der Unternehmensberatung McKinsey in München. Er hat in den vergangenen Jahren mehrere Bistümer und das Sekretariat der Deutschen Bischofkonferenz beraten und nennt sich selbst einen "engagierten Katholiken".

 

 

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