Die Kirche und die Frauenfrage – aufgezeigt an der Frage der Gottebenbildlichkeit der Frau

30.05.2007, Univ.-Prof. Dr. Helen Schüngel-Straumann

 

Ich wurde gebeten, diesen Vortrag im Rahmen von Diskriminierungen in der Kirche u.a. auch mit biographischen Teilen zu verbinden. Das habe ich zwar so noch nie gemacht, ich werde aber versuchen, einige Szenen aus meinem schwierigen Lebenslauf einzuschieben, die mit meinem Status als Frau in der kath. Kirche zu tun haben.

 

Ich bin gegen alle Diskriminierungen von Minderheiten in der Kirche, die Diskriminierung von Frauen ist aber davon die weitreichendste. Denn Frauen sind ja gar keine Minderheit, sondern überall, in Gesellschaft und Kirche, die Mehrheit. Sie werden aber behandelt wie eine Minderheit, häufig wie eine minderbemittelte Minderheit.

Ich möchte mich kurz vorstellen: als Schweizerin bin ich 1940 in St. Gallen geboren und später Exegetin geworden (Altes Testament). Meines Wissens war ich die erste Schweizerin, die in katholischer Theologie promoviert hat, noch in den 60er Jahren, und zwar in Bonn. Bis 2001 war ich Professorin für Biblische Theologie an der Universität Kassel, jetzt im sog. Ruhestand.

Ich stamme aus einer Familie mit fünf Kindern und wurde als Älteste schon früh zu harter Arbeit herangezogen und hatte nicht die geringste Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Für meine Eltern kam dies für ein Mädchen nicht in Frage, obwohl ich in allen Klassen und Schulen immer nur die besten Zeugnisse hatte. So ging ich schließlich mit einem Handelsdiplom mit 18 Jahren von Luzern nach Zürich, wo ich ein Abendgymnasium besuchte und tagsüber als Sekretärin mein Geld verdiente.

Nun zum thematischen Teil.

 

1. Einführung

 

Zunächst möchte ich über die Grundlagen dessen sprechen, was man als „christliches Frauenbild“ bezeichnet, dann über den Zusammenhang mit der Bibel. Denn das, was gemeinhin als „christliches Frauenbild“ gilt, ist in der Theologie sehr stark von der Auslegung der beiden Kapitel der Genesis (2 und 3), der Geschichte von der Erschaffung der Frau aus einer Rippe des Menschen und der sog. Sündenfallerzählung geprägt. Die Frau wurde abgewertet: als zweit-erschaffen, aber als erste Sünderin und Verführerin wurde sie zumeist verantwortlich gemacht für Sünde und Tod sowie für alle Übel der Welt. Die Frau hatte sich nach dieser Auslegung dem Manne unterzuordnen, sie war zweitklassig in der Schöpfungsordnung, aber erstklassig in der Sündenordnung. Ich erspare es mir, Stellen hierzu aus berühmten Kirchenvätern zu zitieren, damit kämen wir an kein Ende. Die Fülle der Literatur über die Abwertung von Frauen in der christlichen Tradition ist immens. [1]

Erst in neuerer Zeit hat man vermehrt wieder auf das erste Kapitel der Bibel zurückgegriffen, auf Gen 1, wo von der Würde des Menschen, seiner Gottebenbildlichkeit, seiner Größe die Rede ist. Diese Rede über den Menschen, wie sie von keinem andern Lebewesen überliefert ist, auch nicht von der Schöpfung als ganzer, möchte ich zur biblischen Grundlage meiner Ausführungen machen.

Es ist ja sehr bedauerlich, dass in weiten Kreisen der christlichen Tradition das Beklagen der Sünde, der Erde als Jammertal u.ä. mehr Raum eingenommen hat als die Freude über die Schöpfung, das Loben Gottes wegen der Schönheit, die er geschaffen hat, auch über die Würde und Größe des Menschen wie sie z.B. in Ps 8 so großartig zum Ausdruck kommt. Für das Böse, das im Denken so sehr im Vordergrund stand, brauchte man einen Sündenbock, und dieser Sündenbock war über Jahrhunderte hin die Frau.

Für diese negative Tradition füge ich ein Zitat aus einer Außensicht an, um zu zeigen, wie dies von einer nichtchristlichen feministischen Wissenschaftlerin, und zwar von einer Islamwissenschaftlerin, wahrgenommen wird. Der Dialog mit dem Islam, der ja heute so wichtig ist, ist unter Frauen inzwischen rege im Gange. Die Probleme, die dort am drängendsten sind, sind oder waren auch in unseren Breiten teilweise die unsrigen. So hat Riffat Hassan schon vor zehn Jahren nach längerem Studium der christlichen Auslegungsgeschichte von Gen 1-3 folgendes als Quintessenz angeführt (sie spricht von „drei theologischen Grundannahmen“):

„Diese drei Annahmen sind, dass das erste Wesen, das Gott erschaffen hat, ein Mann und nicht eine Frau war, da die Frau angeblich aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, daher abgeleitet und ontologisch sekundär ist; dass die Frau und nicht der Mann das Hauptwerkzeug dessen war, was meist als ‚der Sündenfall’ oder ‚die Vertreibung aus dem Paradies’ bezeichnet wird und daher allen Evastöchtern mit Hass, Misstrauen und Verachtung begegnet werden muss; und dass die Frau nicht nur aus dem Mann, sondern auch für den Mann geschaffen wurde, was ihre Existenz nur instrumental, nicht fundamental macht.“ [2]

Nun zur Frage der Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Bibel.

 

2. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen

 

Eine der Spitzenaussagen zur Anthropologie der hebräischen Bibel aus der Zeit des Babylonischen Exils (6. Jh.v.Chr.) ist der Satz: „Und es erschuf Gott den Menschen als sein Bild: als Bild Gottes erschuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1,27)

Diese Aussage der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist zentraler Glaubenssatz sowohl evangelischer wie katholischer Anthropologie. Dieser Satz ist auch die grundlegende Quelle dessen, was später zu dem Begriff der „Menschenwürde“ geführt hat, auch wenn dies in dem Jahrhunderte langen Kampf um Menschenwürde und Menschenrechte nicht immer deutlich wurde. Die Rede von den Menschenrechten ist ja auch nicht identisch mit dem, was unter „Würde“ verstanden wird. Über die „Würde der Frau“ wird ja in der katholischen Kirche häufig und mit großen Worten gesprochen, ohne dass das, was mit den Rechten gemeint ist, damit eingelöst würde. Elisabeth Gössmann macht auf diesen Zusammenhang mit der Gottebenbildlichkeit in einem Aufsatz darauf aufmerksam, der über den Generationenwechsel in der katholischen Theologie berichtet: „Wir dürfen den Begriff der Gottebenbildlichkeit getrost als einen Vorläuferbegriff zu dem der Menschenrechte ansehen, mit dem sich die Kirche anfangs schwer tat, denn wie dieser bringt er Rechte und Pflichten mit sich.“ [3]

 

2.1. Die Gottebenbildlichkeit der Frau [4]

 

Im folgenden schränke ich meine Aussagen auf die Gottebenbildlichkeit der Frau ein. Denn diejenige des Mannes ist in der gesamten Theologiegeschichte überhaupt noch nie bezweifelt worden, so selbstverständlich war sie. Dagegen wurde über die Gottebenbildlichkeit der Frau fast zweitausend Jahre lang gestritten, man hat sie teilweise geleugnet, abgeschwächt oder sie einer minderen Ordnung zugewiesen. Das ist besonders noch dadurch belastet, dass im Lateinischen homo sowohl „Mensch“ wie auch „Mann“ heißt, was auch in allen romanischen Sprachen bis heute so geblieben ist. Im Deutschen jedoch bezeichnet „Mensch“ eigentlich beide Geschlechter, wenn man aber genau hinschaut, ist es häufig nur auf den Mann eingeschränkt. [5]

Im Verlauf der Französischen Revolution wurde das Schlagwort „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ propagiert. Viele Frauen, besonders bekannt ist Olympe de Gouges, haben das Wort geprägt, Frauen hätten zwar das Recht, auf dem Schafott zu sterben, aber die bürgerlichen Rechte seien ihnen verwehrt, so wie auch der Ausdruck droits de l’homme (Menschenrechte) im Grunde nur die Männerrechte bezeichnen; so ist es in den folgenden zweihundert Jahren auch geblieben. Auf diese Tatsache haben in den 90er Jahren, als man zweihundert Jahre Französische Revolution feierte, zahlreiche Symposien und Tagungen hingewiesen. [6]

Bevor ich nun zum Bibeltext von Gen 1,26-28 komme, nun noch ein kleiner Einschub zu meinem Lebenslauf, wie sich solche Minderbewertung der Frau ausgewirkt hat:

Als ich mich um 1959/60 in Luzern nach den Möglichkeiten eines Stipendiums für mein Studium erkundigte, erhielt ich von mehreren Stellen die Auskunft: Wenn ich ein Junge wäre und Priester werden möchte, hätten sie mir mehr als ein Dutzend Möglichkeiten anzubieten. Dass aber ein Mädchen Theologie studieren wolle, das sei nicht vorgesehen, das sei unmöglich, ja verrückt. Dafür gebe es nirgendwo Geld.

So verdiente ich mir mein Studium selbst – weder bekam ich ein Stipendium aus der Schweiz noch später in Deutschland, wo ich dann studierte, auch von meinen Eltern habe ich nie einen roten Rappen erhalten. Mit 18 ging ich von Luzern weg, um ein privates Abendgymnasium in Zürich zu besuchen. Tagsüber arbeitete ich voll als Sekretärin, die meiste Zeit in einem jüdischen Geschäft. Nach fünf Semestern hatte ich dann meine Matura Typ A mit Latein und Griechisch, nach einer schweren externen Prüfung in Bern und Basel.

Nachdem ich 1960 mein Theologiestudium in Tübingen aufgenommen hatte, gelang es mir immer wieder, in den Semesterferien wieder so viel zu verdienen, dass es für das nächste Semester wieder reichte. Da das Leben in Tübingen günstiger war als in der Schweiz, konnte ich oft sogar noch etwas sparen. Denn zum Geldausgeben hatte ich nie Zeit.

Was sagt nun der Text, der allen diesen Aussagen über die Minderbewertung der Frau zugrunde liegt, eigentlich genau aus? Ich mute Ihnen nun ca. 20 Minuten exegetische Arbeit zur Gottebenbildlichkeit zu.

Am Ende der sechs Tage, in denen Gott Himmel und Erde und alles, was darauf ist, erschaffen hat, kommt es zur Erschaffung des Menschen (‚adam). Dieses letzte Werk Gottes wird mit einem eigenen Entschluss Gottes eingeführt:

(26a) „Und Gott sagte: (b) Lasst uns Menschen (‚adam) machen als unser Bild: etwa in unserer Gestalt, (c) damit sie herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über alles wilde Getier auf der Erde und über alles Kriechgetier, das auf der Erde kriecht.“

Mit ‚adam werden die Menschen bezeichnet, alle Menschen, die Menschheit als Gattung insgesamt. ‚adam ist ein Gattungsbegriff, es gibt dazu keinen Plural. Man kann dieses Wort übersetzen mit „Mensch“, mit „Menschheit“ oder mit „Menschen“. Es ist noch undifferenziert. ‚adam ist jedenfalls kein Mann. Der Finalsatz „… damit sie …“ gibt den Zweck an, nämlich dass sie herrschen sollen.

Für die Ausdrucksweise „Bild Gottes“ werden hier zwei Begriffe verwendet: einmal steht selem, d.h. Standbild, z.B. eines Königs, dann „etwas in der Ähnlichkeit wie“. Mit dieser vorsichtigen Formulierung zeigt der Verfasser, dass ihm eigentlich die Worte fehlen, um das auszudrücken, was er meint. Aus der Doppelheit des Begriffs hat man in der christlichen Tradition dann weit reichende Schlüsse gezogen. Im Lateinischen wurden dafür zwei unterschiedliche Termini eingesetzt: für den ersten die Übersetzung imago Dei (Bild Gottes), für den zweiten den Begriff similitudo (Ähnlichkeit). Darauf wurden bereits in der Patristik ganze philosophische und theologische Systeme errichtet und damit die Aussagen von Gen 1 verschoben. Vor allem aber wurde eine Eigentümlichkeit der hebräischen Sprache verkannt, nämlich komplizierte Sachverhalte mit mehreren Begriffen sozusagen zu umkreisen. Weil gerade keine genaue Definition gegeben werden sollte, wurde im Hebräischen die beiden Begriffe selem und demut verwendet. Aber die lateinischen Theologen übersetzten ja nicht direkt aus dem hebräischen Urtext, sondern aus der griechischen Septuaginta (LXX) – die Problematik von Bibelübersetzungen gibt es nicht erst heute, sie ist schon zweitausend Jahre alt!

Der nächste Vers 27, der schon anfangs zitiert wurde, gibt nun die Ausführung an:

(27a) „Und es erschuf Gott den Menschen (‚adam) als sein Bild, (b) als Bild Gottes erschuf er ihn, (c) männlich und weiblich erschuf er sie.“

In dieser dreiteiligen Ausführung wird der Mensch in den ersten beiden Zeilen im Singular bezeichnet, in der dritten Zeile steht ein Plural, wobei hier grammatisch eine gewisse Spannung entsteht. Neu ist nun der Zusammenhang der Aussage „männlich und weiblich erschuf er sie“ mit der Erschaffung als Bild Gottes. Damit kommt der Satzteil „männlich und weiblich …“ genau in die Mitte der Sätze über die Menschenschöpfung zu stehen. Ganz zentral ist auch hier – wie in Gen 2, wo die Erschaffung der Frau in den Garten, in die gute Ordnung Gottes gehört – die Differenzierung der menschlichen Geschlechter in die Schöpfung eingebunden. Sie gehört zu der persönlich von Gott ausgeführten guten Schöpfung, wie sie in diesem Vers dreimal mit dem Verb bara’ (erschaffen) ausgedrückt wird; dieses Verb wird ausschließlich vom voraussetzungslosen Schaffen Gottes gebraucht. Wie in Gen 2 Gott ausdrücklich selbst feststellte, dass es nicht gut sei für ‚adam, allein zu sein, so gehört hier die Bestimmung „männlich und weiblich“ in die gute Ordnung Gottes. Sie gehört nicht nur in die Schöpfung, sondern noch enger in die Abbildlichkeit Gottes hinein. Damit wären schon grundsätzlich alle jene Auslegungen abgelehnt, die die Entdeckung der Sexualität oder die Leiblichkeit insgesamt als etwas Minderwertiges, als etwas, das der Mensch eigentlich überwinden müsste, ansieht. Die Leiblichkeit, die dann in einer späteren dualistischen und leibfeindlichen Tradition fast ausschließlich der Frau zugewiesen wurde, während der Mann auf die Seite des Geistes zu stehen kam, ist hier voll in die Schöpfung und die Aussage der Gottebenbildlichkeit integriert. Denn „männlich und weiblich“ bezieht sich auf den ganzen Menschen. Eine Aufteilung des Menschen in Geist und Körper oder etwa eine Beschränkung der Gottebenbildlichkeit auf die Seele hätten die Verfasser von Gen 1 gar nicht verstanden, weil diese Aufteilung des Menschen dem hebräischen Denken fremd war. Der Mensch als Ganzes, in seiner weiblichen und männlichen Ausprägung, ist Bild Gottes.

Der dritte Teil bringt die Folgen dieser Erschaffung, den Segen Gottes:

(28a) „Und es segnete sie Gott, (b) und es sprach zu ihnen Gott: (c) Seid fruchtbar und werdet zahlreich (d) und füllet die Erde (e) und unterwerft sie (f) und herrscht über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alles Getier, das auf der Erde kriecht.“

Die Aussagen dieses prägnanten Textes sind insgesamt nicht auf dem Hintergrund ihrer langen Interpretationsgeschichte, sondern zunächst auf ihrem eigenen zu lesen. Die Verfasser wollten nicht metaphysische Aussagen über den Menschen machen, sondern Stellung und Aufgabe des Menschen auf dem Hintergrund altorientalischer Welt- und Menschenvorstellungen angeben. Dabei sagt der Text selbst, was unter „Bild Gottes“ zu verstehen ist: Der Finalsatz V 26 gibt das Herrschen an, und dies ist am Schluss, in V 28, wiederholt. Hier ist die altorientalische Königsideologie im Blick, wo der König als Stellvertreter der Gottheit auftritt. Solche Vorstellungen waren vor allem in Ägypten ausgeprägt: König oder Königin traten dort als Repräsentanten der Gottheit auf. [7] In Ägypten wird der König als Bild eines Gottes bezeichnet, weil er als dessen „lebendiges Kultbild“ gilt.

Während es sich in Israels Umwelt jedoch immer um herausragende Einzelpersonen handelt, ist in unserem biblischen Text der Mensch als Mensch Stellvertreter Gottes. Dies wird besonders darin deutlich, dass das Herrschen als die besondere Füllung dieser Aussage zu sehen ist. Nicht in seinem „Geist“, auch nicht in seiner „Seele“ oder in seiner „aufrechten Gestalt“ ist der Mensch Bild Gottes, sondern in seiner Funktion [8] als Verwalter/in der Welt. Solches „Herrschen“ bedeutet dann nicht willkürliches Verfügen, sondern es heißt Verantwortung übernehmen: Die Menschen als Stellvertreter Gottes sind für die Geschöpfe zuständig wie Gott für die Schöpfung insgesamt.

Wichtig ist zu betonen, dass hier die Menschen nur über die übrige Schöpfung herrschen, also nicht über andere Menschen! Das Herrschen über Menschen – wie es auch die altorientalischen Könige tun – ist Gott allein vorbehalten. Der Verfasser von Gen 1 hat somit Vorstellungen, die er aus seiner Umwelt übernommen hat, in gezielter Weise verschoben: einmal ist das Herrschen über Menschen ausgeschlossen, weiter sind die Menschen, die herrschen sollen, klar als männlich und weiblich qualifiziert. Damit ist in dieser Aussage auch die Herrschaft des Mannes über die Frau ausgeschlossen! Dass dies bis heute nie explizit ausgesprochen wurde, ist mehr als erstaunlich. Eine genaue Analyse der Formulierung von Gen 1,26-28 ergibt nämlich genau dies: Mann und Frau beherrschen/leiten die übrige Schöpfung, und dies schließt überaus deutlich aus, dass sich eines der Geschlechter die Herrschaft über das andere anmaßen darf. Wenn also der Mann über die Frau herrscht und diese unter solcher Herrschaft und ihrer Bezogenheit auf den Mann zu leiden hat, so ist dies nach Gen 1 nicht schöpfungsgemäß, dann handelt es sich um eine Perversion der ursprünglichen Ordnung.

Bei der Redeweise „der Mensch“ oder „die Menschen“ gerät häufig aus dem Blick, dass es sich immer um beide Geschlechter handelt, von denen hier die Rede ist. Ausdrücklich wird beiden diese Leitungsfunktion übertragen, Mann und Frau. Die letzte Zeile des Mittelstücks (“männlich und weiblich erschuf er sie“) ist nicht nur für den Fruchtbarkeitssegen notwendig. Hier ist freilich die Frau unverzichtbar, aber der Auftrag des Herrschens wird in V 28, und zwar im Plural, wiederholt! Mann und Frau haben somit gemeinsam den Auftrag, die Welt verantwortlich zu leiten. Dies heißt aber auch – betrachtet man dies von der anderen Seite -, dass Mann und Frau nur dort als Repräsentanten, als Bild Gottes  fungieren, wo sie gemeinsam die Verantwortung tragen. Dies ist nicht individuell gemeint, als könnten die Menschen nur noch paarweise auftreten, sondern grundsätzlich. Wenn ein Geschlecht allein die Welt beherrscht, [9] kommt es zu einer Perversion der gemeinten theologischen Aussage. Die allgemeine Redeweise vom Herrschaftsauftrag an den Menschen hat jedoch praktisch nur für den Mann Wirkungen gezeigt.

Wichtig ist noch anzumerken, dass die Gottebenbildlichkeit der Menschen – aller Menschen – etwas Dauerndes und Bleibendes ist. Sie geht nicht verloren, etwa durch einen irgendwie vorgestellten Sündenfall. Auch die große Flut, die wegen der Verderbtheit der Menschheit über die Erde kommt, ist nicht geeignet, irgendetwas an dieser gegebenen Würde des Menschen zu ändern: Nach der Flut wird ausdrücklich festgestellt, dass die Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind und dass deswegen die Tötung eines Menschen nicht erlaubt ist (Gen 9,6).

 

2.2. Weiterentwicklung in alttestamentlicher Zeit

 

Ich muss leider hier diese interessanten Zusammenhänge aus der Genesis verlassen, um die Kernfrage zu stellen: Wie ist es dann gekommen, dass man in der späteren Tradition diese so klare und eindeutige Aussage über die Gottebenbildlichkeit der Menschen, beider Geschlechter, Männer und Frauen, eingeebnet, eingeschränkt hat auf den Mann? Schon in dem Ausdruck „Herrschaftsauftrag“ steckt ja, wie gesagt, eine klare männliche Vorstellung. Beides, Gottebenbildlichkeit und Herrschaftsauftrag hängen ja eng und unzertrennbar zusammen. Was ist also geschehen bei den verschiedenen Übertragungen und Auslegungen der hebräischen Texte in der Spätzeit – etwa ab dem 4./3. Jh.v.Chr., wo die ganze gebildete Welt anfing, griechisch zu sprechen?

Nach dem theologisch-programmatischen Text von Gen 1,26-28 ist heute unbestritten, dass Mann und Frau als Bild Gottes geschaffen sind, beide gleichzeitig und ohne Unterschied. Trotzdem hat die apokryphe Tradition bereits in vorchristlicher Zeit begonnen, die Gottebenbildlichkeit der Frau einzuschränken. Einmal geschah dies wegen der Reihenfolge (erst der Mann, dann die Frau, nach dem antiken Prinzip: der Erste ist der Beste), dann durch den Wechsel zwischen Singular und Plural in der zweiten und dritten Zeile von Gen 1,27. Nach der hebräischen Grammatik muss, da es ‚adam nur in der singularischen Form gibt, ein Singular stehen (Gott erschuf ’adam als sein Bild), in der Ausführung „männlich und weiblich erschuf er sie“, muss dann logischerweise ein Plural kommen. Das haben die späteren Interpreten – natürlich ausschließlich Männer – so verstanden, dass nur der Mann eigentliches Bild Gottes sei, die  Ausfaltung „männlich – weiblich“ sei nur wegen der später erwähnten Fruchtbarkeit nötig. Dies war eine Interpretationsmöglichkeit, die Gottebenbildllichkeit der Frau einzuschränken.

Es kommt aber noch schlimmer. Theologisch bedeutender und gravierender war die spätere Fehlinterpretation, dass man in der griechischen Übersetzung ‚adam (Mensch/Menschheit) zumeist als Eigennamen verstand und mit Adam (groß geschrieben) wiedergab. So wird dann der Gattungsbegriff „Mensch“ häufig nur auf den Mann eingeschränkt, ‚adam als ein männliches Individuum verstanden. Aus dieser Zeit stammt auch unsere heute noch gängige Rede von „Adam und Eva“ als zwei Individuen, obwohl doch in Gen 2 von Mann und Frau (‚iš und ’iššah) ohne Eigennamen die Rede war: ein exemplarisches Menschenpaar. Meist ist nicht bewusst, dass hier der Knackpunkt aller weiteren Fehlinterpretationen vorliegt!

Bis jetzt bin ich in der vorchristlichen Zeit geblieben, nun entwickelt sich die Sache weiter.

 

2.3. Weiterentwicklungen im Neuen Testament

 

Mit diesen oben genannten Voraussetzungen hat man dann auch den Herrschaftsauftrag, der an alle Menschen erging, auf den Mann eingeschränkt. Das Tragische an dieser Entwicklung ist nun, da sie fast ausschließlich in griechischer Sprache vorliegt, dass sie auch ins NT gelangte. Alle neutestamentlichen Schriftsteller schrieben griechisch, und so haben diese Fehlinterpretationen der Antike Eingang gefunden in die neutestamentliche Anthropologie, vor allem in die Briefe des Paulus. Von Jesus selbst ist in dieser Frage nichts überliefert.

Von Paulus möchte ich nur kurz zwei Gedankenkomplexe anführen, die Weichen für eine zukünftige Interpretation gestellt haben: einmal seine Typologie in der Entgegensetzung von Adam und Christus im Römerbrief, sodann seine langen Ausführungen in 1 Kor 11, wo er ausdrücklich Gen 1 auslegt.

Röm 5
Paulus hat eine Typologie entwickelt, die bis heute lebendig ist, die aber für Frauen sehr negativ gewirkt hat, was ihre Symbolik angeht: Röm 5 stellt er die Adamsgestalt als Typos des ersten (sündigen) Menschen der Christusgestalt als Typos des erlösten Menschen gegenüber. Selbstverständlich sind für Paulus die Frauen ein-, nicht ausgeschlossen. Adam meint die gesamte sündige Menschheit, Christus umfasst die gesamte erlöste Menschheit. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass beide Symbole männlich sind. Adam (als Eigennamen) entspricht Christus (als Eigennamen). Aus dieser theologischen Typologie fällt die Frau schlicht heraus, ohne dass dies zunächst auffällt. Es fällt allerdings dann auf, wenn man dies bildlich darstellt. (Ich denke z.B. an die schönen Skulpturen von Adam und Christus an der Kathedrale von Chartres und an vielen andern Orten.) Diese Typologie kann ich hier nicht weiter entwickeln, ich möchte aber darauf hinweisen, weil sie in der Folgezeit so zahlreiche und weit reichende Konsequenzen hatte.

1 Kor 11
Expliziter auf die Frauen geht 1 Kor 11 ein, allgemein bekannt als der Text, der den Frauen gebietet, einen Schleier auf dem Kopf zu tragen, wenn sie im Gottesdienst prophetisch reden. In diesem sehr komplexen Text – es ist der längste Abschnitt des Paulus, der von Frauen handelt – kann ich nur die Aussagen heranziehen, die sich auf Gen 1 beziehen. Paulus fängt in V 3 mit einer Grundsatzerklärung an:

„Ich will, dass ihr wisst: Jedes Mannes Haupt ist Christus. Das Haupt der Frau ist der Mann, Das Haupt Christi aber ist Gott.“ [10]

Paulus geht es hier deutlich um eine Rangordnung, er bringt eine absteigende Linie: Gott – Christus – Mann – Frau, wobei die Frau die letzte Stelle einnimmt. „Haupt“ sein bedeutet, einen Vorrang haben, es bezeichnet Über- bzw. Unterordnung. Daran kann wohl kein Zweifel bestehen, auch wenn man den gesamten Text des Paulus unterschiedlich auslegen kann, denn am Schluss hebt er alles auf: In Christus gilt dies nicht mehr! (V 11) Paulus fordert aus dieser Unterordnung der Frauen, dass der Mann, wenn er betet oder prophezeit, dafür seinen Kopf nicht bedecken muss. Vielmehr „beschämt“ er seinen Kopf, wenn er ihn bedeckt. Umgekehrt ist es bei der Frau: sie „beschämt“ ihren Kopf, wenn sie mit unbedecktem Haupt betet oder prophezeit (V 4-6). Zwischen den Zeilen wird hier deutlich, dass es für Paulus selbstverständlich war, dass Frauen im Gottesdienst aktiv beteiligt waren, u.a. (laut) beteten oder prophetisch redeten. Für unseren Zusammenhang wichtig sind nun aber die Begründungen. V 7 rekurriert auf Gen 1:

„Denn: Der Mann ist Gleichbild und Abbild Gottes (und deshalb nicht verpflichtet, seinen Kopf zu bedecken). Die Frau aber ist Abbild des Mannes.“

Dieser Text, wenn auch griechisch, verweist deutlich auf die Sprache von Gen 1. Der Mann – und nur der Mann! – ist dagegen eikon (Bild) und doxa (Herrlichkeit) Gottes. Die Zweiheit der Begriffe von Gen 1 ist hier von Paulus aufgenommen, während dann für die Frau nur der zweite, die doxa (Herrlichkeit) wiederholt wird, aber nicht als doxa Gottes, sondern sie ist doxa des Mannes! Der Ausdruck wird zumeist mit „Abglanz“ übersetzt. Der Mann ist also „Abbild und Abglanz Gottes“, die Frau nur noch „Abglanz des Mannes“. Der lateinische Text übersetzt dann für den Mann (vir): imago et gloria Dei est, mulier autem gloria viri est. Das ist der Text der Vulgata, der für das ganze Mittelalter bestimmend wurde. Es handelt sich um eine klare Missdeutung und Fehlinterpretation von Gen 1. Der deutliche hierarchische Unterschied, der damit in der Gottebenbildlichkeit der Frau formuliert wird, entspricht nicht dem hebräischen Urtext. Paulus folgt hier der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, die ihrerseits mit ihrem hellenistischen Hintergrund die Gleichwertigkeit in der Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau bereits eingeschränkt hatte. Die Septuaginta hat den allgemeinen Begriff ‚adam (Mensch/Menschheit), wie er in den Erzählungen der hebräischen Urgeschichte immer kollektiv gebraucht wird, an vielen Stellen bereits mit dem Eigennamen Adam wiedergegeben, so dass vieles, was im Hebräischen für beide Geschlechter ausgesagt wurde, in der späteren hellenistischen Interpretation nur noch für den Mann Gültigkeit hatte, wie es auch in zahlreichen Apokryphen zum Ausdruck kam. [11]

Solcher hellenistisch gefärbten philosophischen Interpretation der Spätzeit liegt die Auffassung zugrunde, dass der eigentliche Mensch nur der Mann sei, was ungeheure Konsequenzen für ein christliches Frauenbild gehabt hat – bis heute. Die falsche Wiedergabe von ‚adam (Mensch/Menschheit) ist der Knackpunkt so gut wie aller späteren Fehlinterpretationen.

 

3. Folgerungen und Schlussbemerkungen

 

Wie kann eine ver-kehrte Interpretation der Aussagen von Gen 1 korrigiert werden? An der modernen exegetischen Auslegung kann es nicht liegen, hier gibt es kaum Dissens. Auch kann die lange frauenfeindliche Rezeptionsgeschichte nicht rückgängig gemacht werden. Die crux liegt an einer anderen Stelle.

Meiner Meinung nach ist ein Großteil der heute noch andauernden Fehlinterpretationen einer Vernachlässigung des Alten Testaments zuzuschreiben. Weil das AT in seiner Eigenständigkeit, in seinen wertvollen anthropologischen Grundaussagen nicht ernst genommen wird, konnten sich solche Fehlinterpretationen so lange halten. [12]

Umgekehrt  stammen zahlreiche rezeptionsgeschichtliche Festlegungen frauenfeindlicher Art aus einer Überbewertung des NT, speziell des Paulus. Dies gilt besonders für die protestantische Theologie. Aber in beiden Kirchen sind die Diskussionen ähnlich verlaufen. Karl Barth hat noch im 20. Jh. in seiner Kirchlichen Dogmatik die Unterordnung der Frau, ihre Zweitrangigkeit aus der Schöpfungsordnung von Gen 1-3 abgeleitet.

Aus der kath. Tradition möchte ich ein Beispiel aus einem dogmatischen Werk anführen, das noch in meiner Studienzeit anfangs der 60er Jahre empfohlen und benutzt wurde, wo die Minderbewertung der Frau in der Gottebenbildlichkeit sehr deutlich ausgesprochen wurde: Joseph Matthias Scheeben zeigt hier eine für die Frau eingeschränkte Gottebenbildlichkeit, wie sie in der gesamten offiziellen katholischen Tradition von fast zweitausend Jahren vertreten wurde.

Die entscheidenden Sätze lauten: „… Dass der Mann, wie er als Mann der ursprünglichere und vorzüglichere, zunächst und unmittelbar von Gott intendierte und hervorgebrachte Inhaber und Repräsentant der menschlichen Natur und darum der Mensch schlechthin ist, so auch das in der menschlichen Natur liegende Bild Gottes in sich vollkommen verwirklicht, also Bild Gottes schlechthin ist; dass dagegen das Weib, weil ihm die menschliche Natur erst sekundär und mittelbar, vermittels des Mannes und um seinetwillen mitgeteilt wird, …, nicht in dem vollen Sinne Bild Gottes ist wie der Mann.“ [13]

Der zitierte Text geht klar auf die Tradition zurück, die den ersten Schöpfungsbericht der Bibel mit dem zweiten, mit der Erzählung aus dem Garten Eden, vermischt hat. Diese Tradition hat bereits das NT, so Paulus in 1 Kor 11 verarbeitet. Dass diese Sichtweise, die Frau in Wertung und Stellung dem Mann nachzuordnen, in der allgemeinen und in der theologischen Tradition fest zementiert ist, wird an diesen Beispielen deutlich.

Sie haben sich vielleicht gefragt, warum ich die biblischen Beispiele und ihre Fehl-Interpretation so ausführlich gebracht habe. Dies ist nötig, da die Bibel die Grundlage unseres Glaubens ist – sein muss! Es ist wichtig, die Wurzeln von dem zu kennen, wofür oder wogegen man kämpft!

Hier möchte ich nochmals eine Zwischenbemerkung zu meinem persönlichen Lebenslauf einfügen: Schon sehr früh habe ich mich für den wissenschaftlichen Weg entschieden. Vielleicht war es nicht immer ganz bewusst, sondern vieles hat sich auch so ergeben. Meine Begeisterung für das AT verdanke ich übrigens meinem ersten Lehrer Herbert Haag, mit dem ich 1960 nach Tübingen gegangen bin. Ich habe nie zu denen gehört, die mit allen Kräften für das Amt der Frau kämpften. Ich kenne jene Frauen gut, die sich seit Jahrzehnten damit aufreiben. Dies ist eher nicht meine Art. Weil so viel an den „wissenschaftlichen Argumenten“ liegt, die u.a. für die Amtsunfähigkeit der Frau angeführt werden, war es mir immer wichtiger, diese und andere Argumente genau unter die Lupe zu nehmen. Sie tragen das nämlich ganz und gar nicht, was sie zu beweisen versuchen.

Im übrigen bin ich dann im weiteren Verlauf meiner Kämpfe um eine Position in der Theologie mehr mit den androzentrischen Strukturen an den Universitäten in Konflikt gekommen als mit den kirchlichen Amtsträgern. Die Strukturen in der Universität und Wissenschaft sind nämlich genau so auf Männer zugeschnitten wie die kirchlichen. Man darf ja nicht vergessen, dass Frauen erst seit gut 100 Jahren überhaupt ein akademisches Studium möglich ist, zuerst wurden sie wie exotische Zoo-Tiere bestaunt. Die kirchlichen Instanzen sind nur ein halbes bis ein ganzes Jahrhundert hinter der üblichen Entwicklung zurück. Solche grundlegenden neuen Weichenstellungen brauchen immer sehr lange, so darf man sich nicht wundern, mit welchen untauglichen Mitteln versucht wird, hier das, was klar zutage liegt, auch umzusetzen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Frauen auf theologischen Lehrstühlen. Vor 20 Jahren war ich im deutschen Sprachraum die erste kath. Exegetin an einer Universität. Dies bedeutet, dass sich zunehmend durch den anderen Blickwinkel die Lage verändert. Alte frauenfeindliche Argumente werden so immer seltener; jedoch ist es immer noch so, dass feministische Theologie von vielen Männern noch nicht so wahr-genommen (und auch zitiert wird), wie sie es verdient. Aber die Theologie aus der Sicht von Frauen ist heute nicht mehr wegzudenken! Inzwischen sind auch zahlreiche Männer beteiligt!

Noch einmal zurück zu der traditionellen Argumentation. An allen Schaltstellen, die wiederum wichtig für die Folgezeit wurden, saßen immer Männer, die ihre Schwierigkeiten hatten, Macht zu teilen! So sind inzwischen die faktischen Grundlagen längst bekannt, aber die Folgerungen, die man aus den falschen Interpretationen gezogen hat, sind nicht behoben; sie leben munter weiter und werden von männlichen Autoritäten immer noch weiter verschärft. [14]

Anhand der Amtsfrage möchte ich dies noch mal verdeutlichen: Denn die Abwertung der Frau in der Frage der Gottebenbildlichkeit, und die Ableitung der Unterordnung der Frau aus der sog. Schöpfungsordnung hat bis heute Konsequenzen: Weil die Frau zur Unterordnung bestimmt ist qua Schöpfungsordnung, kann sie nicht dazu taugen, ein Amt zu übernehmen, das explizit zu Führungsaufgaben führt. So argumentiert Thomas von Aquin. Zudem hat er mit einem biologisch vollkommen verkehrten Frauenbild gearbeitet (das  ist inzwischen bekannt).

Obwohl man also heute genau weiß, dass seine Prämissen nicht stimmen, leben die Folgerungen weiter. Dass Thomas mit einem Menschenbild arbeitete, das  biologisch nicht stimmt, kann man ihm nicht vorwerfen. Dass man aber 800 Jahre später die Folgerungen für die Frau, die daraus gezogen wurden, noch immer nicht berichtigt hat, ist unverzeihlich!

Ich will darum das zentrale Zitat des Thomas auch einmal lateinisch anführen: Vir est principium mulieris et finis, sicut Deus est principium et finis totius creaturae! (STh I 93 a 4.ad 1) – übersetzt: „Der Mann ist Anfang/ Prinzip der Frau und ihr Ziel, so wie Gott Anfang/Prinzip und Ziel der gesamten Schöpfung ist“.

Setzt man die beiden Sätze parallel, denn so sind sie aufgebaut, so stellt sich der Mann an die Stelle Gottes: er ist schöpferisch, genau wie dieser, die Frau kommt auf die Seite der „übrigen Kreaturen“. Dieser Satz ist in seiner männlichen Überheblichkeit letztlich gotteslästerlich!

Noch päpstlichen Verlautbarungen wie Mulieris Dignitatem (1988) liegt dieses Denken zugrunde. [15] (Bereits die erste Schweizer Frau, eine Nicht-Theologin, die sich mit diesen Texten bezüglich der Amtsunfähigkeit von Frauen befasst hat, die verstorbene Juristin Gertrud Heinzelmann, hat sich über diesen und andere Texte des Thomas ausführlich ausgelassen. [16])

Erlauben Sie mir noch einige Schlussworte. Um die Gottebenbildlichkeit der Frau, ihrer Beschränkung/Minderung  und deren Konsequenzen für die Amtsfrage haben sich meine Ausführungen bewegt.

Ich hätte sie auch aus dem Postulat der Gerechtigkeit, einem Kernbegriff der biblischen Propheten, entwickeln können. Nun ist die Weihe von Frauen nur die Spitze eines Eisbergs. Unter feministischen Theologinnen ist umstritten, ob man sich direkt für das Amt von Frauen einsetzen soll – das ist eher eine Minderheit - oder ob erst die Strukturen sich ändern müssten, das ist wohl die Mehrheit (wobei sich ein größerer Teil feministischer Theologinnen damit gar nicht mehr befasst, weil es kaum mehr neue Argumente gibt). Auf jeden Fall ist diese Frage ein Katalysator für zahlreiche andere Probleme.

Bei der Gleichstellung von Frauen in allen Bereichen geht es nämlich nicht um ein Frauenproblem und nicht um ein Randproblem. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass bei allen aktuellen Weltproblemen, sei es Gewalt, Terror, Krieg (aber auch die so aktuell verhandelten Umweltprobleme wie Erderwärmung, Luftverschmutzung, Energien usw.), dass bei all diesen Problemen die Unterdrückung bzw. Benachteiligung von Frauen eine zentrale Rolle spielt. Je weniger Bildung und Mitspracherecht Frauen haben, desto größer sind die Probleme. Dabei ist eine der größten Ursache unserer heutigen Situation, vor allem in der Dritten Welt, so ziemlich aus dem Blick geraten: nämlich die rasante Vermehrung der Menschen (seit ich geboren wurde ist die Zahl der Menschen auf dieser Erde etwa auf das Dreifache gestiegen!). Überall jedoch, wo Frauen mehr Bildung und Rechte haben, gehen die Geburtenraten zurück, in Europa sogar so sehr, dass es wieder Unruhe auslöst.

Überall auf der Welt, sogar unter Lebensgefahr, gibt es sehr aktive und mutige Frauenbewegungen. Aber dies alles ist nicht allein und zuerst ein Problem von Frauen, und auch so viele Appelle nützen oft nichts, es ist vor allem ein Männerproblem. Wenn sich das Bewusstsein von Männern nicht ändert, sie nicht bereit sind, ihre Macht in allen Bereichen zu teilen, wird es weder in der Welt noch in der Kirche eine lebenswerte Zukunft geben.

Darum ist die Männerforschung, wie sie inzwischen auch in der Theologie gerade aktuell wird, ein richtiger Weg. An allen Zentren für Gender Studies geht es ja nicht mehr um isolierte Frauenforschung, sondern um Männer-, Frauen- und Geschlechterforschung. [17] Hier sind inzwischen zahlreiche Männer beteiligt. Denn nur gemeinsam, nicht ein Geschlecht gegen das andere, kann ein Weg aus den vielen Problemen gefunden werden!

Ich danke Ihnen!

 

Frau Prof. Helen Schüngel-Straumann hielt diesen Vortrag im Rahmen der Tagsatzung vom 17. bis 19. Mai 2007 in Allschwil bei Basel.

 

[1] Vgl. hierzu Helen Schüngel-Straumann, Die Frau am Anfang. Eva und die Folgen, Freiburg 1989, 3. Auflage Münster 1999.

[2] Riffat Hassan, Feministische Interpretationen des Islams,in: Feminismus – Islam – Nation (Hg. Claudia Schöning-Kalender/Ayla Neusel), Frankfurt 1997, 217-233, Zitat S. 220.

[3] Elisabeth Gössmann, Theologiegeschichtliche Frauenforschung – eine Bedrohung für die etablierte Theologie? (Hohenheimer Protokolle 51: Zäsur. Generationenwechsel in der katholischen Theologie), Hg. Gebhart Fürst, Stuttgart 1997, 69-85, Zitat S. 83.

[4] Seit rund 30 Jahren bin ich stark mit feministischer Theologie befasst, ich war bei allen Gründungen hierzu dabei, z.B. der ESWTR (Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen), die 1986 mit Sitz in der Schweiz gegründet wurde. Dann habe ich – auch seit 1986 – mitgearbeitet am ersten Wörterbuch der Feministischen Theologie weltweit. Es dauerte einige Zeit, bis das Werk erscheinen konnte (1991), denn wir brauchten allein zwei Jahre, bis wir das Konzept und die entsprechenden Stichwörter beisammen hatten. Es sollte ja nicht ein übliches Wörterbuch von „Amt“ bis „Zölibat“ werden. Von den sechs  Herausgeberinnen waren drei evangelisch, drei katholisch. Die zweite, völlig veränderte Auflage ist 2002 erschienen.

In diesem Wörterbuch vgl. vor allem den Artikel „Gottebenbildlichkeit“ von Helen Schüngel-Straumann (biblisch) und Elisabeth Gössmann (theologiegeschichtliche).

[5] Vgl. dazu Helen Schüngel-Straumann, Denn Gott bin ich, und kein Mann. Gottesbilder im Ersten Testament – feministisch betrachtet, Mainz 1996.

[6] Vgl. z.B. Ute Gerhard u.a. (Hg.), Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht, Frankfurt 1990. Johannes Hoffmann (Hg.), Begründung von Menschenrechten aus der Sicht unterschiedlicher Kulturen (Bd. 1), Frankfurt 1990; Universale Menschenrechte im Widerspruch der Kulturen (Bd. 2), Frankfurt 1991.

[7] Vgl. Eberhard K. Otto, Der Mensch als Geschöpf und Bild Gottes in Ägypten  (Probleme biblischer Theologie, FS Gerhard von Rad, Hg. Hans Walter Wolff), München 1971, 335-348

[8] Vgl. hierzu die zahlreichen Beiträge von Walter Gross, z.B. Gen 1,26.27; 9,6: Statue oder Ebenbild Gottes? Aufgabe und Würde des Menschen nach dem hebräischen und dem griechischen Wortlaut, in:  Menschenwürde (Jahrbuch für Biblische Theologie 15), Neukirchen 2001, 11-38.

[9] Man beachte hier die Sprache! In herrschen steckt ja das Wort Herr, genauso wie im sog. Herrschaftsauftrag. In der Praxis wurde dieser so gut wie immer auf den Mann allein bezogen.

[10] Übersetzung nach Max Küchler, Schweigen, Schmuck und Schleier. Drei neutestamentliche Vorschriften zur Verdrängung der Frauen auf dem Hintergrund einer frauenfeindlichen Exegese des Alten Testaments im antiken Judentum (NTOA 1), Göttingen 1986, S. 75. Ganzer Text wurde auf einem Blatt zur Verfügung gestellt.

[11] Vgl. z.B. Helen Schüngel-Straumann, „Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, ihretwegen müssen wir alle sterben“  (Sir 25,24). Zur Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der ersten drei Kapitel der Genesis in biblischer Zeit, in: Bibel und Kirche 53 (1998), Heft 1, 11-20.

[12] Vgl. z.B. Herbert Haag, Das Plus des Alten Testaments, in: Das Buch des Bundes, Düsseldorf 1990, 289-305. Für die Predigtpraxis: Othmar Keel, Politisches in der Predigt, in: Orientierung 49 (1985) 252-256, auch nach gut zwanzig Jahren noch überaus lesenswert!

[13] Joseph Matthias Scheeben, Handbuch der Katholischen Dogmatik, Freiburg 1878, dritte Auflage Wien 1961, 3. Buch, Nr. 366.

[14] Gottfried Bachl, katholischer Dogmatiker an der Universität Salzburg, äußerte an den Salzburger Hochschulwochen 1988 (!) sein Befremden darüber in folgenden Worten: „Was mich beim Studium theologischer und spiritueller Texte in wachsendem Maß verblüfft, ist der enorme intellektuelle Aufwand für den Überlegenheitsbeweis, den die männlichen Theologen für den Primat des Mannes bringen, bis hin zu Karl Barth und Hans Urs von Balthasar.“ (in: Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, Hg. Paulus Gordan, Salzburg 1989, S. 48

[15] Zitate anderer mittelalterlicher Theologen in dieser Sache finden sich bei Elisabeth Gössmann, Art. Gottebenbildlichkeit in: WFTh 2. Aufl. 2002, S. 262.

[16] Vgl. Barbara Kopp, Die Unbeirrbare. Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte, Zürich 2003.

[17] So am Zentrum Gender Studies der Universität Basel, wo ich eine Bibliothek für feministische Theologie aufbaue (Helen Straumann-Stiftung für Feministische Theologie). Es ist dies das einzige Gender-Zentrum, das neben profanen Fächern wie Geschichte, Soziologie, Philosophie, feministische Theorien usw. auch Theologie enthält. Vgl. www.feministische-theologie.de

 

 

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