Frei Betto: „Der christliche Glaube setzt unausweichlich eine poltische Positionierung voraus“

20.07.2013, Betto Frei

 

 

Lemonde des religions fr veröffentlicht am 21. Juni 2013 nachstehendes Interview. Mit dem brasilianischen Befreiungstheologen Betto Frei sprach Ruggero Gambacurta-Scopello. "Wir sind Kirche" weist angesichts der ersten Auslands-Pastoralreise des Bischofs von Rom nach Brasilien zum Weltjugendtag auf dieses - seltene - Ereignis hin.

In dem Augenblick, in dem die Brasilianer auf die Straße gehen, um ihre soziale Unzufriedenheit auszudrücen, hat uns der Dominikaner und Befreiungstheologe Frei Betto ein seltenes Interview gewährt, in dem er besonders über die Rolle der Theologie und der Religion in der südamerikanischen Politik spricht.

 

Verurteilt, im Alter von 20 Jahren eingesperrt, gefoltert wurde Frei Betto (von seinem wahren Namen Carlos Alberto Libânio Christo) durch das Militärregime Brasiliens (1964-1984). Sein Verbrechen? Die Zugehörigkeit zur Allianz für die nationale Befreiung und die Gegnerschaft zu diesem Regime, das „ein Zwillingsbruder von Adolf Hitler“ war.

Geboren 1944 in Belo Horizonte (Minas Gerais, Brasilien), gehört Frei Betto dem Dominikanerorden an, ist ein sehr geachteter Befreiungstheologe, Schriftsteller und militanter Politiker, Zeit seines Lebens von der Gewissheit geleitet, dass „der Heilige Geist weht wo er will und wann er will“ (Brief, im Alter von 20 Jahren im Gefängnis an einen Kameraden des Seminars geschrieben):

 

Verfasser von etwa 50 Büchern, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden – vor allem Fidel und die Religion (1984) und Hotel Brasilien (2006) -, hat Frei Betto mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter die Medaillie des Widerstands Chico Mendes, entschieden 1998 durch die Gruppe Totura Nunca Mais/RJ (Folterung: nie wieder), den Preis Paolo Borsellino für sein Engagement zugunsten der Menschenrechte, und ganz vor kurzem den Preis Unesco/José Marti 2013. Mit Lula war er einer der Gründer des Syndikats CUT (Central Única dos Trabalhadores, oder Einzige Zentrale der Arbeiter), die dann später die Arbeiterpartei wurde, er hat sich in der Landlosenbewegung engagiert und stand am Beginn des Programms Faim Zéro (Kein Hunger), während er Sonderberater des Präsidenten Lula war.

 

Aktuelles
Brasilien wird derzeit durch eine allgemeine friedliche Protestbewegung gegen die allgemeine Preiserhöhung, gegen die pharaonischen Arbeiten für den Weltcup 2014 und die Olympischen Spiele von 2016 erschüttert, und weitergehend durch jene gegen die Korruption erschüttert. Was ist Ihre Analyse dieser sozialen Fakten?
 

Die gegenwärtigen Kundgebungen drücken die Unzufriedenheit der Bevölkerung angesichts der Zunahme der Inflation aus, die sich in der Steigerung der Transport- und Nahrungsmittelpreise bemerkbar macht; dies bedeutet eine wirkliche Bedrohung der wirtschaflichen Stabilität und könnte bis zu einer Geldentwertung des Réal gehen. Man protestiert auch gegen die exhorbitanten Ausgaben, die die Vorbereitung des Weltcups in Brasilien erfordern, obwohl wegen Fehlens öffentlicher Investitionen die Ausbildung und der soziale Schutz von sehr schlechter Qualität sind.

Keine Partei ist fähig, diese Unzufriedenheit zu kanalisieren, auch nicht die Kirche oder die Theologie der Befreiung. Man muss wissen, dass man einer Mobilisierung gegenüber steht, die aus sozialen Netzwerken entstanden ist. Das Besorgniserregende daran ist, dass all das zu Ende gehen kann wie die Bewegung „Occupy Wall Street“, das heißt ohne Vorschläge, ohne Programm, ohne konstrukive Kontinuität.

 

Sie haben an der Gründung der kirchlichen Basisgemeinschaften teilgenommen, im politischen Kontext der lateinamerikanischen Diktaturen. Wie definieren Sie die aktuelle Rolle der Theologie der Befreiung im Moment, wo sich starke soziale Ungleichheiten ausdrücken?
 

Die Theologie der Befreiung hat auf eine gewisse Weise die ganze katholische Kirche durchtränkt. Dies zeigen die Kritiken von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. am Neoliberalismus. Heute besteht die Befreiungstheologie weiterhin, auch in Europa, wo die Arbeitslosigkeit und die sozialen Ungleichheiten zunehmen. Wie kann man über Jesus sprechen, ohne die großen wirtschaftlichen Probleme zu erwähnen, die so viele Arme betreffen?

 

Die Befreiungstheologie ist also nicht tot?
 

Wenn sie tot ist, wie es Gustavo Gutiérrez sagt (peruanischer Priester, der als Gründer der Befreiungstehologie betrachtet wird), dann hat man mich nicht zum Begräbnis eingeladen ... Jede Theologie, welche die Situation des Elends und der Armut in der Welt, die Rassissmen und die Fundamentalismen, die Beziehungen der Geschlechter und die Fortschritte der Wissenschaft wie die Genetik oder die Nanotechnologien in Betracht zieht, ist befreiend. Diese Beziehung, die sich zwischen der theologischen Reflexion und der Wirklichkeit, in der wir leben, entwickelt, ist der große Beitrag der Theologie der Befreiung. Ich schlage vor, die schriftlichen Werke der Theologen der Befreiung der letzten Dezennien zu Rate zu ziehen, um festzustellen, in welchem Punkt sie die neuen Thematiken begleiten, wie die Quantenphysik, die Ökologie und die Alternativen zum Neoliberalismus.

 

Was sollte Ihrer Meinung nach die politische Rolle eines Geistlichen sein?

 

Ich bin der Meinung, dass die Bischöfe, die Mönche, die Schwestern sich nur in außergewöhnlichen Fällen politischen Parteien anschließen sollten. Aber jede Person, die in der Kirche teilnimmt, hat eine poltische Rolle im aristotelischen Sinn des Begriffs. Politik geschieht durch Teilnahme oder Nichtteilnahme, durch Verurteilen oder Befürworten. Es ist unmöglich, nicht Politik zu betreiben. Es kann hier Verschleierung und Täuschung, aber niemals Neutralität geben. Jeder Christ muss seine Weise finden, am politischen Leben teilzunehmen, was zum Beispiel durch die Predigt, das Engagement in Vereinigungen oder in NGOs geschehen kann.

 

Wie versöhnen Sie Religion und Politik?
 

Ich beende im Augenblick ein Buch zum Thema: Was das Leben mich lehrt (O que a vida me ensino, Verlag Saraiva). Jesus starb weder an einer Krankheit in seinem Bett noch an einem Unfall mit einem Kamel in den Straßen von Jerusalem! Er starb wie Jean Moulin, verhaftet, gefoltert und verurteilt, durch zwei politische Mächte, an der Todesstrafe, welche die Römer auf Sklaven anwendeten: die Kreuzigung.

In der heutigen Welt und in dieser Kultur der globalen Proportionen, wo der Arme ein unzählbares Kollektiv ist, kann die Liebe nicht nur in Begriffen zwischen persönlicher Beziehungen gedacht werden. Sie wird auch eine politische Notwendigkeit der gegenseitigen Hilfe im Leben, ein befreiendes Engagement. Das bedeutet nicht, dass man die Liebe soweit rationalisieren muss, bis das Persönliche daran missachtet wird, unter dem Vorwand, sich für das Kollektiv zu interessieren. Die Wurzeln und die Früchte jeder sozialen Transformation, die sich vollenden will, sind immer dieselben: das menschliche Herz, dort wo die Vergöttlichung der Person zur Vergöttlichung der Geschichte wird.

 

Und heute?

 

Heute lebt man in Lateinamerika in einem Zusammenhang von gleichzeitiger Unterdrückung und Befreiung. Man kann sich kein christliches Leben vorstellen, das poltisch neutral oder fähig ist, in der Religion ungerechte wirtschaftliche Beziehungen zu vereinen. Für uns christliche Lateinamerikaner, engagiert für das Projekt eines Gottes des Lebens, erforden die Existenz der Armut 1) als kollektive Erscheinung im Namen des Glaubens eine Stellungsnahme.

Eine solche Realität beweist, dass das von Gott vorgeschlagene Projekt der Gerechtigkeit und des Glücks für das Menschengeschlecht, wie es in den ersten Kapiteln der Genesis beschrieben ist, durch die Ursünde vereitelt wurde. Die Opfer dieser Vereitelung sind in erster Linie die Armen, die Adressaten und Empfänger des Wortes Gottes. Dafür ist Jesus an ihre Seite getreten. Er hat dies nicht getan, damit die Armen heiliger oder besser wären als die Reichen, sondern einfach weil die Armen die Armen sind – und die kollektive Existenz der Armen im ursprünglichen Projekt Gottes nicht vorgesehen war, in dem alle die Güter der Schöpfung teilen und wie Brüder und Schwestern leben würden.

Niemand entscheidet sich dafür, arm zu sein. Jeder Arme ist das unfreiwillige Opfer ungerechter Verhältnisse. Deshalb werden die Armen von Jesus „selig“ genannt, weil sie die Hoffnung auf eine Änderung dieser Situation nähren, in der Weise, dass sich die Gerechtigkeit Gottes durchsetzen könne.

So setzt die Erfahrung des christlichen Glaubens in Lateinamerika unvemeidlich eine politische Positionierung voraus. Seien sie nun auf der Seite der Kräfte der Unterdrückung, wie es jene tun, welche die politische Gewalt der Unterdrückten verurteilen, ohne sich über die Mechanismen der wirtschaftlichen Gewalt und des Kapitalismus zu fragen; oder seien es jene auf der Seite der Kräfte der Befreiung, wie wir alle, die die bevorzugte Option für die Armen gemeinsam haben.

 

Wer sind jene, die sich nicht über die Mechanismen der wirtschaftlichen Gewalt fragen?
 

Tatsache ist, dass uns unsere ideologischen Beziehungen nicht immer erlauben, unsere eigene Position mit Sicherheit zu erkennen. Den Christen, die aufrichtig die Symptome (Elend, Krankheit, vorzeitiger Tod von Millionen von Leuten) empfinden, gelingt es nicht, die Gründe dieser sozialen Probleme zu entdecken. Im Allgemeinen erfreuen sich solche Personen sozialer oder vermögensrechtlicher Privilegien. Sie entwickeln eine Theologie, die es ihnen erlaubt, die Mechanismen der Beherrschung durch die Sequestrierung der Sprache zu rechtfertigen, indem sie diese in den Zustand des Bereichs der Abstraktion verschieben, als ob der religiöse Diskurs, auf welche Weise auch immer, aufhören könnte, auch politisch zu sein.

 

Könnten Sie uns mehr über die Notwendigkeit für einen Christen sagen, sich vom Elend der anderen betroffen zu fühlen?

 

Es ist eine Forderung der Evangelien, eine Forderung Jesu. Im Kapitel 25 des Matthäusevangeliums spricht Jesus das Thema des guten und des bösen Knechts an. Eine prophetische Beschreibung der eschatologischen Zeiten, in denen das Endgericht stattfinden wird, enthält ein Wort Jesu: Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25, 35 – 40). Dies ist auch die Bedeutung des Gleichnisses vom Samaritaner, berichtet im Lukasevangelium (10, 25 – 37): mehr gilt ein Mensch, der seine Reise unterbricht, um dem Bedürftigen beizustehen, als ein Levite, ein Geistlicher, der von aller Frömmigkeit druchdrungen, in völliger Unbeteiligtheit an ihm vorbeigeht. Wer sich nicht um das Elend um ihn herum kümmert, ist kein Christ, auch wenn er getauft ist und in die Kirche geht.

 

Was ist die Beziehung zwischen politischen und religiösen Revolutionen?
 

In allen politischen Revolutionen gab es einen religiösen Faktor zugunsten aber auch gegen die Revolution. Das war der Fall in der russischen, chinesischen, kubansichen und sandinistischen Revolution. Es gab Christen auf der Seite der Unterdrücker und der Befreier.

Zur aktuellen Stunde liegt die Gefahr im religiösen Fundamentalismus, wenn man die Politik religiösen Vorschriften unterwirft, wie es Bin Laden und George W. Bush getan haben. Wir laufen Gefahr, eine wichtige Errungenschaft der Modernität zu verlieren: die Laizität des Staates und der politischen Parteien.

 

Glauben Sie, dass es in der derzeitigen katholischen Kirche eine positive Entwicklung geben könnte, die fähig ist, die sozialen Probleme und die neuen Erwartungen der Christen zu beantworten?

 

Ja, ich setze viel Hoffnung auf Papst Franziskus. Ich hoffe, dass er eine tiefgreifende Reform der römischen Kurie fördern wird, die das Anliegen der Armen und Unterdrückten verteidigen wird, und dass er die theologische Debatte über Fragen der Sexualität eröffnen wird.

 

Was ist die Rolle des Gebets?

 

Der Glaube macht aus dem Gebet ein Gegenmittel gegen die Entfremdung. Oft hören wir auf zu beten, um nicht den Anruf Gottes zu hören, der verlangt, dass man sich bekehrt, das heißt, dass man einen Richtungswechsel in seinem Leben vornimmt. Beten heißt, Gott erlauben, dass er unsere Existenz unterwandert, in dem er uns lehrt, so zu lieben, wie Jesus geliebt hat: auf befreiende Weise.

 

Politik

Die Soziologen sprechen seit dem Sieg von Chavez 1998 in Venezuela und seit vielen anderen Siegen von einer «Linkswende» für Lateinamerika. Glauben Sie nicht hingegen, dass die Ideale der Linken, durchdrungen von der Theologie der Befreiuung, durch die Ausübung von Macht geschwächt würden?

 

Glücklicherweise sind die fortschrittlichen Regierungen in Lateinamerika keine Fundamentalisten. In den letzten 50 Jahren haben die lateinamerikanischen Länder drei politische Zyklen durchlaufen: der erste – die Militärdiktaturen – wurde durch den Kampf des Volkes und das wirtschaftliche Desaster aus der Bahn geworfen. Der zweite – die messianischen neoliberalen Regierungen (Collor in Brasilien; Menen in Argentinien; Fujumori in Peru; Caldera in Venezuela; García Mesa in Bolivien usw.) – sind ebenso wirtschaftlich gescheitert und wurden durch die Urnen sanktioniert. Wir befinden uns derzeit im dritten Zyklus, dem der demokratischen, volkstümlichen, demokratisch gewählten und unabhängigen Regierungen, die ihre Tätigkeit so ausüben, dass sie auf die Rechte der Ärmsten ausgerichtet sind.

 

Was soll ein Staat tun, um zum Zustand der „wirtschaftlichen Demokratie“ zu gelangen?

 

Jene Demokratie, die lange Jahre hindurch in Lateinamerika bestand, war nur virtuell und durch Wirtschaftsmächte gesteuert. Jetzt durchlaufen wir eine Demokratie der Delegation (man stimmt für jemanden, der keine Verantwortung hat), eine Demokratie der Repräsentation (oder vorherrschend, auf politischer Ebene, der Vertreter der großen wirtschaftlichen Gruppen). Manche bewegen sich in Richtung einer partizipativen Demokratie. Jedoch sind wir noch weit von dieser Demokratie entfernt, die durch organisierte soziale Bewegungen geregelt wird.

 

Wenn Sie sagen sollten, welches die wichtigsten historischen, religiösen und politischen Ereignisse der letzten vierzig Jahre waren, welche würden Sie nennen?

 

Vierzig Jahre bedeutet von 1973 bis 2013. Ich würde sagen, dass die bedeutendsten Ereignisse die folgenden waren: das Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika, der Fall der Mauer in Berlin, die Wahl von Papst Franziskus, der Aufstieg Chinas zur Weltmacht, die Wahl von Lula zum Präsidenten von Brasilien, die Besuche von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. in Kuba, und die Tatsache, dass sie die Errungenschaften der Revolution gelobt haben.

 

Die Religion im 21. Jahrhundert
Was ist Ihre Meinung über die gegenwärtige religöse Landschaft Brasiliens und Lateinamerikas?

 

Mit dem Fall der Mauer in Berlin und dem Zurückgehen der libertären Ideologien haben die Religionen begonnen, eine wichtige Rolle zu spielen, sei es als Faktor der Befreiung oder als Faktor der Unterdrückung. In Brasilien beunruhigt mich der religiöse Fundamentalsimus, der sich politisch artikuliert, mit dem Ziel, sich der gesamten Bevölkerung aufzuerlegen, wie übrigens auch in anderen Weltregionen. Was die Explosion der Anzahl der Evangelikalen und die Vermehrung der Atheisten betrifft, so denke ich, dass dies die katholische Kirche verpflichtet, ihre Methoden der Evangelisierung zu überdenken. Im Allgemeinen sind diese Methoden archaiisch und auf Moralismus und Klerikalismus ausgerichtet.

Dennoch schätze ich unsere religiöse Vielfalt, die von vielen als eine Erscheinung des Synkretismus, als eine Vermischung von Elementen aus verschiedenen Religionen betrachtet wird. Aber nach allem ist das Christentum in Brasilien ebenso synkretisch wie jenes, das in Rom praktiziert wird, wo sich Christentum, Heidentum, Judaismus und starke Reste von Traditionen des euopäischen Adels mischen.

 

Wie interpretieren Sie die neuen Herausforderungen an die Religion in Brasilien?

 

Ich glaube, die größte Herausforderung der katholischen Kirche ist es, die Spiritualität gegenüber der Religiosität, die kirchlichen Basisgemeinschaften gegenüber den Pfarren, die vorrangige Option für die Armen gegenüber Show-Messen und die Lehre Jesu gegenüber dem Moralismus aufzuwerten.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Kampf zwischen einer konservativen und einer progressiven Kirche?
 

Keinen Kampf. Sie leben gemeinsam in derselben katholischen Kirche unter demselben Papst.

 

Sie haben der Presse gesagt, der neue Papst Franziskus werde die Dinge nicht in der Tiefe ändern. Aber wie interpretieren Sie seine Rede über die Armut? Der Papst hat in einer Favela von São Paulo gelebt, genau so wie Sie es in Buenos Aires getan haben. Welchen Unterschied kann man zwischen Franziskus und einem Befreiungstheologen wie Ihnen machen?

 

Ich kann mich nicht mit Jorge Mario Bergoglio vergleichen und noch weniger mit Papst Franziskus. Was wir gemeinsam haben, ist, Lateinamerikaner zu sein und die Rechte der Armen zu verteidigen. Ich hoffe, er wird auch über die Ursachen der Armut sprechen. Dom Helder Câmara hat gesagt: „Wenn ich über die Armen spreche, nennt man mich ‚Christ’. Wenn ich die Ursachen der Armut anprangere, behandelt man mich als Kommunist“.

 

Gibt es eine Möglichkeit, dass der Papst die Elemente der Theologie der Befreiung wiederherstellt?

 

Für einen Papst wie Franziskus, der eine solche Sensibilität für die Armen und die soziale Frage hat, ist dies unvermeidlich.

 

Was ist Ihr Traum für die Kirche von Morgen?
 

Dass sie evangelischer sei, dass sie das Bild des Jesus von Nazareth widerspiegle, dass sie mit Mut und Liebe sich der Anliegen der Armen annehme, dass sie die Frauen bei der Priesterschaft und beim Episkopat fördere 2), dass sie den interreligiösen Dialog praktiziere, dass sie die Sprache der Jungen spreche, dass sie die Wissenschaft und die Technologie als positive Fortschritte betrachte.

 

International
Es gab verschiedene soziale Weltforen und Theologenkongresse. Wie lebt man in unseren Tagen die Theologie der Befreiung außerhalb von Brasilien und Lateinamerika?

 

Die Theologie der Befreiung hat ihren Einfluss verloren, seitem die politische Konjunktur in Lateinamerika sich geändert hat und seitdem Johannes Paul II. die katholische Kirche auf unserem Kontinent „vatikanisiert“ hat. Aber sie setzt fort, sie lebt noch, sei es in den kirchlichen Basisgemeinden, den Volksmissionen oder in den Werken, die von den Befreiungstheologen in ständigem Dialog mit den aktuellen Themen verfasst wurden. Persönlich bin ich mit den Befreiungstheologen anderer Länder und Afrikas nur durch einige gelegentliche internationale Treffen in Kontakt, aber auch durch die Lektüre ihrer Schriften.

 

Welche Verbindungen können wir zwischen der Theologie der Befreiung und dem Altermondialismus 3) herstellen?
 

Wenn man den Ausdruck Altermondialismus im Sinne des Weltsozialforums versteht, das auf der Suche nach einem alternativen Gesellschaftsmodell als Ersatz für den gegenwärtigen Kapitalismus ist, dann bestätige ich, dass die Theologie der Befreiung das als Priorität betrachtet, umso mehr wenn man die Erfahrung unserer ursprünglichen Völker wie der Indigenen und ihr Wissen über das „Gute Leben“ (Sumak Kawsay) in Betracht zieht. Durch diesen Ausdruck, der Andensprache Kichua entnommen, bezeichnet man das äquatorianische Entwicklungsmodell, gegründet auf eine langdauernden Harmonie zwischen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und umweltorientierten Systemen, im Gegensatz zum Modell kapitalistischer Anhäufung.

 

Anmerkungen:

 

 1)  im französischen Text steht „l’existence et la pauvreté“ aber ich halte das für einen Übersetzungsfehler aus dem portugiesischen Original, das ich leider noch nicht bekommen habe. Anm.d.Übers.

 2) die Bedeutung ist nicht ganz klar; der französische Text lautet « qu’elle promeuve les femmes dans le sacerdoce et l’épiscopat ». Anm.d.Übers.

 3) eine soziale Bewegung, welche die Globalisierung befürwortet, aber die Demokratisierung, die ökonomische Gerechtigkeit, den Umweltschutz und die Menschenrechte an die erste Stelle setzt. Siehe http://de.factolex.com/Altermondialismus: globalisierungskritik. Anm.d.Übers.

 

 Zu Betto Frei:

Frei Betto - sein bürgerlicher Name Carlos Alberto Libânio Christo - ist am 25. August 1944 in Belo Horizonte, Brasilien geboren. Er ist Dominikaner („Bruder Betto“) und einer der wichtigsten Befreiungstheologen Lateinamerikas.

 

Frei kennt politische Repression und Folter aus der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur. Damals war er in der Volksbewegung gegen die Militärdiktatu und kennt seitdem den späteren brasilianischen Präsidenten Lula da Silva. Als Lula im April 1980 von der Polizei verhaftet wurde, wohnte Frei Betto im selben Haus wie Lula.

 

Lula machte ihn 2003 als Präsident zum Regierungsberater. Frei Betto war für das Anti-Hunger-Programm der Regierung (Fome Zero) zuständig. 2004 gab er nach einem Konflikt mit dem Minister für Sozialentwicklung, Patrus Antanias, und weil dem Hungerbekämpfungsprogramm die finanziellen Mittel fehlten, seinen Rücktritt bekannt.

Kritiker meinen, dass er seitdem wieder mutiger die Regierung kritisiert und für die Rechte der Armen eintritt.

 

 

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