Großpfarren sind keine Lösung

26.10.2012, Willibald Feinig

 

Dom Erwin Kräutler: Leidenschaftlicher Aufruf an „Laien“ und Priester bei einem Vortrag über das Zweite Vatikanische Konzil in Mäder/Vorarlberg.

„Seit Jahrzehnten beten wir für Priesternachwuchs – aber er kommt nicht und wird nicht kommen. Gott will von uns ein Umdenken!“ – Einen leidenschaftlichen Appell nicht in erster Linie an die Bischofskollegen, sondern an das ganze katholische „Volk Gottes“ in Österreich, das sich nicht von liebgewordenen Gewohnheiten trennen mag, richtete der gebürtige Vorarlberger Dom Erwin Kräutler, Diözesanbischof von Altamira (Brasilien), an seine Zuhörer am Dienstag, 23. 10. 2012, im Johann-Jakob-Ender-Saal von Mäder.

 

Im Anschluss an eine Messe in der überfüllten Pfarrkirche hielt er dort einen Vortrag über „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil – Auftrag und Herausforderung“ und zitierte eingangs den Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovits, Leiter der deutschen Sprachgruppe bei der eben abgeschlossenen Bischofssynode in Rom: „Priester und Laien müssen einander wieder näher kommen“ und sich auf „das Wesentliche“ besinnen; die bisherige „Evangelisierung“ sei gescheitert.

 

Dieses Wesentliche, zu dem sich die Konzilsväter durchrangen, sei die Berufung der sogenannten „Laien“, sich zusammen mit den Priestern die gute Botschaft Jesu anzueignen und Gebet, Feiern des Glaubens und Dienst an den Armen mitzutragen, mitzuleben mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ der globalisierten Menschheit mit ihren Kulturen und Überzeugungen. Nicht der Klerus macht die Kirche aus; Kirche sind alle Glaubenden.

 

Zur drängendsten Frage kirchlicher Neuordnung zitierte der Täger des alternativen Friedensnobelpreises die Konzilskonstitution „Dei verbum“: Jesus Christus wird in seiner Kirche nicht nur in der Eucharistiefeier, sondern auch im Wort Gottes präsent. Es ist seine Erfahrung als Verantwortlicher für ein Bistum von der Größe Deutschlands, dass Pfarrgemeinden keineswegs einstürzen, wenn es angesichts weniger Priesterberufungen jeden Sonntag Wort-Gottes-Feiern gibt, geleitet von kompetenten Nicht-Geweihten, und in größeren Abständen Eucharistie-Feiern mit einem geweihten Priester als besondere, höchste Form des Gottesdienstes. Es heiße einen Priester „verheizen“ und um seine Lebensaufgabe als Seelsorger und Seele der Gemeinden bringen, wenn man ihn zum Sakramentenspender und Messleser degradiere und zugleich die Verantwortung für viele Gemeinden aufhalse. Die Priester seien verpflichtet, sich freizuhalten für Meditation und Gebet und für das Mitleben mit dem Volk, besonders mit den „Armen aller Art“. Die erste Maßnahme der brasilianischen Bischöfe bei der Heimkehr nach dem Konzil war darum, kleine Gemeinden zu bilden und kompetente Laien als Gemeindeleiter auszubilden. 2/3 davon seien Frauen, denen eine Weihe versagt sei – schon darum weihe er keine Diakone für derlei Ämter; ein neuer Mini-Klerus sei nicht im Sinn des Konzils, das den Laien ihren Platz in der Kirche Jesu gegeben und Hierarchie als Dienst am Volk Gottes neu definiert habe. Ihn entsetze es, wenn eine Diözese wie Vorarlberg ein Jahr lang ohne Bischof gelassen werde. Das Volk brauche nach seiner Erfahrung den vollen Einsatz eines Bischofs an seiner Seite.

 

Kräutler berichtete bei der Gelegenheit, dass das umstrittene Riesen-Kraftwerk am Xingu leider in Bau sei. Der Kampf gehe nun um die Einhaltung der Bedingungen wie Wasserversorgung der indigenen Bevölkerung und Sanierung der neuen Slums, die die Regierung zugesichert hatte.

 

 

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