Nachruf auf Kardinal Carlo Maria Martini

03.09.2012

 

Der italienische Kardinal Carlo Maria Martini hat die Römisch-Katholische Kirche als Kirche beschrieben, die “200 Jahre”  hinter den Zeiten zurück ist.

 

Der Kardinal starb am Freitag, 31. August 2012, in seinem 85. Lebensjahr.  

 

Die italienische Zeitung Corriere della Sera hat sein letztes Interview veröffentlicht, das im August aufgenommen wurde und in dem Kardinal Martini sagte: “Die Kirche ist müde … unsere Gotteshäuser sind leer.”

 

Martini, der einst als möglicher Papst gehandelt wurde, forderte die Kirche auf, ihre Irrtümer einzugestehen und sich auf einen radikalen Weg des Umdenkens zu begeben, beginnend mit dem Papst.

 

Tausende Menschen haben von Kardinal Martini im Dom von Mailand Abschied genommen, wo er mehr als 20 Jahre als Erzbischof wirkte.

Der Kardinal, der im Jahr 2002 aus seinem Amt schied, litt an Parkinson.

 

Martini war eine beliebte Persönlichkeit und vertrat in vielen kirchlichen Bereichen liberale Ansichten. Er forderte aber auch großen Respekt sowohl vor Papst Johannes Paul II. und seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI.

 

Der Kardinal – ein Mitglied des Jesuitenordens – war in seinen Schriften und Kommentaren der kirchlichen Lehre gegenüber oft kritisch eingestellt, sagte David Willey von der BBC in Rom.

 

Unser Korrespondent beschreibt ihn mit seiner geradlinigen und  offenen Sprache während all der Jahre, in denen er eine der größten Diözesen in Europa leitete, als Persönlichkeit mit viel Mut.

 

In seinem letzten Interview, das er vor einem knappen Monat einem seiner Mitbrüder aus dem Jesuitenorden gab und das am Tag nach seinem Tod veröffentlicht wurde, übte der Kardinal vehemente Kritik an der Katholischen Kirche.

 

Katholiken fehle es an Vertrauen in die Kirche, sagte er. „Unsere Kultur ist alt geworden, unsere Kirchen sind groß und leer und die Bürokratie der Kirche nimmt zu, unsere religiösen Riten und die Kleidung, die wir tragen, sind aufgeblasen.“

 

Wenn sich die Kirche geschiedenen Menschen gegenüber nicht eine weitherzigere Gesinnung aneignet, wird sie die Loyalität der kommenden Generationen verlieren, fügte der Kardinal hinzu. Die Frage, sagte er, ist nicht die, ob geschiedene Paare die heilige Kommunion empfangen können, sondern wie die Kirche in komplexen familiären Situationen behilflich sein kann.

 

Und den Rat, den er zurück lässt, die Müdigkeit der Kirche zu bekämpfen lautete „radikale Veränderung, beginnend mit dem Papst und seinen Bischöfen“.

 

“Die sexuellen Skandale an Kindern verpflichten uns, eine Reise des Wandels zu beginnen“, sagt Kardinal Martini und bezieht sich dabei auf den sexuellen Missbrauch von Kindern, der die Katholische Kirche in den letzten Jahren erschüttert hat.

 

Er zeigte keine Scheu, fügte unser Korrespondent hinzu, seine Meinung über Belange zu äußern, die der Vatikan bisweilen als tabu betrachtet, einschließlich den Gebrauch von Kondomen, um Aids zu bekämpfen und die Rolle der Frauen in der Kirche.

 

Im Jahr 2008, beispielsweise, kritisierte der Kardinal das Verbot  der Geburtenregelung der Kirche; er sagte, dass dieser Standpunkt viele glaubende Christen vertrieben hätte. Und 2006 vertrat er öffentlich die Ansicht, dass Kondome „in gewissen Situationen ein kleineres Übel wären“.

 

Der originale Artikel in englischer Sprache wurde von der engagierten Reformgruppe „ A communicating Indian Church“ ( communicating-church@googlegroups.com) veröffentlicht.

 

Den Artikel ins Deutsche übersetzt hat Dr. Paul Röttig

 

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Carlo Maria Kard. Martini: sein über die Grenzen der katholischen Kirche hinausgehendes Lehramt ist von großer Wichtigkeit für alle Suchenden und richtungweisend für eine tief greifende Erneuerung der Kirche

Der italienische Sprecher von „Noi siamo Chiesa“, Vittorio Bellavite, gab folgende Erklärung ab:

 

„Die Bewegung ‚Noi siamo Chiesa‘ (NSC) nimmt mit besonderer Rührung an der Trauer um den Tod Carlo Maria Kard. Martinis Anteil und weist auf ähnliche Gefühle beim International Movement We Are Church (IMWAC) hin, derer italienische Abteilung NSC ist. Unseres Erachtens hat Kard. Martini sein Bischofsamt sowie seine Tätigkeit als Bibelforscher auf vier Grundlagen gestützt:

Die absolute Zentralität des Wortes Gottes als Fundament des christlichen Lebens und der kirchlichen Seelsorge;
Die Fähigkeit, Ungläubigen und suchenden Frauen und Männern Gehör zu schenken und mit ihnen einen Dialog zu führen;
Das aufmerksame Verfolgen aktueller Fragestellungen bezüglich neuer Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens – insbesondere derer, die durch die wissenschaftliche Forschung vor allem auf bioethischer Ebene in Erscheinung treten;
Das ökumenische Engagement, damit nach den Abspaltungen des zweiten Jahrtausends die eine Kirche Gottes wieder zur Einheit finden kann.

Seit lange ist auch außerhalb des Katholischen jenem Teil der Öffentlichkeit, der sich für die großen Lebensfragen interessiert, offenkundig, wie sehr dieses Lehramt vom üblichen unterscheidet. Durch Kard. Martini wurde die Botschaft des Evangeliums vielen Menschen verkündigt, denen die Strukturen und die Politik der katholischen Kirche fremd sind.

 

Kard. Martini gehörte nicht zu den so genannten ‚kritischen (bzw. ‚dissidierenden‘) Katholiken‘, obgleich klerikale Milieus jeglicher Art ihm des Öfteren vorgeworfen haben, dessen prominenter Vertreter zu sein. Und dennoch hat sein Lehramt den Weg für eine authentische Reform der katholischen Kirche auf direkte bzw. indirekte Weise gezeigt, und dies im Einklang mit den Anweisungen und dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (davon zeugt auf auffallende, ja eklatante Weise sein letztes, im heutigen „Corriere della sera“ erschienenes Interview). Er war also ein äußerst angesehener Bezugspunkt, dessen Positionen mit den in Rom vorherrschenden nicht immer übereinstimmten; seine Reflexionen als gläubiger Mensch haben weltweit nicht nur unter Katholiken große Resonanz gefunden. Seine Schriften werden überall übersetzt und gelesen.

 

Angemessen scheint uns des Weiteren darauf hinzuweisen, dass sich das Bischofsamt von Kard. Martini von jenen im Mailänder Erzbistum ansässigen Gruppierungen und Einrichtungen wie der Tageszeitung „Avvenire“, der Katholischen Universität und der Laienbewegung „Comunione e Liberazione“/„Gemeinschaft und Befreiung“ immer wieder unterschieden hat, Gruppierungen und Einrichtungen, welche alle mit zwar mannigfachen Formen und Inhalten für ein Katholischsein eintreten, das identitätsstiftend wirken will und sämtliche durch die Kirchenspitze vertretene Standpunkte unkritisch annimmt. Zu erwähnen ist noch Kard. Martinis kulturelle sowie ethische strikte Opposition gegen den leghismo und den berlusconismo, d. h. die durch die Lega Nord und Silvio Berlusconi herbeigeführten und verbreiteten Denkweisen, die Mailand jahrelang dominierten.“

 

                                                                                                                                            Rom, den 1. September 2012

 

Übersetzung aus dem Italienischen: Dr. Riccardo Nanini

 

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