Seesturm unter der Wildspitze
Eine Erzählung gegen Angst und Mutlosigkeit

09.11.2010, Reinhold Stecher

 

Vor 30 Jahren erschien „Heiter-besinnlich rund um den Krummstab" von Reinhold Stecher, damals noch Bischof von Innsbruck. Die Auflagen beweisen, dass  dieses Büchlein die Menschen unmittelbar anspricht. Darin enthalten ist eine Geschichte, die noch immer zeitgemäß ist, ja sogar an Aktualität zugenommen hat.  Aber lesen Sie selber...
 

Aus einer Reflexion über die Kindererzählung im Religionsunterricht und über die Spontaneität der Kindersprache - gehalten vor geistlichen Mitbrüdern.

Das folgende Erlebnis hatte einer von uns in der Bergschule eines Hochtales, in dem trotz aller Einbrüche der modernen Zeit und des Tourismus die Kinder immer noch in ihrer Sprache etwas Eckig-Uriges bewahrt haben.

 

Die Geschichte mit dem Seesturm war aus dem kleinen Arnold nur schwer herauszubringen, und mehr als einen Satz spendierte er grundsätzlich nicht, der Arnold.

 

,,Also, wie ist das mit dem Sturm auf dem See gewesen?“

     „Da sind sie ins Schiffl gestiegen ..."

„Wer denn?"

     „Der Jesus und die Apostel!"

„Und was war dann?"

     „Dann hat sich der Jesus hinten hingelegt zum Schlafen ... ''

„Und dann?"

     „Dann ist der Wind kommen!"

„Und weiter?"

     „Dann sind die Wellen kommen!"

„Ja,: und?"

     „Dann sind die Wellen immer höher kommen!"

„Und was war weiter, red ein bissl, Arnold . . . "

     „Dann sind die Wellen ins Schiffl geplatscht!"

„Und dann?"

     „Dann haben sie Angst g'habt und haben den Jesus gweckt!"

„Und was hat dann der Jesus gesagt?"

     „Dann hat der Jesus gesagt: Ihr seid's Scheißer!"

 

Haltet nicht entsetzt den Atem an, liebe Mitbrüder - es war keine Spur von Blasphemie dabei. Die Kinder haben keine Miene verzogen. Dies war die Sprache ihres Alltags, und sie war unmissverständlich. Es handelt sich um einen durchaus adäquaten Ausdruck für jenen seelischen Zustand der Jünger, den wir seit urdenklichen Zeiten mit dem papierenen Wort „Kleingläubige" zu bezeichnen pflegen. Wenn wir diesen Ausdruck je gegenüber einem Menschen von heute gebrauchen wollten, würde er uns nur verständnislos anschauen….

 

Die Kinder unter der Wildspitze sind mit den Wellen vertraut. Natürlich nicht mit den Wellen auf See und Meer, wohl aber mit den Geländewellen der Steilabfahrt. Und diese können ja auch zum Fürchten sein. Dazu muss man nur so wie ich erleben, wie es zugeht, wenn eine Schulklasse besagter Bergschule am Nachmittag Schifahren hat, wie die Neun- und Zehnjährigen sich zunächst brav und diszipliniert um den Herrn Lehrer versammeln und dieser dann das Zeichen zum Start gibt.

 

Hast du nicht gesehen - weg sind sie! Einige fangen gleich mit Schlittschuhschritten wie die großen Abfahrtskanonen an, der Schnee stäubt auf, unter Helmen und Kappen wirbeln ein paar blonde und schwarze Zöpfchen mit bunten Maschen hervor, und schon biegt die Bande über die Kante in den Steilhang ein, natürlich dort, wo die schwarzen Schilder die schwierige Abfahrt ankündigen. Hemmungslos geht's hinunter. Ich fahre gemächlich nach. Bei der Kante zum Steilhang schwinge ich ab und täusche einen langen Panoramablick vor. In Wirklichkeit habe ich natürlich Angst. Der Steilhang hat's in sich. Ein Flug da hinunter könnte zur unendlichen Geschichte werden. Während 200 Meter tiefer unten die Klasse sich schon wieder um den Herrn Lehrer versammelt, beginne ich in vorsichtigen Altherrenschwüngen die Einfahrt.

 

Wenn jetzt die Gesellschaft heraufschaut und meinen Fahrstil von vorgestern sieht, dann wär's doch ganz leicht möglich dass einer von den Knirpsen den Schistock hebt, heraufzeigt und sagt: ,,Da schaut's ihn an. Den alten..." Meine bischöfliche Würde verbietet es mir, den Satz zu Ende zu denken. Aber da ist es schon wieder, das ominöse Wort ...

 

Aber, liebe Mitbrüder, weg vom Seesturm und Steilhang und Hand aufs Herz - wie ist er denn eigentlich unser Fahrstil, mit dem wir Christen in die Steilhänge dieser Epoche einfahren? Bleiben wir nicht auch lieber bei der Kante stehen und weiden uns an Panoramablicken, gescheiten Analysen und geistreichen Reflexionen, weil wir Angst vor der Wirklichkeit haben, die eben nicht ohne Risiko ist? Starten wir wirklich mit den unbekümmerten Schlittschuhschritten des Vertrauens? Möchten wir nicht lieber jedes Risiko ausschalten - eine Mentalität, die durch Jung und Alt geistert? Bauen wir nicht so manchen Sturz - einfach aus Angst – wie beim Schifahren? Mir kommt vor, dass die Übersetzungsvariante des kleinen Arnold auch bei uns Christen von heute durchaus einen Sitz im Leben hat.

 

Und wenn ich spätabends an meinem Schreibtischs sitze und durchs offene Fenster hinausschaue zu den Lichtern der Stadt, zu den schreienden Lichtern der Nachtlokale, wo manche aus und ein gehen, die ein bisschen zu viel vom Leben haben wollen - und zu den anderen kleinen Lichtern in den hohen, alten Häusern mit den Substandardwohnungen, wo die alten Rentnerinnen hausen, die ein bisschen zu wenig vom Leben haben -, und wenn ich weiter denke, was in dieser Stadt an Not und Ungelöstem, Sehnsucht und leiser Hoffnung lebt - und ich höre dann die Glockenschläge der Domuhr, elf Uhr, zwölf Uhr, ein Uhr, die großen Hammerschläge der Heilszeit, die ja immer da ist und immer wieder neu beginnt – und wenn ich dann, liebe Mitbrüder, zu den kirchlichen Papieren auf meinem Schreibtisch zurückkehre, zu Aussagen, Direktiven, Analysen und Weisungen, und spüre, wie zwischen den Blättern und Dokumenten überall die Ängste rascheln, Ängste um Macht, Einfluss und perfekte Kontrolle, Ängste vor Konfrontation, Dialog und Ideen - wenn ich spüre, wie alle kühnen Schritte ins Morgen vermieden werden, obwohl uns Jesu Wort dazu ermuntern und ermächtigen würde ..., dann fällt mir manchmal meine Fahrweise im Steilstück ein, und ich frage mich, ob wirklich die Steilhänge der Gegenwart mit Spitzkehrenstil der zwanziger Jahre bewältigen können, ohne jeden kühnen Schwung der Liebe und der Großmut.

 

Und in solchen Stunden kann es passieren - ihr versteht mich, meine lieben Mitbrüder -, dass mitten in meinen sonst doch gemesseneren oberhirtlichen Gedankengängen plötzlich die herbe Übersetzung des Heilandswortes auftaucht, wie sie der kleine Arnold formuliert hat.

 

Wie gesagt, ich muss es gestehen, es kann passieren - aber das, liebe Mitbrüder, muss natürlich unter uns bleiben.

 

 

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