Zur Reise des Papstes nach Georgien und Aserbaidschan

Spaltungen in der Kirche sind Wunden am Leib Christi selber. Das sagte Papst Franziskus bei seiner Ansprache am 1. Oktober in Georgien in Anwesenheit des georgisch-orthodoxen Patriarchen Elia II. Franziskus besuchte das spirituelle Zentrum der orthodoxen Kirche des Landes, die Kathedrale in Mtsketa, der historischen Hauptstadt Georgiens. Hand in Hand betraten Papst und Patriarch die von Kerzenlicht und himmlischem Gesang erfüllte Kathedrale; Seite an Seite nahmen sie Platz. Elia II. versicherte in einer – sonst kritischen – Ansprache dem Papst gegenüber seine „Liebe“ und bemerkte abschließend: „Unsere Einheit besteht im wahren Glauben.“ Papst Franziskus bezeichnete in seiner Ansprache seinen Besuch in dieser Kathedrale als den „Höhepunkt“ seiner Pilgerreise nach Georgien. Er sprach Elia II. direkt an: „Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: ‚Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt‘ (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.“ Dass in der Kathedrale die „Tunika Christi“ verehrt wird, gab dem Papst dann die Vorlage, um auf die Einheit der Christen zu sprechen zu kommen. „Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die ‚Einheit, die von oben kommt‘, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1)“. Es gelte, die Ökumene zwischen den verschiedenen Konfessionen voranzutreiben, aber ohne Schuldzuweisungen. Dann zitierte er den Apostel Paulus: „Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, ‚einer in Christus Jesus‘ (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.“ Und deswegen setze er, so der Papst, bei der Suche nach der Einheit auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas: Der Eine ist Patron der römisch-katholischen, der Andere der Patron der georgisch-orthodoxen Kirche. (www.de.radiovaticana.va v. 1. 10.)

 

Einige wichtige Zitate aus der Rede des Papstes Franziskus in Aserbaidschan an den Scheich und die anderen Religionen Aserbaidschans am 2. Oktober bei der Interreligiösen Begegnung mit dem Scheich und den Repräsentanten der anderen Religionsgemeinschaften Aserbaidschans in Baku in der „Heydar Aliyev“-Moschee: „Hier zusammen zu sein, ist ein Segen. […] Es ist ein bedeutendes Zeichen, dass wir uns hier an diesem Ort des Gebetes in brüderlicher Freundschaft begegnen – ein Zeichen, das jene Harmonie zum Ausdruck bringt, die die Religionen gemeinsam aufbauen können, ausgehend von den persönlichen Beziehungen und dem guten Willen der Verantwortlichen. Beweis dafür sind hier zum Beispiel die konkrete Hilfe, die der Scheich der Muslime in mehreren Fällen der katholischen Gemeinschaft gewährt hat […] Hervorzuheben sind auch das gute Verhältnis, das die Katholiken in konkreter Brüderlichkeit und täglicher liebevoller Zuneigung mit der orthodoxen Gemeinschaft verbindet – ein Vorbild für alle –, sowie die herzliche Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde. Von dieser Eintracht profitiert Aserbaidschan […] Hier ist man bestrebt, das bedeutende Erbe der Religionen zu bewahren, und zugleich sucht man nach einer größeren und fruchtbaren Öffnung. So findet zum Beispiel auch der katholische Glaube Raum und Harmonie unter den anderen, wesentlich zahlreicher vertretenen Religionen. Das ist ein konkretes Zeichen, das zeigt, wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen. Unser Zusammensein liegt auch in der Kontinuität mit den zahlreichen Begegnungen, die in Baku stattfinden, um den Dialog und die Multikulturalität zu fördern. […] Ein großer Dichter, ein Sohn dieses Landes, hat geschrieben: ‚Wenn du Mensch bist, mische dich unter die Menschen, denn den Menschen geht es gut in gegenseitiger Gesellschaft‘ (Nizami Ganjavi, Das Alexanderbuch I, Über den eigenen Zustand und den Lauf der Zeit). […] Fruchtbar ist hingegen eine ehrbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen, eine respektvolle Allianz, die aufgebaut und gehütet werden muss und die ich mit einem Bild symbolisieren möchte, das diesem Land viel bedeutet. Ich beziehe mich auf die wertvollen, künstlerisch gestalteten Glasfenster, die es seit Jahrhunderten in dieser Gegend gibt und die nur aus Holz und buntem Glas bestehen (Shebeke). Bei ihrer handwerklichen Fertigung gibt es eine einzigartige Besonderheit: Es werden weder Klebstoff noch Nägel verwendet, sondern Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen. Denn Gott darf nicht für partielle Interessen und egoistische Zwecke angerufen werden, er kann keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen. Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen. Ehren wir dagegen die umsichtige göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem beharrlichen Gebet und dem konkreten Dialog, der eine ‚notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften‘ ist (Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“, 250). Gebet und Dialog stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander: Kein ;versöhnlicher Synkretismus‘ und keine ,diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden‘ („Evangelii Gaudium“, 251), sondern mit den anderen sprechen und für alle beten: das sind unsere Mittel, um Lanzen in Winzermesser zu verwandeln (vgl. Jes 2,4), um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung schmerzt […] Mögen die Religionen besonders in dieser geschätzten kaukasischen Region, die zu besuchen ich so ersehnt habe und in die ich als Pilger des Friedens gekommen bin, aktive Mittel zur Überwindung der Tragödien der Vergangenheit und der Spannungen von heute sein.“ Der Großmufti des Kaukasus, Scheich Allahschükür Paschazade, war dem Papst davor in einer privaten Unterredung begegnet. Bei seiner Ansprache dankte er Franziskus für seine Versuche, die im Westen gerne gezogene Verbindungslinie zwischen Islam und Terrorismus aufzubrechen. Auch der Scheich verwies auf das gute Zusammenleben der Religionen in Aserbaidschan, um das Erbe der Religionen für die zukünftigen Generationen zu erhalten. Als Gastgeschenk überreichte der Scheich dem Papst einen Koran und einen Gebetsteppich. Franziskus nahm den Koran mit einer Verneigung an. (www.de.radiovaticana.va u. kna v. 2. 10.)

 

Die Ökumene in Aserbaidschan ist Vorbild für den interreligiösen Dialog: Papst Franziskus sprach dem Land Aserbaidschan bei seiner Reise ein großes Lob für den interreligiösen Dialog und die Ökumene aus. Nun äußerten sich auch die dort tätigen Salesianer Don Boscos positiv über das Zusammenleben der Religionen: Die Ökumene mit der Orthodoxie sei hier besser als in den Nachbarstaaten. Viel verdanke man diesbezüglich dem aus der Slowakei stammenden Apostolischen Präfekten in Baku, P. Vladimir Fekete SDB, berichtete das Pressebüro der Slowakischen Bischofskonferenz aus Anlass des Papstbesuchs im Kauskasus. (www.de.radiovaticana.va u. kap v. 3. 10.)

 

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Die italienische Post würdigt das historische Treffen zwischen dem heiligen Franz von Assisi und Sultan al-Malik zum 800. Jahrestag mit einer Sonderbriefmarke. Die Briefmarke bildet einen Ausschnitt aus dem Giotto zugeschriebenen Fresko in der Basilika von Assisi ab, auf dem der Heilige und der Sultan auf dem Thron zu sehen sind. Die begleitende Erläuterung zur Briefmarke nennt das Treffen „einen der entscheidenden Momente in der Menschheitsgeschichte, nicht nur des Heiligen von Assisi. Zur Zeit des Fünften Kreuzzuges, als Christentum und Islam keine Berührungs-, sondern nur Konfliktpunkte hatten, bot Franziskus der Welt ein Beispiel dafür, wie menschliche Beziehungen geführt und aufrechterhalten werden sollten.“ (vn v. 1. 3.)

     

  • Erzbischof Jean-Claude Hollerich, Leiter der EU-Bischofskommission COMECE, plädiert für eine stärkere Kontrolle von Bischöfen durch Laien. „Wir brauchen eine stärkere Pflicht zum Ablegen von Rechenschaft“, sagte er im Gespräch mit dem Internetportal „Vatican Insider“. „Dabei sollte auch eine Gruppe von Laien beteiligt werden. […] Ich habe kein Problem damit, dass mich eine Gruppe von Laien kontrolliert.“ Es sei wichtig, Klerikalismus zu überwinden: „Wir sind alle getauft und gehören alle zur selben Kirche.“ Der Luxemburger Erzbischof rührt damit an einen heiklen Punkt: Die US-Bischöfe hatten Ende 2018 die Einrichtung von Kontrollgremien zu Missbrauchsfällen beschließen wollen, bei denen Laien eine führende Rolle zugesprochen wurde. Die Abstimmung vertagten die vatikanischen Behörden auf den bevorstehenden Kinderschutz-Gipfel Anfang 2019, wo aber dazu kein Beschluss gefasst wurde. (vn v. 3. 3.)

     

  • Die orthodoxe Kirche in Afrika hat im November 2018 erstmals wieder Frauen zum Diakonat zugelassen. Diese Entwicklung soll nun auch der äthiopisch-orthodoxen Kirche zugutekommen. Dazu traf sich der griechisch-orthodoxe Patriarch von Alexandria, Theodoros II., mit seinem äthiopisch-orthodoxen Amtsbruder Abuna Matias, um zu beraten, wie sich der Synodalbeschluss in Äthiopien umsetzen lässt. In den 1950er und 1960er Jahren, als die Zusammenarbeit der beiden autokephalen Kirchen besonders intensiv war, wurden in Athen an der damaligen Hochschule für Diakonissen Hagia Varvara besonders viele Äthiopierinnen zum Diakonat ausgebildet. Allerdings wurde die Ausbildungsstätte 2003 geschlossen. Inzwischen hat aber Patriarch Theodoros II. Ende Februar 2017 im kongolesischen Kolwezi drei Nonnen und drei Katechetinnen die Diakonatsweihe erteilt. (kna u. vn [=Vatican News] v. 5. 3.; JA v. 17. 3.)

     

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