Zum Fest Allerseelen

 

Unsere Toten sind nicht tot,

sie sind nur unsichtbar.

Sie schauen mit ihren Augen voller Licht

in unsere Augen voller Tränen.

                                                                  (Augustinus)

 

„Sterben und Tod sind kein Übergang in ein anderes Leben, sondern wesentliche Bestandteile eines immerwährenden Lebens, von dem der weitaus größere Teil unsichtbar und verborgen ist.“ (Roland Ropers in seinem Kommentar zu Küng, Glücklich sterben?; KIRCHE IN 10/2014, S 45).

 

 

 Allerseelen

 

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,

die letzten roten Astern trag herbei

und lass uns wieder von der Liebe reden,

wie einst im Mai.

 

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,

und wenn man’s sieht, es ist mir einerlei,

gib mir nur einen deiner süßen Blicke,

wie einst im Mai.

 

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe.

Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei.

Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,

wie einst im Mai.

                                                             

Hermann von Gilm zu Rosenegg, * 1. November 1812 in Innsbruck; † 31. Mai 1864 in Linz

 

 

Herbst

 

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

                                                                     

                                                                  Rainer Maria Rilke aus: Das Buch der Bilder

 

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