Franziskus: unbeugsam, aber offen für Dialog

29.03.2013, Luis Zambrano

 

Luis Zambrano ist Befreiungstheologe, Dichter und Pfarrer von Pueblo de Dios in Peru. Seine Sicht zur Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Bischof von Rom:

 

Verehrte Freunde und Freundinnen!

 

Die Wahl von Papst Franciscus war wahrhaftig eine Überraschung: da er Lateinamerikaner ist, da er dem Jesuitenorden angehört und auch wegen der ihm eigenen Lebensweise. Das bedeutet, dass es für die Kardinäle bei der Wahl Zeit war, die lateinamerikanische  Kirche ernst zu nehmen, die in mehr als 500 Jahren zur Reife gekommen ist, mit ihrer eigenen Pastoral und Theologie sowie tausenden Märtyrern. So hat sie reichlich ihren Beitrag zur Universalkirche geleistet.

Das bedeutet, dass der Jesuitenorden, der doch so offen für die Änderungen durch das  II. Vatikanische Konzil und für die Forderungen der Menschheit und der Geschichte eintrat, aber während der letzten beiden Pontifikate übergangen wurde, eingeladen ist, seinen notwendigen Beitrag zur Veränderung der Kirche zu leisten.

 

Das bedeutet, dass man einen einfachen, bescheidenen Menschen wählt, der Luxus und Prunk nicht schätzt, liebenswert, spontan, charismatisch, kreativ, nahe dem Volk, vor allem den Ärmsten, ein Hirte, distanziert von der vatikanischen Kurie, den Medien der Kommunikation gegenüber offen, kritisch angesichts der zahllosen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika und in der ganzen Welt.

 

Ein Mann, unbeugsam, was die Lehre und die Moral betrifft, aber, wenn die Gelegenheit sich bietet, offen für den Dialog und der Suche nach Konsens. Er, der als Bischof der argentinischen Kirche die Last trägt, dass die Hierarchie seines Landes offiziell die Diktatur der Siebzigerjahre unterstützte - an die 30 000 Tote waren zu beklagen. Deshalb wurde auch er selbst Ziel von Anklagen und Widersprüchen.

 

Der Name, den er gewählt hat, FRANCISCUS, ist für sich selbst ein Programm für sein Leben und Handeln, da er die Erinnerung an Franciscus von Assisi wachruft, den Armen unter Armen und Förderer der Veränderung. In den wenigen Tagen seit seiner Wahl hat er eine Menge positiver Gesten gesetzt. Seine große Herausforderung ist, sich sofort als Mann der Aktionen und Entscheidungen im Hinblick auf Veränderung zu zeigen, nach denen Kirche und Welt rufen. Eine der dringendsten, nur eine, bezieht sich auf die Wahl der Bischöfe. Derzeit ist eine große Zahl von ihnen ziemlich konservativ und klammert sich an die Macht.

 

Viele verhalten sich wie Diktatoren, im Gegensatz zur prophetischen Forderung von Jesus, und das geht so weit, dass sie in ihren Diözesen Laien, Ordensleute und Priester, die mit den Ärmsten und Ausgeschlossenen solidarisch verbunden sind, verfolgen, sanktionieren und ausweisen. Die Kirche von Perú ist teilweise ein tragisches Beispiel für diese Situation.

 

Wenn Franciscus nach einigen Jahren das Amt des Papstes zurücklegen sollte, wird er durch seine Taten beweisen, das er das „Papst Sein“ in Wirklichkeit gelebt hat als einen Dienst der Liebe, und er wird dazu beitragen, die Figur des Papstes zu entmythologisieren, der mehr als zum römischen Pontifex, Heiligen Vater oder Christi Vikar dazu berufen ist, der Bruder aller zu sein, der „Diener unter den Dienern Gottes“. In dieser historischen Stunde haben wir, Gläubige und Nicht-Gläubige, Grund zur Hoffnung.

 

Luis Zambrano
Pfarre „Pueblo de Dios“
Juliaca – Perú

Übersetzung: Elsa Wollfbauer

 
 

 

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