Wie notwendig ist der Priester ?

Der folgende Text der schwedischen Autorin Gunnel Vallquist stammt aus dem Jahr 1997, hat aber dennoch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

 

Gunnel Vallquist (* 19. Juni 1918 in Stockholm) ist eine schwedische Autorin und Kritikerin, sowie seit 1982 Mitglied derSchwedischen Akademie. Als Katholikin hat Vallquist vor allem Essays über religiöse Themen geschrieben. Eines ihrer größten Werke ist die schwedische Übersetzung von Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die zwischen 1965 und 1982 herausgegeben wurde. (aus Wikipedia)

 

 

"Keine andere kirchliche Frage wird heute mehr debattiert und ist mehr gefühlsbeladen als die Priesterfrage in all ihren Varianten. Weibliche Priester, der Zölibat, Verhältnis zwischen Priesterschaft und Laien, zwischen Priestern und Bischöfen - unaufhörlich entbrennen Diskussionen, wecken Aggressionen und Panik, beunruhigen bisweilen zu ordentlichen Zornesausbrüchen. Die katholische Kirche, so lange eine sicher etablierte, um nicht zu sagen zementierte Ordnung, macht heute keine Ausnahme: die gleichen Fragen und noch etliche dazu beunruhigen Hierarchie und Kirchenvolk. Das dominierende Problem ist derPriestermangel: in den meisten Erdteilen müssen Gemeinden von engagierten Laien betreut werden, die auch eine gute Ausbildung erhalten, aber niemals die zentrale Aufgabe des Gemeindeleiters erfüllen können: dem Abendmahlsgottesdienst, der Eucharistie vorzustehen. Dies gilt auch für einen wichtigen Teil der Seelsorge, die praktische und nicht zuletzt theologische Probleme aufwirft.

 

            Diese Probleme sind empfindlich, ein Katholik kann fast nicht daran rühren, ohne mit einem Tabu in Konflikt zu geraten. Der derzeitige Notstand in der Kirche treibt gleichwohl den einen oder anderen Theologen, manchmal sogar auch einen Bischof, offen auf Veränderungen zu drängen und mögliche Wege dazu vorzuschlagen. Ein solcher Theologe, in diesem Fall ein wohlbekannter Exeget, hat vor einigen Monaten ein kleines Buch herausgegeben, das bei manchen Hoffnungen und bei anderen Erschrecken hervorgerufen hat.

Sein Name ist Herbert Haag, emeritierter Professor in Tübingen und in mehreren Diözesen in direkte kirchliche Tätigkeit engagiert. Der Titel des Buches lautet "Worauf es ankommt", mit dem Untertitel "Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?"

 

            Haag beruft sich auf "ein mutiges und prophetisches Buch des unvergeßlichen Karl Rahner", ein Buch über die Strukturumwandlung in der Kirche, erschienen vor 25 Jahren und aktueller denn je. Er zitiert: "Die Kirche sollte eine entklerikalisierte Kirche sein. Diese Aussage ist ja leicht misszuverstehen und muß erklärt werden. Selbstverständlich muß es in der Kirche ein Amt mit bestimmten Aufgaben und Vollmachten geben; wie aber dieses Amt differenziert und verteilt wird, hat keine Bedeutung. In einer solchen Kirche sollen auch die Amtsträger in froher Demut damit rechnen, daß der Geist weht, wo er will, und keinen erblichen exklusiven Pakt mit ihnen eingerichtet hat; sie sehen ein, daß die charismatischen Gaben, die niemals reglementiert werden können, für die Kirche gleich notwendig sind wie das Amt, welches wiederum niemals mit dem Geist identifiziert werden oder ihn ersetzen kann. Die Herde soll Herde bleiben, aber deshalb soll er (der Amtsträger) seine Schafe absolut nicht wie Schafe behandeln."

 

            Haag hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, als Exeget jene Texte im Neuen Testament zu überprüfen, auf welche die Kirche sich traditionellerweise stützt, wenn sie ihre Amtsauffassung begründet. Er findet, daß die Begründung schwach, ja nicht einmal vorhanden ist. Den zentralen Satz, daß Jesus selbst während des letzten Abendmahles einen Priesterstand eingesetzt haben soll, bestreitet er völlig: nichts weist darauf hin, daß Jesus vorhatte, eine sakrale Hierarchie zu gründen, sondern ganz im Gegenteil. Die Evangelien zeigen ihn selten oder nie als Teilnehmer an Tempelriten in Jerusalem; dagegen tritt er mit Vorliebe in den Synagogen auf. Dies sieht Haag als eines von vielen Zeichen für Jesu starke Distanz zu den jüdischen Opfergottesdiensten und deren Hierarchie; er weist auch alle Versuche zurück, das Sakrament des Neuen Bundes mit den Ordnungen des Alten Testamentes zu verbinden. Er stützt sich nicht zuletzt auf den Hebräerbrief mit dessen starker Betonung, daß Christus allein Priester ist, und Christus sein Opfer ein für allemal darbrachte.

 

            Wenn Jesus sagt: "Wem ihr die Sünden nachlasset, dem sind sie nachgelassen", oder "Wer euch hört, der hört mich, wer euch verwirft, der verwirft mich", dann wendet er sich, so betont Haag, nicht nur an die Zwölf, sondern an die Gemeinde, an die Kirche als ganze, an das Volk Gottes. Demselben gilt der Auftrag, das Evangelium zu verkünden und die Eucharistie "zur Erinnerung an mich" zu feiern. Die katholische Theologie hat in ihrer Lesung des Evangeliums nicht gebührend unterschieden zwischen "die Jünger", "die Zwölf" und "die Apostel", sondern bezog alles, was Jesus zu irgend einer dieser Gruppen sagte, nur auf die Apostel und dann auf deren unmittelbare Nachfolger: die Bischöfe und Priester. In einem verkürzten Durchgang durch die ersten Jahrhunderte der Kirche rechnet Haag damit ab, wie diese Entwicklung seiner Ansicht nach verlief: in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts wuchs nach und nach eine von dem übrigen Kirchenvolk abgegrenzte Priesterschaft heran, und zu Beginn des 5. Jahrhunderts war die Kirche eine "Zwei-Stände-Kirche" geworden. Diese Entwicklung steht nach Ansicht Haags in einem klaren Gegensatz zu den Grundgedanken des Evangeliums, und deshalb ist sie "illegitim, lästig und schädlich".

 

            Auch von irgend einem "allgemeinen Priestertum" will Haag nichts wissen. Die oft zitierten Texte im ersten Petrusbrief, die Getauften seien "lebendige Steine in einem geistlichen Gebäude", "ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, Gottes eigenes Volk", sprechen eine deutliche Bildersprache: ebensowenig wie die Christen in konkreter Bedeutung Steine waren, waren sie Könige oder Priester. "Es gibt keinen Tempel und keine Priesterschaft mehr, das sind nur Bilder." Was der Verfasser des Briefes damit sagen wollte, daß er fast wörtlich aus dem 2. Buch Mose 19, 5-6 zitiert, ist, daß die geplagte und bedrängte christliche Versammlung das Wort des Herrn an die Kinder Israels auf sich selbst anwenden durfte: Ihr seid sein auserwähltes Volk, ein heiliges Volk, das, wie die Priester, zu Gott direkt Zugang hat. Niemand in Israel und auch niemand in der Urkirche soll, erklärt Haag, diese Worte anders aufgefaßt haben. "Daß man aus den einzelnen Ausdrücken ein allgemeines Priestertum herleitet, ist ganz irreführend. Das Neue Testament kennt keine Priesterschaft, sei sie nun sakramental oder allgemein".

 

Es ist ja nun ganz klar, daß Haag in wichtigen Punkten von der traditionellen katholischen Lehre abweicht, und das weiß er natürlich. Er mußte es als zwingende Pflicht gefühlt haben, nach einem langen Leben als katholischer Forscher und Lehrer die Ergebnisse klarzulegen, zu denen er ehrlich gelangte. In welchem Maße er Recht oder Unrecht hat, kann ich selbstverständlich nicht beurteilen. Aber ich freue mich auf eine eingehende, ruhige, sachliche und offene Debatte unter Fachleuten, damit die Angelegenheit ordentlich durchleuchtet werden kann. Weder spontane Entdeckerfreude noch panische Abwehrreaktionen zur Reinhaltung der Lehre können der Debatte etwas anderes als Abfallprodukte zuführen, welche den klärenden Prozeß verzögern, der nun kommen muß. Um zu verstehen, wie schwierig ein solcher Prozeß sein kann, muß man nur daran erinnern, was die ersten modernen Exegeten um die letzte Jahrhundertwende ausstehen mußten. Es ist lehrreich, die Antwort der päpstlichen Bibelkommission auf die Fragen zu lesen, die vor hundert Jahren gestellt wurden, und sie mit dem Dokument der derzeitigen päpstlichen Bibelkommission über die Bibelauslegung in der Kirche aus dem Jahr 1994 zu vergleichen - da sieht man, welch langer Weg zurückgelegt wurde und wie die historischen Wissenschaften nach viel Ängstlichkeit das Heimatrecht in der Kirche erhielten.

 

            Auf der ersten Seite in Haags Buch steht: "Den Laien in der Kirche gewidmet". Im ersten Kapitel führt der Verfasser ein Wort von Pius XII aus dem Jahre 1946 an: "Die Gläubigen, und besonders die Laien, stehen im Leben der Kirche an vorderster Front. Für sie ist die Kirche Lebensprinzip in der menschlichen Gemeinschaft. Deshalb sollen sie, gerade sie, wissen: Wir gehören nicht nur zur Kirche, wir sind die Kirche". Auf dem Hintergrund der vom Vorgänger Pius XI. gegründeten Katholischen Aktion, in der alle Tätigkeit der Laien unter hierarchischer Leitung gesammelt werden sollte - das Musterbeispiel eine "Zwei-Stände-Kirche" - erhält das Wort Pius XII. einen fast revolutionären und auf jeden Fall prophetischen Klang. Es setzte sich kaum durch, nicht einmal in den Dokumenten des Zweiten Vatikankonzils. Als das "Kirchenvolks-Begehren", ein konkreter Reformvorschlag, der 1995 bei den Katholiken Österreich große Unterstützung erhielt, unter dem Appell "Wir sind Kirche" auftrat, weckte es in konservativen Kreisen auf der ganzen Welt einen Aufschrei: um die Bewegung ordentlich zu diskreditieren, stellte man sie unter dem Namen "Wir sind die Kirche" vor - kaum ahnend, daß diese anspruchsvolle Formulierung von Pius XII. stammte.

 

Man kann darüber grübeln, welche Folgen eine Anerkennung von Haags Thesen zunächst für die katholische Kirche haben könnte. Wahrscheinlich ist sein Buch teilweise eine Art Protestschrei gegen Johannes Paul II. Apostolisches Schreiben Sacerdotalis Ordinatio, in dem der Papst behauptet, die Kirche solle weder noch könne sie Frauen zu Priestern weihen, da Christus ein Priesteramt nur für Männer eingesetzt habe. Haags Absicht ist es sicher nicht, die Notwendigkeit des Amtes und der Autorität in der Kirche zu leugnen. Ganz im Gegenteil möchte er zeigen, daß die Kirche volle Freiheit hat, zu disponieren und bei Bedarf ihre Ämter zu verändern, da Jesus nach seiner Überzeugung nichts anderes darüber bestimmt hat, als daß er eine Kirche gründen und sie dem Petrus und den übrigen Apostel anvertrauen wolle. Wie diese im übrigen ausgestaltet werden solle, sei ihre Angelegenheit. Er hätte klare Verordnungen, eine Art Gesetzestafel für den Neuen Bund, erlassen können. Dies wollte er nicht; er gab ihnen jedoch ein neues Gebot: "Daß ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe".

 

            Jesus gab allen seinen Jüngern den Auftrag, das Evangelium für alle Völker zu verkünden. Der besondere Auftrag an Petrus und die Apostel umfaßte das Recht und die Pflicht, die Gemeinde, die Kirche, auf beste Weise zu organisieren und zu verwalten. Verschiedene Ämter entwickeln sich, wenn Bedarf besteht, aber sie sollten nicht alle an ein und denselben Amtsträger gebunden werden. Vor allem muß die Kirche sehen, daß ihre wesentlichen Funktionen aufrechterhalten werden, und an erster Stelle die Eucharistie. Dies ist ein Auftrag von Jesus - "Esset alle davon, trinket alle daraus, tut dies zu meinem Gedächtnis" - ein Auftrag, der nicht gefährdet werden darf, weil man meint, man habe dazu nicht die entsprechenden Mittel. Es ist ganz im Gegenteil die Aufgabe der Kirchenleitung, zu sehen, daß die wachsende Reserve von Mitteln außerhalb der derzeitigen Priesterschaft in Anspruch genommen wird. "Die Voraussetzung, die Eucharistie zu leiten, sollte nicht eine Weihe sein, sondern ein Auftrag. Dieser kann einem Mann oder einer Frau, verheiratet oder unverheiratet, erteilt werden. Für sowohl Mann als auch Frau muß das volle kirchliche Amt offenstehen."

 

            Wenn Herbert Haag die erste christliche Kirche, die Kirche des Neuen Testamentes, als verpflichtendes Modell für alle Zeiten und besonders für unsere Zeit vorstellt, steht er natürlich nicht allein, und viele andere katholische Kirchenmänner drängen auf Reformen, wenn es darum geht, wie das Amt sich ausformen und ausgeübt werden soll, damit die Kirche dem Evangelium mehr getreu wird. Haag geht einen Schritt weiter, wenn er auf die Quellen zurückgreift, traditionelle Auslegungen in Frage stellt und in katholischem Zusammenhang unerhörte Kritik übt. Aber seine Thesen haben nicht nur für die katholische Kirche Bedeutung; sie berühren auch andere Gemeinschaften. Alle haben Gelegenheit, ihre Beziehung zu Jesu Missionsauftrag und zur Verkündigung der Apostel zu überprüfen."

                                                                                                          Gunnel Vallquist

 

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