Afrika: Müllhalde europäischer Priesterprobleme?

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Bischof von Makeni (Sierra Leone) fordert Öffnung aller Archive und Kooperation von Diözesen und Orden, die Missbrauchstäter in den Globalen Süden entsandt haben.

Bob John H. Koroma, seit 2023 Bischof von Makeni (Sierra Leone), beleuchtet in der "Herder-Korrespondenz" (April 2026) die schwierige Problematik von Sexuellem Missbrauch durch europäische Geistliche in afrikanischen Gemeinden. Was in Euopra oft innerhalb einer Diözese passierte, gab es eben auch auf der Ebene der Weltkirche: dass ein des Missbrauchs überführter Priester einfach woandershin versetzt wurde.

Koroma spricht von einer rechtlichen Grauzone, in der sich ins Ausland entsandte Priester oft bewegen würden: Der entsendende, weit entfernte Bischof habe das Gefühl, seine direkte Verantwortung sei gemindert, und der afrikanische Bischof vor Ort habe das Gefühl, dass ihm die Autorität fehle, einen ausländischen Priester zu disziplinieren, weil er in Bezug auf Personal und Finanzen oft ja von der entsendenden Institution abhängig sei. „Dies schafft eine brisante Atmosphäre, in der ein Priester praktisch niemandem Rechenschaft schuldig ist und sich in einem gefährlichen Raum zwischen zwei Strukturen bewegt, frei von jeder Aufsicht“, so Bischof Koroma.

Für die kanonischen Ermittlungen in den Ländern, in denen der Missbrauch stattgefunden hat, fordert er nun uneingeschränkte Kooperation jener Diözesen und Orden, die Missbrauchstäter entsandt hätten. Außerdem brauche es direkte und öffentliche Entschuldigungen bei den Betroffenen und den Ortskirchen sowie umfassende Entschädigungen der Überlebenden, die Etablierung einer neuen Form der Partnerschaft mit dem Globalen Süden und eine Reform des Entsendemodells. Denn wenn Priester mit problematischen Neigungen als bequeme Lösung des Problems nach Afrika geschickt würden, würden die Gemeinden anderer Gläubiger als „Müllhalde“ für Probleme betrachtet, die die Verantwortlichen zu Hause nicht lösen wollten oder könnten; das aber sei keine Partnerschaft, sondern „spiritueller Kolonialismus“.

Bischof Koroma nimmt Mission und kirchliche Entwicklungshilfe auch systemisch in den Blick und kritisiert, dass Hilfe, die auf einer Geber-Empfänger-Dynamik basiert, eine Kultur des Schweigens unterstütze. Denn wer auf die Hilfe für Schulen und Kliniken angewiesen sei, könne sich nur schwer gegen den Geldgeber äußern. „Das System selbst, so gut es auch gemeint war, schuf eine Machtdynamik, die die Täter schützte und die Betroffenen zum Schweigen brachte“, so der Bischof von Makeni. Diese Problematik werde außerdem durch den in Afrika zu beobachtenden „unerschütterlichen Gehorsam gegenüber Autoritäten“ noch zusätzlich verschärft.