Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!
Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, gehört für viele zu den schönsten Bibelstellen überhaupt. Es erzählt von einer Frau, die sich zunächst am Tiefpunkt ihres Lebens wähnt. Sie steht an einem Grab und schaut dem Menschen nach, in den sie die Hoffnungen ihres Lebens gelegt hatte und der ihr nun unsagbar fehlt. Maria von Magdala ist in diesem Augenblick ganz allein - alleingelassen, könnte man auch sagen. Alleingelassen in ihrer Trauer und Verzweiflung. Aber genau in diese Trauer und Verzweiflung hinein ereignet sich das Wunder und begegnet ihr der Verlorengeglaubte als Lebender. Er wandelt ihre Trauer in Freude, ihre Verzweiflung in Hoffnung. Festhalten lässt er sich nicht von ihr, seine Welt ist jetzt eine andere. Aber doch weiß sie jetzt, dass er lebt und dass sie sich daher weiter an dem festhalten kann, was früher gewesen war: ihre Erlebnisse, ihre Begegnungen, ihre Gespräche, …. Es erfüllt sie mit neuer Lebenskraft, mit neuem Vertrauen, mit neuer Freude, dass sie spüren darf: Jesus lebt. Und dieser Jesus schickt sie nun los, um auch die anderen aus dem Kreis der Jünger und Apostel an dieser Botschaft des Lebens teilhaben zu lassen. Und so geht sie - und verkündet ihnen die Botschaft. „Ich habe den Herrn gesehen!“
„Ich habe den Herrn gesehen!“ – das ist das bewegte Zeugnis der Maria von Magdala am ersten Tag der Woche, am ersten Tag der neuen Geschichte des Jesusglaubens. Dieses Zeugnis von Maria Magdalena stellt tatsächlich den Anfang einer neuen Verkündigung dar, ist der allererste Schritt hin zu einer Gemeinschaft im christlichen Glauben. Es ist nicht weniger als der entscheidende nachösterliche Beginn von all dem, was wir heute als Christentum oder als Kirche bezeichnen. Die Predigten des Petrus, die Briefe des Paulus, … - all das kam erst später. Zuerst war da dieses eine Zeugnis: das Zeugnis einer Frau.
Warum betone ich das so, liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen? – Warum unterstreiche ich so sehr, dass es eine Frau war, die als erste die Auferstehung verkündet hat? - Weil man im Laufe der Kirchengeschichte zunehmend unter den Tisch hat fallen lassen, welch entscheidende Rolle diese Maria von Magdala und andere Frauen in dieser jungen Jesusbewegung gespielt haben. Und ich sage bewusst nicht „Man hat es aus dem Blick verloren“, sondern „Man hat es unter den Tisch fallen lassen“, ich könnte sogar auch sagen „Man hat es unter den Teppich gekehrt.“ Denn als aus der kleinen Jesusbewegung eine größer werdende Kirche wurde, als sich all das, was zuerst ganz persönliche Glaubenserfahrungen waren, zu institutionalisieren begann, da fingen auch die Arrangements mit den gesellschaftlichen Normen an und über kurz oder lang schwappte das Patriarchat in die Kirche herein, das die damalige Gesellschaft in vielfacher Weise prägte. Spätestens im 4. Jahrhundert, als das Christentum zunächst durch Kaiser Konstantin erlaubt und später durch Kaiser Theodosius zur Staatsreligion wurde, etablierte sich auch in der Kirche das Patriarchat und dieses Patriarchat setzte sich hier in der Kirche sogar beständiger fest als in der weltlichen Gesellschaft, weil es sich in der Kirche den Mantel des Religiösen umhängen konnte und es bald schien, dass die Verfassung der Kirche, die Art und Weise, wie Kirche funktioniert, von Gott gegeben sei, dass also auch das Patriarchat von Gott gewollt sei und dass es demnach Sünde wäre, sich dagegen aufzulehnen und für die Gleichwertigkeit der Geschlechter in der Kirche einzutreten.
Und irgendwann und irgendwie, liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen, haben wir alle das ganz automatisch mit aufgenommen in unser Denken und Fühlen und auch in unseren persönlichen Glauben. Und nur langsam und mühsam durchschauen wir diese Fehlentwicklung, nur langsam und mühsam setzen wir da und dort ein Korrektiv. Als ich Ministrant wurde, war es ganz selbstverständlich, dass nur Buben ministrieren durften; als ich zehn Jahre später zu ministrieren aufhörte, gab es erste kleine Hinterfragungen dieser angeblichen Selbstverständlichkeit und noch einmal zwei, drei Jahre später waren sie dann da, die ersten Mädchen im Dienst am Altar.
Aber wie langsam geht dieser Prozess des In-Frage-Stellens, wie selbstverständlich sind uns die alten Gewohnheiten?! Ein kleines Beispiel aus meiner eigenen theologischen Ausbildung möchte ich Ihnen gerne geben, weil es nämlich mit der Frauenfrage zu tun hat, ohne dass das auch nur irgendwie ersichtlich gewesen wäre: Ich erinnere mich, wie uns ein Professor am Ende des Theologiestudiums ans Herz legte, für Lesung und Evangelium im Gottesdienst nicht selbständig Texte aus der Bibel auszuwählen, sondern uns an die vorgegebene Leseordnung der Kirche zu halten. Die Kirche hat ja für jeden Sonntag - ja sogar für jeden Wochentag - eine Auswahl an biblischen Texten getroffen, die im Gottesdienst in allen Kirchen vorgelesen werden sollten. Und der Professor hat uns einen wirklich guten Grund genannt, warum wir uns an diese Leseordnung der Kirche halten sollten: Er hat gemeint, als Prediger wären wir damit herausgefordert, uns auch mit unliebsamen, eher sperrigen Bibeltexten auseinanderzusetzen und die Gemeinde auch mit diesen vertraut zu machen, wohingegen wir bei persönlicher Auswahl der Texte wohl immer wieder nur unsere bevorzugten Bibelstellen auswählen würden und andere ebenfalls wertvolle Bibeltexte dadurch vernachlässigt würden. Was der Professor aber nicht dazugesagt hat – und keiner von uns war sich dessen bewusst und vielleicht hat auch er selbst das nicht in ausreichendem Maße bedacht -, war, dass auch diese von der Kirchenleitung erstellte Leseordnung sehr selektiv ist und viele wertvolle Bibeltexte in ihr keine Berücksichtigung finden. Auf diesen Aspekt machte heuer im Frühling die deutsche Theologin Annette Jantzen mit einem Buch aufmerksam. Es trägt den Titel „Die ignorierten Frauen der Bibel“ und den Untertitel „Was im Gottesdienst nicht gelesen wird.“ Annete Jantzen arbeitet heraus, dass die von der Kirchenleitung vorgenommene Textauswahl patriarchal geprägt ist und eindeutig zu Ungunsten der Frauen ausfällt. Nur rund ein Drittel der biblischen Frauengestalten kommt in den gottesdienstlichen Lesungen vor und deren Geschichten werden in aller Regel stark gekürzt. Das aber hat Konsequenzen: Es wirkt sich aus auf das christliche Frauenbild und damit auch auf die Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen in der Kirche. Man hat hier im Laufe der Kirchengeschichte ein einseitiges Narrativ geschaffen, das der biblischen Gesamtbotschaft keineswegs gerecht wird.
Wie sehr aber leidet die Kirche heute unter dem, was daraus geworden ist! Wie sehr leidet sie unter der ungleichen Behandlung der Geschlechter! Wir haben es mit einem schweren Schaden für die Kirche selbst und einem mindestens so schweren Schaden für die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi zu tun. Und es steht für mich außer Zweifel, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem die Kirchenleitung im Hinblick darauf ein großes „Mea culpa“ sprechen wird, ein Schuldbekenntnis, das eingesteht, dass man sich mit dem Ausschluss der Frauen von den Weiheämtern nicht nur an den Frauen, sondern auch am Menschenbild Jesu versündigt hat. Die Frage ist nur: Wann wird das Einsehen da sein, und was wird bis dahin alles kaputt gegangen sein?
Aber es gibt auch in der Kirche Bewegung: Papst Franziskus hat begonnen, Frauen in hohe kirchliche Leitungsämter zu berufen und Papst Leo macht das ebenso. Das gibt Hoffnung. Die Frauenfrage ist im Vatikan längst angekommen und der Papst versucht, sie ernst zu nehmen. Selbst eine Frau Kardinal erscheint in unserer Zeit durchaus möglich. Nur die Weiheämter – Diakonat, Priestertum, Bischofsamt -, die behandelt man wie eine tote Materie, die sich nicht ändern kann.
In der ganzen Welt aber gibt es Menschen und Gruppen, die sich des Themas sehr wohl annehmen. In Österreich hatten wir vor 30 Jahren das Kirchenvolksbegehren: Eine halbe Million Menschen unterschrieb u.a. für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche. Vor ein paar Jahren gab die deutsche Ordensfrau Sr. Philippa Rath, die im Herbst übrigens nach St. Laurenz kommt, ein Buch heraus, das 150 Zeugnisse von Frauen enthält, die sich zur Priesterin berufen fühlen und in einem zweiten Buch haben Männer ihre Unterstützung für die Frauen-Weihe zum Ausdruck gebracht, unter ihnen auch der österreichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler.
Freilich sind all diese Initiativen oft wenig bekannt, denn die Amtskirche unterstützt sie nicht, investiert Geld und Werbung lieber in ein traditionelles Kirchenverständnis. Und das bedeutet vielfach leider nach wie vor: in ein partriarchales Kirchenverständnis.
Vor einigen Jahren wurde daher in der Schweiz das sogenannte „Catholic Women´s Council“ gegründet, eine Vereinigung von römisch-katholischen Gruppen und Einzelpersonen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Anliegen von Frauen in der katholischen Kirche zu unterstützen, zu vernetzen und öffentlich zu machen. Und anlässlich des Gedenktages von Maria Magdalena in der kommenden Woche bittet diese Gruppe heute um eine Spende für ihre Arbeit; die Sammlung trägt den Namen Magdalenacent. Unser Pfarrgemeinderat hat beschlossen, dass wir das Opfergeld dieses Wochenendes an diese Gruppe zugunsten von Frauenanliegen in der katholischen Kirche weiterleiten und ich danke dafür unserem Pfarrgemeinderat und ich danke Ihnen, wenn Sie dafür heute eine Spende geben. Vielleicht sind wir die einzige Pfarre in Österreich, die da mitmacht, ich weiß es nicht, aber ganz bestimmt ist das ein starkes Zeichen für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche und damit ein Ernstnehmen der Botschaft des Evangeliums, ein Ernstnehmen der Botschaft von Maria Magdalena und all der anderen Frauen rund um Jesus. Und für dieses Zeichen und diese Unterstützung zugunsten von Frauen in der Kirche sage ich herzlichen Dank und ganz bewusst auch „Vergelt´s Gott!“
Harald Prinz, 19.7.2026