Predigt von Dr. Harald Prinz in der Pfarrkirche Kronstorf, OÖ, am 31.8.2025, dem 22. Sonntag im Jahreskreis (C)
Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 3,17-18.20.28-29):
Mein Sohn, meine Tochter! Bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen! Je größer du bist, umso mehr demütige dich und du wirst vor dem Herrn Gnade finden!
Denn groß ist die Macht des Herrn, von den Demütigen wird er gerühmt. Es gibt keine Heilung für das Unglück des Hochmütigen, denn eine Pflanze der Bosheit hat in ihm Wurzel geschlagen.
Das Herz eines Verständigen wird einen Sinnspruch überdenken und das Ohr des Zuhörers ist die Sehnsucht des Weisen.
Evangelium nach Lukas (Lk 14,1.7-11):
Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:
Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!
Die heutigen Bibelstellen – egal ob Altes Testament oder Neues – sind ein deutlicher Appell zu Liebe und Demut. Schon der Ratschlag aus dem Buch Jesus Sirach – Altes Testament – ist so etwas wie eine Lebensweisheit in diese Richtung. Jesus Sirach lebte in der Spätphase des Alten Bundes, in der Spätphase des Alten Testaments, so ca. 200 Jahre vor Jesus Christus, er betrieb – soweit wir wissen - ein sogenanntes „Haus der Bildung“, das man mit dem vergleichen kann, was man in der griechischen Welt unter einer „Philosophenschule“ verstand – die berühmtesten dieser Schulen waren jene von Platon und Aristoteles. Alle diese Schulen verfolgten das Ziel, den dort Lernenden das Leben zu entschlüsseln, ihnen Verständnishilfen zu geben in der Deutung des Lebens, sie wollten letztlich so etwas wie Lebenshilfe sein. Nicht viel anders das „Haus der Bildung“ des Juden Jesus Sirach - mit dem einen Unterschied freilich, dass dort auch die religiöse Tradition einfloss und sich das Erbe der jüdischen Stammeltern auf die Deutung der Welt und des Lebens auswirkte.
Was wir heute gehört haben, ist nur ein kleiner Teil dieses Buches. Seine Botschaft aber ist eine große. Es ist der Ratschlag zu Bescheidenheit und Demut sowie die Warnung vor Hochmut und Eitelkeit. Im Evangelium – Neues Testament – greift Jesus dieses Thema auf und treibt es plakativ auf die Spitze: Wie es ihm, dem begnadeten Wanderprediger entsprach, machte er seinen Zuhörenden mit einer kleinen Geschichte deutlich, dass Eitelkeit und Überheblichkeit ins Auge gehen können. Stell dir vor, sagt Jesus: Da ist ein Empfang, eine Veranstaltung, die Sessel sind gestellt, und da kommt einer, der sich für wichtig hält und nimmt sich einen Platz in der erste Reihe. Genießt dort, dass alle Blicke auf ihn gerichtet sind, kommt sich gut vor darin und sonnt sich in der Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt. Wie aber wird ihm sein, wenn der Gastgeber auf ihn zukommt und ihn bittet, weiter hinten Platz zu nehmen, weil die Plätze ganz vorne für andere reserviert sind, nicht aber für ihn?! – Wir können uns alle gut hineinversetzen in diese Geschichte, keiner von uns möchte in der Haut dieses Eitlen stecken.
Und ähnlich wie Jesus Sirach empfiehlt auch Jesus, sich vor leerer Eitelkeit und Hochmut in Acht zu nehmen. Stattdessen empfiehlt er: Mach dich lieber etwas zu klein als zu groß. Sollten die anderen dich doch an einem der oberen Plätze wollen, dann werden sie dich schon holen. Es ist im Grunde die gleiche Botschaft, die wir schon bei Jesus Sirach lesen: Sei demütig!
Nun, liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen, zu wem sind diese Worte gesprochen? Sie sind zu gläubigen Menschen gesprochen, zunächst einmal zu Menschen jüdischen Glaubens, aber dann auch zu Menschen christlichen Glaubens und so heute nun auch zu uns: Jede und jeder von uns kann und soll sich diese Worte zu Herzen nehmen. Sie sind gültig und wertvoll für jede und jeden Einzelnen.
Wir sollten sie darüber hinaus aber auch als Glaubensgemeinschaft beherzigen. In unserer Kirche – wenn ich das so sagen darf – gibt es so viele Eitelkeiten. Nicht umsonst hat unser Bischof ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wider den kirchlichen Narzissmus“. Narzissmus ist die Selbstverliebtheit. Bischof Manfred hat erkannt, wie oft die Kirche um sich selbst kreist, wieviel Narzissmus gerade auch in der Kirche aufpoppt, wie viele Eitelkeiten, wieviel Selbstverliebtheit es in unserer Kirche gibt! Und ich möchte da durchaus noch darüber hinausgehen und behaupten: Die kirchlichen Strukturen – so wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben - unterstützen in einem gewissen Maße den Narzissmus, manche kirchlichen Strukturen fördern Selbstverliebtheit und Überheblichkeit. Papst Franziskus hat das mit seiner Ansage gegen den Klerikalismus ja immer wieder scharf verurteilt. Er hat beispielsweise die römische Kurie, also seine engsten Mitarbeitern im Vatikan, immer wieder zur Demut gerufen. Wobei ganz klar ist, dass dieser Ruf zur Demut natürlich nicht nur den Oberen in der Kirche gilt, sondern auch allen anderen. Der Bischof von Rom hat uns hier eine Spur gelegt. Aber er hat leider nicht genug getan oder er hat nicht genug Kraft gehabt, die Strukturen entscheidend zu verändern, um diesen Eitelkeiten und diesen Narzissmen das Wasser abzugraben. Vielleicht hat er den Weg begonnen, aber der Weg ist noch weit.
Es war ein anderer Bischof, nämlich Bischof Jacques Gaillot von Évreux in Frankreich, der schon vor Jahrzehnten erkannt hat, dass die Kirche hier noch einen weiten Weg hat. Eines seiner Bücher trägt den Titel: Une église, qui ne sert pas, ne sert à rien: Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts!
Es muss im Leben der Kirche immer um das Dienen gehen. Jesus selbst hat es beim letzten Abendmahl vorgemacht, da hat er mit den Seinen nicht nur Brot und Wein geteilt, sondern er hat ihnen die Füße gewaschen: Er hat ihnen einen Dienst getan! Und das Wort „dienen“ – liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen – das Wort Dienen spiegelt sich in unserer deutschen Sprache – vom Althochdeutschen kommend – in dem Wort „Demut“ wider. Denn „Demut“ war ursprünglich der Dien-Mut. Es geht bei der Demut um den Mut, um die Gesinnung des Dienens.
Wir spüren es alle: Demut ist kein modernes Wort, ist kein Wort, das hochangesehen wäre in der Welt unserer Zeit. Und doch wäre gerade die Demut die Lösung für so viele Probleme unserer Welt, wohl auch die Lösung für viele Probleme unserer Kirche.
Lassen wir die Botschaft der heutigen Bibellesungen in unser Herz: Üben wir uns ein in die Demut, probieren wir sie aus … dann werden wir vielleicht erfahren, dass sich dadurch im Leben tatsächlich manches zum Besseren und zum Guten wenden kann!