Es war bei einer Reise mit dem Wohnmobil durch die Basilikata und Kalabrien, zwei wunderschöne Regionen, mit farbenprächtigen Landschaften, eingebettet in traditionsreiche Dörfer, beschauliche Täler, teilweise gebirgige Gegenden, einladende, einsame Strände und vor allem nette, gastfreundliche Menschen. Wir genossen kleinere und größere „Osterie“ mit lokalen Gerichten, die wir bis dato noch nicht kannten. Wir konnten fast immer die Küchen betreten und das Menü nach Farbe, Geschmack und Geruch selbst zusammenstellen.
Dabei kamen wir zu orientalisch anmutenden katholischen Kirchen, in denen auch verheiratete katholische Priester ihre Gottesdienste feierten. Das war völlig neu für uns: im traditionsreichen, katholischen Italien werden verheiratete Männer zu Priestern geweiht? Diese unerwartete Begegnung machte uns neugierig.
Wir erlebten eine der faszinierendsten kulturellen und religiösen Besonderheiten Italiens. Die Menschen, denen wir begegnet sind, gehören zur Minderheit der Arbëresh, die vor Jahrhunderten nach Italien geflohen waren. Die Arbëresh sind eine Italo-albanische Minderheit, die sich zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert in Süditalien angesiedelt haben. Sie waren geflohen vor der Eroberung des Balkans durch das Osmanische Reich. Sie leben heute in etwa 50 Gemeinden, vor allem in Kalabrien (z. B. in der Provinz Cosenza) und der Basilikata, aber auch auf Sizilien (Piana degli Albanesi). Sie haben ihre eigene Identität, ihre eigene Sprache (Arbëresh) und haben ihre Bräuche über mehr als 500 Jahre bewahrt.
Kirchenrechtlich gehören sie zur Italo-albanischen Kirche, einer „katholischen Ostkirche in Italien“. Katholisch, aber anders und nicht nur wegen der verheirateten Priester, Sacerdoti uxurati genannt.
In ihren Gottesdiensten folgen sie nicht dem römischen, sondern dem byzantinischen Ritus. Das erklärt die „orientalisch“ anmutende Pracht der Kirchen, wie die Ikonostasen, den intensive Gebrauch von Weihrauch und die byzantinischen Melodien, die tief in der Liturgie verankert sind.
Eine besonderes Merkmal ist, dass neben zölibatär lebenden Priestern auch viele verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden, die mit ihren Frauen und den gemeinsamen Kindern dann im Pfarrhaus leben. Über ihre Anzahl gibt es keine Statistik. Trotz hartnäckigem Nachfragen wurde unsere Neugierde diesbezüglich nicht befriedigt.
Ich konnte jedoch folgende Erkenntnisse gewinnen.
Die katholischen Albaner in Italien haben einen eigenen Kirchenstatus: Das katholische Kirchenrecht erlaubt es den Ostkirchen, ihre eigenen Traditionen beizubehalten. Dazu gehört die Priesterweihe verheirateter Männer. In Italien können die Angehörigen der Arbëresh die Priesterweihe erhalten, wenn sie bereits verheiratet sind. Einmal geweiht, dürfen sie jedoch nicht mehr heiraten. Bischöfe hingegen werden ausschließlich aus der Gruppe der zölibatär lebenden Mönche gewählt.
Die Struktur der Italo-albanischen Kirche ist in zwei Eparchien unterteilt: Lungro in Kalabrien und Piana degli Albanesi auf Sizilien. Sie verwendet in der Liturgie vor allem Albanisch und Griechisch, lokal auch Italienisch.
Diese ungewöhnliche Reise hat uns also in eine Enklave geführt, in der Orient und Okzident auf einzigartige Weise verschmelzen – mitten im katholischen Herzen Italien.
Offiziell werden zwei liturgische Sprachen genannt: Koine‑Griechisch und Albanisch.
Historisch wird der Gottesdienst überwiegend auf Griechisch gefeiert; seit dem 20. Jahrhundert hat Albanisch (heute meist Standard‑Albanisch) in den Texten jedoch deutlich an Gewicht gewonnen. In der Praxis ist oft folgendes Muster erlebbar: liturgische Texte in Standard‑Albanisch, Predigt in Arbëresh, und zu Hochfesten zusätzlich Italienisch.
Wir wollten unbedingt näher an die Volksgruppe der Arbëresh herankommen, um sie authentisch kennenzulernen.
Also fuhren wir eines Morgens los. Die Straßen waren noch leer, die Luft kühl und klar. Im Rucksack hatte ich ein altes Messbuch des byzantinischen Ritus und eine zerknitterte Liste mit Arbëresh‑Orten, die wir unbedingt sehen wollten.
Als wir uns der ersten Kirche näherten, lag das Dorf noch im Halbschlaf. Die Häuser lehnten sich an den Hang, eng beieinander, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Vergessen schützen. Auf dem Platz vor der Kirche spielte ein Hund träge mit einem Plastikball, und nur die gedämpften Stimmen zweier alter Männer durchbrachen die Stille. Sie sprachen kein Italienisch, sondern dieses weiche, singende Arbëresh, das ich sofort zu erkennen glaubte.
Mitten am Platz stand eine Kirche. Das Gotteshaus selbst war klein und unauffällig, aber sobald wir eintraten, änderte sich alles: Hinter der schweren Holztür öffnete sich eine andere Welt: Ikonen, die im Halbdunkel golden schimmerten, ein reich verzierter Vorhang vor der Ikonostase, der Geruch von Weihrauch, der sich wie ein unsichtbarer Schleier durch den Raum zog. Hinter uns flüsterte jemand „Mire se erdhët“ – willkommen – und plötzlich war klar, dass hier nicht einfach nur eine Kirche stand, sondern eine lange Geschichte, die in Stein, Holz und Gesang eingeschrieben war.
Die Liturgie begann fast unmerklich. Zuerst ein stilles Murmeln, dann die klare Stimme des Diakons, der auf Griechisch die ersten Ektenien anstimmte, gefolgt vom Chor, der in Albanisch antwortete. Ich sah die kleinen, abgegriffenen Gesangbücher: die Texte vermutlich in Standard‑Albanisch gedruckt, am Rand handschriftliche Notizen im Arbëresh. Es war, als würde man einem Gespräch zwischen Jahrhunderten zuhören – den alten griechischen Formeln, den albanischen Übersetzungen, dem Italienischen, sobald der Priester predigte, damit kein Gast sich fremd fühlen müsste.
Ich habe alle Liturgieformen des Priesters verfolgt: das dreifache Zeichen des Kreuzes, das wiederhole Schwenken des Rauchfasses, die langsamen Prozessionen vor der Ikonostase, das Öffnen und Schließen der „königlichen Türen“.
Nach der Liturgie drängten uns die Leute nicht hinaus, sondern in die Sakristei und dann geradewegs in die Küche des Pfarrhauses. Eine ältere Frau - wie sich später herausstellte: die Schwiegermutter des Pfarrers - stellte Brot, Käse und einen starken Kaffee auf den Tisch und begann, ohne uns zu fragen, unsere Reiseroute zu korrigieren. „Hier wart ihr noch nicht, dort müsst ihr hin, und vor allem dürft ihr Piana nicht auslassen.“ Ich kritzelte eifrig neue Ortsnamen ins Notizbuch, während italienische Albaner zwischen Italienisch und Arbëresh hin‑ und herwechselten, und immer wieder ein Wort fiel:„tradita“ – Tradition.
Später, auf der Weiterfahrt, zog die Landschaft an uns vorbei: Olivenhaine, von Steinmauern eingefasste Felder, verlassene Bahnhöfe, an deren Fassaden verblasste zweisprachige Schilder hingen. In einem Ort blieb ich vor einem Straßenschild stehen: oben der italienische Name, darunter der albanische, beide von der Sonne ausgeblichen, aber noch lesbar.
In einer anderen Gemeinde war die Kirche größer, fast kathedralhaft, und der Gesang kräftiger, voller Stimmen junger Leute. Hier mischten sich Jeans, Kapuzenpullis und Smartphones mit bestickten Trachten, die ältere Frauen bei besonderen Festen noch trugen. Der Priester begrüßte uns nach der Liturgie auf Italienisch, wechselte mühelos ins Albanische und lachte, als ich ihn nach der „richtigen“ Sprache der Kirche fragte. „Die richine?" - antwortete er - "La vera lingua è quella in cui parliamo con Dio e lui ci risponde”.
Gegen Abend, als wir die letzte Kirche des Tages erreichten, stand die Sonne tief, und ihr Licht fiel schräg durch die kleinen Fenster in den Altarraum. Der Priester sang leise die letzten Gebete der Vesper, und nur eine Handvoll Gläubiger war noch da. Die Melodien wirkten vertraut und doch hatten sie diesen eigenartigen, melancholischen Ton, der vielleicht von den Bergen Albaniens erzählt, möglich von den Jahrhunderten in der Fremde.
Als wir wieder vor die Tür traten, war das Dorf in ein warmes Orange getaucht. Glocken läuteten, Kinder rannten über den Platz, und irgendwo kamen Stimmen und Tellerklirren aus einer offenen Küche. Wir blieben einen Moment stehen, sahen zu der kleinen Kirche hinauf und sagten leise: „Es ist, als würde hier Europa in einem einzigen Kirchenschiff zusammengefasst – Ost und West, Griechisch und Lateinisch, Albanisch und Italienisch, alles in einem Atemzug.“
Auf der Rückfahrt, als die Dunkelheit langsam die Umrisse der Hügel verschluckte, blätterte ich schweigend in meinen Notizen. Zwischen Ortsnamen und liturgischen Anmerkungen stand ein einziger, unterstrichener Satz: „Eine kleine Kirche – und doch eine ganze Geschichte von Flucht, Treue und Erinnerung.“
Und während das Scheinwerferlicht die Kurven der Straße erfasste, wussten wir, dass diese Fahrt nicht einfach nur eine Reise von Ort zu Ort in einem unglaublich faszinierenden Landstrich Italiens gewesen war, sondern ein stilles Hinabsteigen in die Tiefen einer Tradition, die noch lebt, gerade weil sie gelernt hat, in mehreren Sprachen zugleich zu beten. Besonders das Bild des Pfarrers, Papas genannt, der mit seinen Kindern am Platz vor der Kirche spielte und sich mit seiner Angetrauten leise und doch hörbar in einer mir völlig fremden Sprache unterhielt, wird mir noch sehr lange in wohltuender und beglückender Erinnerung bleiben.
Peter Karl Gardowsky