Ich war neulich wieder in einer katholischen Kirche. Ja, freiwillig. Ich war wegen eines Konzerts dort.
Und ich muss sagen: Das war schön. Wirklich. Da sitzen Musiker, spielen Stücke, die Jahrhunderte alt sind, und trotzdem spürst du: Da ist Leben drin. Da atmet was. Da geht der Himmel kurz mal auf.
Und weil ich durch die Musik so beseelt war, dachte ich mir, als der liturgische Teil losging: „Komm. Bleib offen.“
Ich saß da wirklich mit offenem Visier! Ich wollte nicht zynisch sein. Ich wollte diesen Ritus achten. Ich wollte ihn schätzen! Auch wenn ich den Glauben auf diese Art nicht teile – ich habe Respekt vor Formen, die Menschen seit 2000 Jahren Halt geben. Ich dachte: „Lass dich drauf ein, vielleicht entsteht da ja eine Resonanz.“
Aber Sie kennen die Kirche. Die spürt diese Offenheit – und erstickt sie sofort reflexartig unter einer Decke aus Langeweile.
Denn kaum beginnt die Messe, merkst du: Das hier ist keine Seelsorge. Das ist schlechte Werbung mitten in einem richtig guten Film. Sie schauen gerade emotional ergriffen das Finale, und zack – brüllt Sie einer an, dass Sie sich jetzt gegen Fußpilz versichern sollen.
Vorne steht dieser junge Priester. Ein Missionszögling, Reservist, ganz offensichtlich von der spirituellen Ersatzbank. Einer, der nur deshalb Priester wurde, weil im Heimatdorf die Post zugesperrt hat und er sich dachte: „Na gut, dann mach ich halt Promotion für den Herrn.“
Und der liest… und liest… und liest…
In einer Sprache, die er selbst nicht versteht! Wie ein Teleprompter-Ableser beim Shopping-Kanal. Und da sitze ich – mit meiner ganzen guten Absicht, offen zu bleiben – und muss mich wundern:
Sagt mal, habt ihr eigentlich nichts Besseres?
Die Kirche jammert seit Jahren über Personalmangel. „Wir finden keine Priester mehr!“ Ja, Kunststück!
Wenn ich 50 Prozent der Menschheit – nämlich die Frauen – per Satzung ausschließe… Und den Rest der Männer, die zufällig verheiratet sind und im echten Leben stehen, auch noch vor die Tür setze…
Dann bleibt halt nur noch der Reservist übrig! Dann bleibt der übrig, der im echten Leben keinen Job gefunden hat, aber gut Auswendiglernen kann.
Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Draußen stehen kluge Theologinnen. Draußen stehen erfahrene Familienväter. Menschen mit Empathie! Menschen, die wissen, wie sich das Leben anfühlt!
Aber die Kirche sagt: „Nein. Wir nehmen lieber den da. Der hat zwar keine Ahnung, wovon er spricht, und er kann keine zwei Sätze unfallfrei vorlesen – aber er hat das richtige Chromosom und ist ledig. Qualitätssicherung durch Zölibat.“
Das ist, als würde Bayern München ohne Stürmer spielen und verlieren, weil die, die Tore schießen können, leider die falsche Frisur haben.
Und dann kommt der Tiefpunkt. Dieser Mann, der vom Leben abgeschirmt wurde, um uns das Leben zu erklären, haut diesen Satz raus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“
Ja! Wunderbar! Das ist Marketing für Zielgruppen, die es seit 1950 nicht mehr gibt. Diesen Satz bringen sie immer nur gegen Leute, nie gegen Institutionen!
Und ich sitze da und denke: Ich wollte den Ritus achten. Wirklich. Aber ihr macht es einem verdammt schwer! Ihr habt das beste Produkt – Liebe, Ewigkeit, Sinn – und ihr lasst es von Leuten verkaufen, die klingen wie ein Anrufbeantworter aus den 80ern, nur weil ihr die fähigen Leute nicht ans Mikrofon lasst.
Ich hatte kurz den Impuls aufzustehen. Einfach mal zu rufen: „Entschuldigung… könnte vielleicht mal eine der Damen aus der dritten Reihe übernehmen? Damit hier wieder Leben reinkommt?“
Aber ich hab’s nicht getan. Weil man weiß: Wenn du dich über die Werbung beschwerst, bist DU der Störenfried.
Und trotzdem… trotz allem… ging ich raus und dachte: „Ich hab mich selten so lebendig gefühlt.“
Warum? Weil ich den Unterschied gespürt habe. Zwischen Kunst, die lebt (das Konzert). Und einem Apparat, der sich selbst im Weg steht (die Messe).
Ich war wach, weil ich mich geärgert habe. Über die verschwendete Chance. Und über das verschwendete Personal.
Und das ist manchmal der lebendigste Moment überhaupt: Wenn man merkt, dass man den Kanal wechseln möchte, aber die Fernbedienung klemmt.
Danke. Amen. Und: Lassen Sie sich vom Werbeblock nicht die Melodie versauen.
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