Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Da hängt ein Mann zwischen Himmel und Erde, gemartert, gedemütigt, gequält. In seinen Körper hat man Nägel getrieben, in seinen Kopf Dornen. Und die, die ihm das angetan haben, stehen da und schauen auf ihn, wenigstens manche, stehen da und gaffen ihn an, vielleicht lachen sie ihn aus, freuen sich, wie er nackt vor ihnen hin stirbt, vielleicht lechzen sie schon nach seinem Ende, nach seinem Tod, nach einer Welt ohne ihn.
Und er? Hängt da zwischen Himmel und Erde, völlig wehrlos und in einer nicht mehr überbietbaren Situation finaler Ohnmacht, totaler Schwäche. So scheint´s. Da spricht er ein Wort, und meldet seine Stärke zurück; demonstriert mit diesem Wort, wie stark er ist; bricht mit diesem Wort jeden archaischen Vergeltungsmaßstab; sprengt mit diesem Wort den Kreislauf des Bösen, die Spirale von Rache und Gewalt, und zeigt, dass es immer auch eine andere Perspektive gibt – die, die den Blick auf den Menschen legt, der einem auch im Feind begegnet; die triviale Gegenüberstellung von Freund und Feind, von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse, löst sich auf; böse erscheint in dieser Perspektive das konkrete Handeln, aber nicht mehr der Mensch als solcher. Der bleibt in der Tiefe seiner Seele von Gott geliebt und würdig des Erbarmens – Gottes wie auch der Menschen.
Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!
Ein zweiter Mann zwischen Himmel und Erde: auch er gemartert, gedemütigt und gequält. Seine Schuld? Verstoß gegen das Gesetz, Verbrechen, Mord. Nach menschlichem Ermessen trifft ihn das Urteil gerecht. Er hat es nicht anders verdient, sein Handeln hat diesen Tod verlangt. Wie gesagt: nach menschlichem Ermessen.
Aber der neben ihm, der sich wie er befindet zwischen Himmel und Erde, nicht mehr ganz da und noch nicht ganz dort, ist nicht nur Mensch, aus ihm spricht es gleichsam göttlich. Und das erste Wort, das er vom Kreuz gesprochen hat, hinausgeschrien vielleicht in diese Welt und jene, dieses erste Wort hieß: Vergebung!
Und der neben ihm, einer bloß von zweien, scheint es verstanden zu haben, wird schuldfähig und kann seine Taten bereuen. Er durchbricht die scheinbar ausweglose Bahn von Fatalismus und „Alles-zu-spät“-Gläubigkeit; der Mensch tritt hervor, und zeigt sich größer als das, was er an Schuld auf sich geladen hat.
Deswegen kann er dem Kreislauf entrinnen, reicht Gott ihm die Hand, zur Versöhnung, zum Ausweg; nicht irgendwann, sondern jetzt: heute noch.
Frau, sieh, dein Sohn, und du, sieh, deine Mutter!
Jesus stirbt nicht ganz einsam. Seine Mutter ist da, und auch sein bester Freund, der Jünger, den er liebte. Diese beiden Menschen sind ihm auch jetzt nicht egal. Sie sollen zusammen stehen in dieser schweren Stunde, sollen einander „Jesus“ sein: sie ihm Mutter, er ihr Sohn.
„Beziehung“ ist das Zauberwort; darum geht es. Wo Beziehungen spürbar werden, geht der Himmel auf, auch wenn die Wolken noch so düster hängen wie damals auf Golgotha.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Die Wolken hängen tief in Golgotha; sie haben den Himmel verfinstert. Der, der da schreit, schreit in tiefster Verzweiflung. Hat er den Himmel aus dem Blick verloren? Den, nach dem er schreit, nennt er nicht mehr Vater. Hat er das Vertrauen zu ihm verloren?
Hier schreit kein geliebter Sohn mehr, hier schreit eine gemarterte Kreatur ihre abgründige Angst heraus, schreit sie hinaus in die Welt, schreit sie ihrem Gott ins Gesicht, und will wissen „Warum?“
Die tiefste aller Fragen im Leben des leidenden Menschen, wie oft ohne Antwort, wie oft ohne Sinn?! Es erscheint geradezu als Trost, dass auch Jesus diese Erfahrung gemacht hat, dass auch er gezweifelt hat, geklagt hat, geschrien hat. Der Glaube des Jesus von Nazareth ist nicht light und easy, der Glaube des Jesus von Nazareth misst sich am Leben, vielleicht sogar, ohne es zu verstehen. Daher die Frage an den, von dem das Leben kommt: Was will er? Und will er es wirklich? Und wenn ja, warum? Und wo ist er? Wo bleibt er, wenn Hilfe so nötig ist?
Jesus hält das Leiden aus. Und kommt in seinem Leiden zu Gott. Das muss Gott aushalten.
Mich dürstet!
Das menschliche Bedürfnis nimmt überhand: Nach der tiefsten Erfahrung körperlicher und seelischer Marter kommt die Sehnsucht: Sehnsucht nach Frische, nach Kraft, nach einer Beruhigung der Sinne.
Im Leben hat Jesus oftmals über die Sehnsucht der Menschen gesprochen, das Bild des Wassers wurde ihm dabei häufig zu einem Symbol für Leben und Lebensfülle.
Den Sterbenden zwischen Himmel und Erde wird es nicht nur nach einem Schluck Wasser gedürstet haben. Tiefer könnte der Satz zu fassen sein: Durst nach Leben, Durst nach Frieden, Durst nach Gott!
Und wir, die wir im Augenblick keine Sterbenden sind, könnten uns fragen „Wonach dürsten wir in unserem Leben?“ und wir könnten uns auch fragen „Wonach werden wir dürsten, wenn wir einmal sterben?“
Es ist vollbracht!
Was ist vollbracht, möchten wir fragen, was ist vollendet? Zweifellos, das Leben Jesu hat sich zu Ende gebracht; für ihn mag es eine Erlösung gewesen sein, aus dem Schmerz, aus der Gottverlassenheit, aus der Verzweiflung. Aber kann es genug sein, kann etwas sich selbst genügen, bloß weil es vorbei ist, weil es ausgestanden ist, weil es ausgelitten ist?
Nein, wer die These von Vollbringung und Vollendung aufstellt, kommt an der Frage nach der Sinnhaftigkeit des ganzen Leidens Jesu nicht umhin. Und diese Sinnhaftigkeit deutet sich nur im Blick auf die Menschen: im Blick auf die, die damals unter dem Kreuz standen, und im Blick auf uns, die wir heute leben, und vielleicht auch verschiedene Kreuzeserfahrungen zu tragen haben.
Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist!
Beim letzten Atemzug seines Lebens kehrt in Jesus das Vertrauen wieder. Er wendet sich wieder an seinen Gott, er nennt ihn wieder „Vater“. Er weiß, er hat das Seine getan, er kann ruhig werden, er kann seinen Geist einem anderen in die Hände legen, voll Demut und Vertrauen. Das heißt aber auch, an die Adresse Gottes gesprochen: „Jetzt bist du d´ran!“ Davon lebt Jesu Hoffnung, davon war im Grunde sein ganzes Leben getragen: von der tiefen Überzeugung, Gott Vater würde vollenden, was er in ihm begonnen habe. Es ist der Glaube an die Auferstehung, der Glaube an die Ewigkeit, der Glaube daran, dass am Ende alles gut sein würde: am Ende, wenn sich im Augenblick der tiefsten Nacht der Himmel öffnet, um Gott sagen zu lassen: Es ist gut.
Harald Prinz / Zeichnung: Waltraud Kim