Nach über zwei Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema das Schwangerschaftsabbruchs verabschiedete die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) bei ihrer Bundesversammlung Anfang Juni 2026 im Mainz ein neues Positionspapier zu § 218 des deutschen Strafgesetzbuches, also zur Frage der Abtreibungen.
In bemerkenswerter Offenheit teilt die kfd mit, dass es nicht möglich war, innerhalb des größten katholischen Frauenverbandes Deutschlands dazu einen Konsens zu finden. Das kam nicht ganz überraschend: Schon im April 2024 verwies der geschäftsführende Bundesverband auf das "große Spannungsverhältnis": "Ganz deutlich sagen wir: Es steht niemandem zu, Frauen zu verurteilen, die aus persönlich Gründen und in freier Entscheidung einen Schwangerschaftsabbruch als letzten Ausweg sehen", so die Verbandsführung. "Und wir treten gleichzeitig ebenso klar für den Schutz des ungeborenen Lebens ein."
Von einer ähnlich differenzierten Haltung zeugt nun auch das offizielle Positionspapier, in dem es heißt: "Der Prozess hat keinen Konsens hervorgebracht, aber eine gemeinsame Grundhaltung deutlich gemacht: die tiefe Achtung vor dem Leben von Beginn an und zugleich die klare Verpflichtung, Frauen im Schwangerschaftskonflikt nicht allein zu lassen." Laut Positionspapier hält die kfd die Spannung zwischen Lebensschutz und Selbstbestimmung bewusst aus: Sie erkenne das ungeborene Leben als schutzwürdig an und betone zugleich das Recht der Frau auf Gewissensfreiheit, Würde, körperliche Unversehrtheit und eine selbstbestimmte Entscheidung im Bewusstsein ihrer persönlichen Ängste, Sorgen und Lebensumstände.
Die kfd fordert eine – auch kirchliche – Begleitung von Frauen in Konfliktsituationen, den kostenfreien Zugang zu Verhütungsmitteln und sexuelle Bildung vom Kindesalter an. Zudem sollen Schwangerschaftsabbrüche nach Ansicht der kfd auch in katholischen Krankenhäusern möglich sein und Krankenkassen die Kosten bei diesen Eingriffen übernehmen. Außerdem grenzt sich die kfd von "sogenannten Lebensschützer*innen" ab und warnt vor einer unkritischen Unterstützung: "Auf Versammlungen der 'Lebensschutz'-Bewegung werden nicht nur antifeministische, autoritäre und christlich-fundamentalistische Inhalte und Positionen verbreitet, sie sind bisweilen auch völkisch-rassistisch, homo- und transfeindlich oder relativieren den Holocaust."
Es überrascht nicht, dass die angesprochenen Gruppen auf das Positionspapier kritisch reagieren: In seiner Funktion als Vorsitzender von "Seelsorge für das Leben" erklärte der emeritierte Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen: "Das Positionspapier der kfd mag Vieles, ja, sogar gut gemeint sein. Nur katholisch ist es nicht." Als völlig inakzeptabel bezeichnet Algermissen die Forderung, Abtreibungen auch in katholischen Krankenhäusern durchzuführen und die Kosten für Abtreibungen von den Krankenkassen übernehmen zu lassen.
Die kfd ihrerseits scheint sich der Spannung zwischen ihrem Ringen um einen einen differenzierten Blick und der sehr stringenten katholischen Lehre bewusst zu sein. Sie lenkt den Blick aber nicht bloß auf theologische Positionen, sondern auch auf die Rahmenbedingungen ihrer Entstehung: Sie kritisiert eine männliche Dominanz in Theologie und Kirchenhierarchie: Diese habe weitreichende Auswirkungen auf Lehren, Moralvorstellungen und das kirchliche Selbstverständnis. Sie führe zu einer eingeschränkten Sicht auf Sexualität, insbesondere auf weibliche Selbstbestimmung, und wirke bis heute bei der Normierung von Geschlechterrollen sowie der Kontrolle über Sexualität und Fortpflanzung.