Vor einigen Tagen hatte ich im Camping Cavallino meine Brille verloren und erkundigte mich daher an der Rezeption, ob sie vielleicht gefunden worden sei.
Da die Damen am Empfang die Ankommenden bei der Einfahrt stets wachsam im Blick behalten, um Unbefugte sofort zurückzuweisen, zeigte eine von ihnen auf Angelika und fragte:
„Gehört die Dame zu Ihnen?“
„Sì, sì“, antwortete ich lächelnd, „seit 53 Jahren.“
Die jüngste Rezeptionistin zog ungläubig die Augenbrauen hoch, zwinkerte fast erschrocken, und stellte nach kurzer Sendepause die nächste Frage: „Und wie alt waren Sie damals, als Sie sich kennenlernten?“
Die Neugierde stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben.
„Angelika war siebzehn, ich knapp achtundzwanzig.“
„Mamma mia “, flüsterte sie, „che disastro! So ein Altersunterschied! “
Nun mischte sich die ältere Kollegin ein, ebenfalls gespannt. Die Neugierde war ihr deutlich anzusehen.
„Und beruflich… damals?“
Ich zögerte einen Augenblick und antwortete dann:
„Ich war Kaplan in einer Pfarre, und Angelika war in einer Jugendgruppe.“
In diesem Moment waren alle Augen – einige groß und offen, andere blinzelnd oder scheu zur Seite gerichtet, manche neugierig, manche kritisch – unmittelbar auf mich geheftet. Man hörte halblaute Reaktionen: „Oooh… aaah… uuuh…“
„Dio mio – wie in dem Film Die Dornenvögel!“ meinte die Ältere schmunzelnd.
„Mamma mia…“ wisperte nachdenklich die Jüngere. „Und wie habt ihr gewusst, dass ihr zusammengehört?“
„Intuition“, sagte ich nach kurzer Pause – „reine Intuition, mit ein wenig Hilfe von oben.“
Daraufhin wurde es still im Raum. Nur das Radio spielte leise weiter eine Melodie von Laura Pausini.
Selbst überrascht von meiner so schnörkellosen wie ungewohnten Antwort, verabschiedete ich mich bestimmt, aber höflich:
„Ciao, grazie per la ricerca… ci vediamo.“
Dann drehte ich mich um und verschwand.
Meine Brille allerdings – wurde bis heute nicht gefunden.