Gesegnete Weihnachten!

Predigten |

Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!

Hirtinnen und Hirten waren es, denen die Engel als ersten verkündet haben, was da Großes geschehen ist in einem einfachen Stall von Betlehem. Mag sein, dass die Weihnachtsgeschichte, so wie sie der Evangelist Lukas überliefert, eine fantastische literarische Komposition ist, mag sein, dass sich um den Kern des Geschehens – die Geburt des Kindes Jesus durch Maria – schon in frühen Zeiten Legenden gebildet haben, die über das, wie es wirklich geschah damals vor 2000 Jahren, in dem einen oder anderen Punkt hinausgehen, mag sein, dass es in Wirklichkeit nicht ganz so romantisch zugegangen ist rund um die Geburt Jesu, wie das unsere Krippen zeigen und wir uns das in weihnachtlichem Träumen in schönen Bildern malen. Mag sein. Aber doch zeigt diese Weihnachtsgeschichte – diese Erzählung vom Anfang – klar auf, was sich später im Leben dieses Menschenkindes - konkreter: in seinen Worten und Taten - verdichtet hat: nämlich, dass unser Gott ein Gott der Begegnung ist und dass er als Ort der Begegnung gerade auch das Einfache und Alltägliche, ja auch das Schwere und Harte des Lebens auserkoren hat.

Denn das, was in unseren Krippendarstellungen oft so romantisch anmutet, waren in Wirklichkeit – so würden wir heute sagen – prekäre Umstände: Die Frau, die da ein Kind gebar, war blutjung und wir können uns denken, dass sie vielleicht noch andere Lebenspläne gehabt hätte als in ihrer Jugend schon Mama und Familienmutter zu werden. Der Mann, der an ihrer Seite bereit war, sich um dieses Kind zu kümmern, er war noch nicht einmal mit ihr verheiratet – Sicherheit schaut anders aus. Und sie hatten in diesem Augenblick nicht einmal eine sichere Bleibe, sie waren unterwegs, nicht gerade Flüchtlinge, aber doch Fremde, Auswärtige zumindest. Irgendwie allein gelassen in ihrem Schicksal, zumindest nicht eingelassen in ein Haus von Menschen, sondern notdürftig abgefertigt, behelfsmäßig untergebracht an einem Ort, der sonst für Tiere gut ist.

Aber genau in diese prekären Umstände hinein ereignet sich das Wunder der Menschwerdung Gottes. Und bei den Hirten, denen von diesem Wunder als ersten erzählt wird, schreibt sich diese Geschichte fort. Denn sie sind nicht einfach die Einwohnerinnen und Einwohner von Betlehem, sondern sie sind das einfache Volk dieser Stadt, am Rand der Gesellschaft stehend, Außenseiter könnten wir sagen, oder auch: Arme, Bedürftige. Sie sind es, denen die Engel verkünden, was da Großes geschieht im Stall von Betlehem.

Und das bedeutet: Gott tritt ein in die Niederungen des menschlichen Alltags, gerade auch in die schweren Lebenslagen. Freilich tritt er auch ein das Schöne des Lebens ein, sogar in das Reiche. Wenn wir die Weihnachtsgeschichte weiterlesen, dann sehen wir, dass der Stern von Betlehem nicht nur über den Hirtinnen und Hirten, sondern auch über den Weisen aus dem Morgenland aufgegangen ist: über Menschen also, die im Spektrum der menschlichen Gesellschaft auf der anderen Seite stehen, vielleicht auf der Butterseite leben und aus denen die Legendenbildung dann sogar Könige macht. Auch über ihnen geht der Stern auf, Gott macht also auch vor Schlössern und Palästen nicht Halt. Nein, Gott will zu allen kommen: Todos, todos, todos, wie Papst Franziskus gesagt hätte.

Aber eben auch zu den Menschen, die es schwer haben im Leben. In das Schwere des Lebens tritt Gott zuerst. Und da wird schon offenbar, was wir in der Theologie den Erlösungsgedanken nennen. Denn seit dieser Geburt in Betlehem können sich Arme und Außenseiter, Kranke und Alte und andere Menschen, deren Leben sich vom Glück entfernt hat, festhalten, können sich aufrichten an diesem Gott, der ihnen sagt: Deine Armut, deine Not ist mir nicht zu niedrig. Ich komme zu dir gerade auch in deinen Sorgen und bin gerade auch in deinen Nöten bei dir.

Und bei den Hirten sehen wir, was solches Berührt-Werden von Gott auslösen kann: Ihr Leben kommt in Bewegung, sie brechen auf, um jenes Glück zu erfahren, das ihnen die Engel verheißen haben und an der Krippe geschieht es tatsächlich, dass sie das Wunder des Lebens ergreift und dass sie berührt werden von der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Und freilich: Sie kehren wieder zurück auf ihre Felder, zurück an ihre Arbeit, zurück in ihre Not, könnte man sagen. Aber ihr Leben ist anders geworden: Weil sie anders geworden sind, weil sie nun die Begegnung mit Gott im Herzen tragen, weil sie erfahren haben, dass Gott da ist in dieser Welt und sie im Vertrauen auf ihn leben dürfen.

Und wo sind wir in dieser Geschichte, liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen? – Nehmen wir uns mithinein in diese Geschichte der Weihnacht, in diese Geschichte von Gott und Mensch, lassen wir uns anstecken vom Gesang der Engel und vom Lobpreis der Hirten und spüren auch wir der Botschaft nach, dass Gott gegenwärtig ist in dieser Welt, gegenwärtig ist unter uns und gegenwärtig in uns selbst, wenn wir ihm nur Wohnstatt geben, so wie es zuerst Maria getan hat und nach ihr dann der einfache Stall von Betlehem.

Zeichnung: Waltraud Kim