Der Skandal blieb aus, als Inna Shevchenko in der Eröffnungswoche der Wiener Festwochen 2026 in der St. Elisabethkirche der Pfarre "Zur Frohen Botschaft" ihre Performance "State of Faith" zeigte. Das war schon einmal anders: 2012 fällte die Ukrainerin in Kiew ein Holzkreuz als Solidaritätsaktion für die russische Band Pussy Riot und protestierte oberkörperfrei gegen patriarchale Gewalt.
Festivalintendant Milo Rau weist darauf hin, dass es der Femen-Aktivistin darum gehe, die Unterdrückung mithilfe religiöser Vorschriften und Regeln im Namen der Freiheit zu beenden; ihre Performance trage im Grunde die gleiche Botschaft wie Pussy Riot. "Es geht darum, dass die Kirche sich nicht mit der Macht gemeinsam machen darf; dass sich der Glaube selbst zerstört, wenn er zur Machtstrategie wird", so Rau im Interview mit kathpress.
Für Shevchenko ist nicht der Glaube als solcher das Problem, sondern wenn er zur Instituion wird, die vorgibt, nur sie allein kenne die Antworten, und wenn diese Institution die Macht findet, die ihr zur Durchsetzung verhilft. Die Künstlerin ortet Institutionen rund um den Glauben, die der Macht, der Rechtfertigung von Krieg und der Unterdrückung von Frauen dienten.
Konkret ins Visier nahm Shevchenko die orthodoxe Kirche Russlands: Die ukrainische Flagge in den Händen und den traditionellen ukrainischen Blumenkranz auf dem Kopf klagte sie sie mit gebrochener Stimme an, ein Mann mit einer diamantenen Uhr und einem goldenen Kreuz habe der Ermordung ukrainischer Kinder in ihren Betten eine theologische Rechtfertigung im Namen eines "Heiligen Kriegs" gegeben. Und sie ergänzte: "Ich weiß vielleicht nichts über Gott. Aber das tut Kyrill auch nicht."
Doch Shevchenko performt nicht nur gegen die orthodoxe Kirche Russlands. Sie holt auch gegen den Iran und andere theokratische Staaten aus. Und: Ihre Performance ist nicht weniger als Religionskritik. Kein Feuerbach und kein Marx, aber doch eine intensive Anfrage an das Phänomen Religion und seine Institutionalisierung.
Befürwortet wurde die Inna Shevchenkos Performance als ein "In-Dialog-Treten zwischen Kirche, Pfarre und heutigen künstlerischen und kulturellen Fragen" auch vom Pfarrer der Elisabethkirche, Gerald Gump, der auch Mitglied der Pfarrer-Initiative ist: "Das ist natürlich keine anschmiegsame 'Alle sind so lieb und der liebe Gott ist so lieb'-Vorstellung, aber ein Nachdenken über Religion, das wir ... gut verantworten können", sagte Gump im Interview mit Kathpress. Milo Rau dankte ihm "für das Vertrauen in die Kraft des Glaubens, der sich keiner Institution und keiner Macht, sondern einfach mit den Menschen verbinden muss".