In der Nacht zum 15. Juni 2026 wurde das Kiewer Höhlenkloster, das nicht nur das Wahrzeichen der ukrainischen Hauptstadt ist und auf der Welterbe-Liste der UNESCO steht, sondern überhaupt als Wiege des Christentums in der Ukraine gilt, vom russischen Angriffskrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen: Flammen schlugen aus dem Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst knapp vor der Jahrtausendwende wieder aufgebaut wurde, dunkle Rauchschwaden stiegen in den Himmel. Nach ukranischen Angaben ging dem Brand eine russische Drohnenattacke voraus, wohingegen russische Staatsmedien behaupten, eine amerikanische Patriot-Flugabwehrrakete habe das orthodoxe Kloster getroffen. Die UNESCO reagierte mit einer Verurteilung von Angriffen auf Kulturgüter.
Metropolit Epiphanius, das Oberhaupt der eigenständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine bezeichnete die Attacke als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Geschichte und gegen das Christentum." Der Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften erinnerte daran, dass Russland seit Beginn seiner Invasion in der Ukraine (Februar 2022) etwa 800 religiöse Stätten beschädigt oder zerstört habe. In ähnlicher Weise sprach Präsident Selenskyi, der die Stätte bereits am nächsten Vormittag besuchte, von einem "Angriff auf unsere Geschichte".
Der Salzburger Ostkirchenexperte Dietmar Winkler betonte im kathpress-Interview, dass das Höhlenkloster nicht nur ein zentrales Symbol ukrainischer Identität sei, "sondern ein Ort, der für viele Gläubige in Russland Teil ihres eigenen religiösen und historischen Erbes ist"; es zähle zu den wichtigsten Heiligtümern der gesamten Orthodoxen Kirche. "Über Jahrhunderte war das Kloster ein bedeutendes geistliches Zentrum für die Christianisierung und religiöse Entwicklung der Kiewer Rus, aus der sich später die kulturellen Traditionen der Ukraine, Russlands und Belarus' entwickelten", so der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Das Kloster sei eines der bedeutendsten mittelalterlichen Zentren für Bildung, Geschichtsschreibung, Kunst und Buchdruck gewesen: "Hier entstanden bedeutende Chroniken und religiöse Texte, die zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte Osteuropas gehören."
Das Kiewer Höhlenkloster ist Winkler zufolge nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch historisch-kulturell für die altslawische Geschichte bedeutsam; außerdem vereine die Anlage zahlreiche Kirchen, Glockentürme und Klostergebäude verschiedener Epochen zu einem "Meisterwerk der orthodoxen Sakralarchitektur". Mit dem Angriff Russlands auf die Lawra, wie das Höhlenkloster in Kiew genannt wird, hat die Eskalation der russischen Kriegsführung in den Augen Winklers eine neue Stufe erreicht.