Liebst du mich?

Predigten |
von Harald Prinz
© Waltraud Kim

Predigt von Dr. Harald Prinz in der Basilika St. Laurenz in Enns, OÖ, am 29.6.2025, dem Fest Peter und Paul

Evangelium nach Johannes (Joh 21,1.15-19)

In jener Zeit offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tibérias, und er offenbarte sich in folgender Weise.
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?
Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!
Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?
Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?
Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?
Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! …

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Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!

„Liebst du mich?“: Die Gretchenfrage menschlicher Beziehungen steht im Mittelpunkt der Begegnung zwischen dem auferstandenen Jesus und seinem Jünger Petrus. Petrus antwortet entschieden „Du weißt, dass ich dich liebe“, Jesus fragt nach, Petrus antwortet noch einmal, und Jesus fragt ein drittes Mal. … Es ist wohl verständlich, dass Petrus traurig wird: Wenn der andere es beim zweiten Mal immer noch nicht glauben kann, dass der andere ihn liebt, dann hat es den Anschein als würde er an dieser Liebe zweifeln.

Was kann das für uns bedeuten, liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen? – Ich denke, diese Erzählung des Evangelisten Johannes weist uns zunächst einmal ganz allgemein auf die Bedeutung der Liebe hin. Auch für Christinnen und Christen ist Liebe so etwas wie ein Zauberwort im Hinblick auf ein gelingendes Leben. Glaube, Hoffnung und Liebe sind Grundtugenden für einen Christenmenschen. Am größten unter diesen dreien aber ist die Liebe, sagt der Apostel Paulus. Nun wissen wir, dass es verschiedene Formen der Liebe gibt, die Liebe in der Partnerschaft im Sinne von amor und die Nächstenliebe im Sinne von caritas. Und dann gibt es noch eine dritte Richtung von Liebe, und das scheint mir die zu sein, um die es in der heutigen Bibelstelle geht. Denn dieser Dialog zwischen Petrus und Jesus, von dem der Evangelist Johannes erzählt, ist ja nicht bloß ein Dialog zwischen einfachen Menschen, sondern es ist ein Dialog zwischen einem irdischen Menschen – Petrus – und einem himmlischen, nämlichen dem auferstanden Jesus. Und so können wir diese Frage Jesu, die da ganz am Ende des Johannes-Evangeliums an Petrus gerichtet wird – fast so, als wäre es das, worauf es ankommt, mit dem man nach dem Lesen des Evangeliums nach Hause gehen soll - als Frage auch an uns selbst gerichtet verstehen: Jesus fragt uns, Jesus fragt mich „Liebst du mich?“

Ich denke, dass es wichtig ist, diese Frage ernst zu nehmen. Vielleicht hat Petrus sie anfangs auch nicht so ernst genommen und seine Antwort war in den Ohren Jesu dann vielleicht mehr ein „Ja, ja, eh klar, …“ ohne aber wirklich in die Tiefe zu gehen. Daher ein zweites und sogar ein drittes Nachfragen Jesu. Auch wir sind wahrscheinlich gefährdet, zu sagen „Jaja, eh klar, dass wir Jesus lieben, als Christinnen und Christen gehört das dazu.“ Aber ich denke, dass das zu wenig ist, oder vielmehr, dass es genau das eben nicht ist: Es gehört nicht einfach bloß dazu, sondern es ist das Um und Auf, es ist die Grundlage von allem. Die Liebe zu Gott, die Liebe zu Jesus ist nicht eine Facette unter vielen, sondern sie ist die Basis für alles Andere. All die christlichen Werte, die ich in meinem Leben habe und vertrete, die mir etwas bedeuten und die ich zu leben versuche, sind eine Folge dieser Liebe. Mir scheint, es ist bei der Gottesliebe da gar nicht anders als bei der Liebe in der menschlichen Partnerschaft: Die Liebe zu meiner Frau ist nicht ein Aspekt unter vielen in meinem Ehe- und Familienleben, sondern sie ist der tragende Grund, auf dem alles andere steht: Weil ich meine Frau liebe, mache ich dieses und jenes, weil ich meine Kinder liebe, bin ich für sie da. Und so ist es auch im Glauben: Weil ich Gott liebe, lebe ich so und so, weil ich Jesus liebe, versuche ich mein Leben an seiner Botschaft auszurichten.

Und wenn wir auf das heutige Evangelium schauen, dann sehen wir, dass ja auch dort die Liebe nichts Isoliertes ist, sondern dass sie mit dem Leben verbunden ist, dass sie im Leben zu etwas führen muss. Petrus bekennt seine Liebe mit Worten und Jesus ruft ihn daraufhin zu Taten. „Weide meine Schafe!“ sagt er zu ihm. Das ist ein Bild, das für uns hier und heute vielleicht ein bisschen schwierig ist, das der antike rurale Mensch, in dessen Lebensumfeld das Evangelium hineinerzählt wurde, aber gut verstehen konnte: Sei da für die Deinen, heißt das, kümmere dich um sie, schau, dass es ihnen gut geht!“

Der moderne, weitgehend städtische und der Landwirtschaft entwöhnte Mensch kann die Botschaft hinter diesem Bild oft nicht erkennen. Und tatsächlich wird dieses Bild vom Hirten und den Schafen in der Kirche ja manchmal auch in dem Sinn interpretiert, dass die Schafe einfach tun sollten, was die Hirten sagen und da müssen wir schon aufpassen, dass wir nicht auf einen Irrweg geraten, wo die Hirten, also die Bischöfe und Seelsorger, sagen, wo es langgeht und die Gläubigen einfach – belämmert, möchte man fast sagen – zu tun haben, was ihnen gesagt wird. Wer so ein Kirchenbild vertritt, hat das Bild Jesu nicht verstanden. Und hat wohl auch nie selbst Schafe gehütet: Wer sich je als Hirte probiert oder die Welt der Schafe und Hirten erforscht hat, der weiß, dass der gute Hirte – und das ist ja das Bild, das Jesus vorgibt -, nicht der ist, der die Schafe stur und starrköpfig auf seinen Weg lenkt, sondern dass der ein guter Hirte ist, der in einer Interaktion mit den Schafen steht und der aus dieser Interaktion heraus erspürt, was für die Herde gut ist. Es ist in der Welt der Hirten und Schafe tatsächlich ganz oft so, dass es die Schafe sind, die den Weg bestimmen und der Hirte bloß mitten unter ihnen oder gar hinter ihnen hergeht, voll Vertrauen, dass die Schafe schon wissen, was gut ist, aber doch auch bereit, lenkend und vielleicht sogar kämpfend einzugreifen, sollte das nötig sein.

Die Kirche stellt uns den Auftrag Jesu „Weide meine Schafe“ freilich nicht zufällig am heutigen Tag vor. Wir feiern heute ja „Peter und Paul“ und das ist auch ein Fest des Papstes, der gern als oberster Hirte der Kirche betrachtet wird. Auch in diesem Hirtendienst aber ist es wie beim guten Hirten und seinen Schafen auf den Hügeln von Galiläa: Er kann nicht einsam vorausgehen und verlangen, dass ihm alle lammfromm oder gar belämmert folgen; dann wäre er kein guter Hirte. Sondern er muss in Interaktion mit seiner Herde treten und das ist das, was Papst Franziskus in Rückgriff auf eine uralte Tradition der Kirche als Synodalität bekannt gemacht hat: Miteinander gehen, aufeinander hören, Strukturen schaffen, die gewährleisten, dass wir als Volk Gottes – als Herde Gottes, wenn wir so wollen – gut gemeinsam unterwegs sein können. Papst Leo hat sich bereits in seiner ersten Ansprache dieser von Franziskus neu entdeckten Synodalität verpflichtet und das lässt für die mittelbare Zukunft der Kirche hoffen. Es liegt aber auch an uns einfachen Christinnen und Christen, im Sinne der Synodalität unsere Stimme zu erheben, die Wege unserer Kirche aktiv mitzubestimmen und auch laut zu blöken, wenn Wege beschritten werden, die nicht zu denen eines guten Hirten und einer Herde in der Spur des Evangeliums passen.

Letztlich ist es ein Zeichen der Liebe, wenn wir uns auf diese Synodalität einlassen, wenn wir so miteinander unterwegs sind und unsere Haltungen und Überzeugungen in die Gemeinschaft der Kirche einbringen. Als ich vor Jahren die Wahl in den Vorstand der Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“ annahm, hat mich jemand gefragt, warum ich mir das antue. Ich habe darauf geantwortet „Weil ich die Kirche liebe“. Mitdenken, mitreden, mitentscheiden, … - ich denke, das kann eine Antwort auf Jesus sein, wenn er mich fragt „Liebst du mich?“