Reformbischof tritt zurück

Berichte |
Karl-Heinz Wiesemann (66), Bischof von Speyer, legt die "Last des Amtes" mit schwerem Herzen zurück.

Weit vor der üblichen Altersgrenze für Bischöfe - 75 - gaben der Vatikan und das Bistum Speyer am 19. August überraschend bekannt, dass Papst Leo XIV. das Rücktrittsgesuch von Bischof Wiesemann angenommen hat.

Wiesemann hatte den Papst aus gesundheitlichen Gründen um seine Entpflichtung vom Amt des Bischofs gebeten und dies in einem Brief an die Gläubigen seines Bistums mit folgenden Worten begründet: "Ich bin mit ganzem Herzen und großer innerer Freude mit Ihnen Christ und für Sie Bischof gewesen. Dennoch hat die Last der umfänglichen Verantwortung in mir körperlich, wie vor allem seelisch schwerwiegende Spuren hinterlassen."

Wiesemann hat bereits 2021 eine halbjährige Auszeit genommen und dabei auch zwei Monate in einer Klinik verbracht, weil er die Grenzen seiner persönlichen Belastbarkeit erreicht hatte. Auslöser dürfte damals ein Missbrauchsskandal gewesen sein, den Wiesemann selbst andie Öffentlichkeit gebracht hatte: In einem von Schwestern betriebenen Speyerer Kinderheim sollen Priester jahrelang Kinder missbraucht haben. Wiesemann hatte die Vorwürfe selbst an die Öffentlichkeit gegebracht und eine gründliche Aufarbeitung angekündigt.

Als 2025 die erste Missbrauchsstudie für sein Bistum vorgestellt wurde, zeigte sich Wiesemann über deren Ergebnisse erschüttert, sprach von einem "tief beschämenden Geschehen" in der Geschichte des Bistums und von einem teilweise eklatanten Leitungsversagen in der Diözese vor allem in den 1950er und 1960er Jahren. Bei der Aufarbeitung liege noch ein langer Weg vor dem Bistum, "ein Lernprozess, den wir mit den Betroffenen gehen wollen", sagte Wiesemann damals. "Grundlegend für einen solchen Weg ist das uneingeschränkte Eingestehen der Schuld, die wir als Kirche auf uns geladen haben", betonte Wiesemann und fügte sichtlich bewegt hinzu: "Ich kann nur aus ganzem Herzen um Vergebung bitten."

Die 473 Seiten umfassende Studie zeige laut Wiesemann auch, "wie eng der Missbrauch in der Kirche mit einem überhöhten Amtsverständnis" verbunden sei. Er sprach von "Tabuisierungen, die bis in die Lehre der Kirche hinein angelegt sind" und mahnte eine Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral an – vor allem im seelsorgerlichen Umgang mit Menschen.

Mehrere deutsche Bischöfe äußerten sich nun mit Bedauern, aber auch mit Verständnis und großer Wertschätzung zum Rücktritt ihres Amtskollegen: Heiner Wilmer, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, schrieb in einem Offenen Brief: "In Deinem Bistum hast Du schwierige Strukturprozesse begleitet und mit all jenen Herausforderungen gekämpft, die uns als Kirche in Deutschland prägen: zurückgehende Mitgliederzahlen, ein voranschreitender Säkularismus und immer wieder das Hinterfragen dessen, was Kirche tut."

Der Würzburger Bischof Franz Jung erinnerte an den Katholikentag in Würzburg im Mai 2026, bei dem Wiesemann vor einem großen Publikum offen über die Depressionen gesprochen habe, mit denen er zu kämpfen hätte: "In seiner persönlichen und aufrichtigen Art hat er damit viele Menschen berührt, aber auch selbst noch einmal deutlich gemacht, wie sehr ihn das belastet", so Jung.

Für katholisch.de verliert die deutsche Kirche mit Wiesemann v.a. auch eine "prominente Reformstimme". Wiesemann habe sich von Beginn an für das Reformprojekt des Synodalen Weges eingesetzt und dessen Beschlüsse unterstützt; er habe "Weiterentwicklungen" der katholischen Lehre und "konkrete Reformen" eingemahnt: "Dazu gehören die Suche nach Formen echter Mitberatung und Mitentscheidung aller Gläubigen, eine deutliche Aufwertung der Rolle der Frau, einschließlich eines vertieften Nachdenkens über die Öffnung der Weiheämter für Frauen, sowie das Bemühen um eine veränderte Sexualmoral", so Wiesemann 2024.

Foto: Klaus Landry / Bistum Speyer