Er war einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts: Hans Küng. Geboren und aufgewachsen in der freiheitsliebenden Schweiz, erlernte er katholisches Denken in Rom als Student der Gregoriana und Alumne des Germanicums; nach seiner Priesterweihe für die Diözese Basel 1954 ging er nach Paris, um am Institut Catholique und an der Sorbonne weiterzustudieren. Seine dort eingereichte aufsehenerregende Dissertation zur Rechtfertigungslehre bei Karl Barth - mit einem zustimmenden Geleitbrief des evangelischen Theologen - machte früh deutlich, wie sehr er bereit war, allzu enge Grenzen des Denkens und Glaubens aufzusprengen. Sein Leben lang blieb Küng auf der Suche nach weiten Horizonten - auch und gerade für die katholische Kirche.
In den Jahren während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil avancierte Hans Küng zu einem der Shooting-Stars des Aggiornamento. Obwohl es am Sanctum Officium eine kritische Akte zu ihm gab, wurde er als Begleiter des Rottenburger Bischofs Leiprecht als offizieller Konzilsberater zugelassen und erhielt damit die Chance, die Aufbrüche des Zweiten Vatikanischen Konzils zu begleiten und selbst mitzugestalten. Als er kurz nach dem Konizl seine kritischen Untersuchungen "Die Kirche" (1967) und "Unfehlbar? - Eine Anfrage" (1970) veröffentlichte, rief er damit erneut die römischen Glaubenswächter auf den Plan.
1979 kam es zum Entzug der missio canonica und damit auch der Lehrerlaubnis; wie sehr er persönlich darunter litt, wurde erst Jahrzehnte später öffentlich bekannt, als er schrieb, die betreffenden Monate wären für ihn die schlimmsten seines Lebens gewesen (vgl.: Der lange Weg zum Projekt Weltethos, München 1999).
Zum Schweigen ließ Küng sich jedoch auch durch den Entzug der Lehrerlaubnis nicht bringen: Eine für ihn eingerichtete fakultätsunabhängige Professur in Ökumenischer Theologie an der Universität Tübingen ermöglichte es ihm, weiter zu lehren und sein "Projekt Weltethos" zu entwickeln. Im Jahr 2001 sprach er vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zum Dialog der Kulturen: " ... Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Standards. Kein Überleben unseres Globus in Frieden und Gerechtigkeit ohne ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auf der Grundlage globaler ethischer Standards."
An theologischen Fragen blieb Küng zeitlebens interessiert, seiner Kirche blieb er bis zuletzt in kritischer Verbundenheit treu: Bis zum Tod war er aller erlittenen Unbill zum Trotz ganz selbstverständlich Kirchenmitglied und Priester. Dass ihm Papst Franziskus zwei Briefe schrieb und sich dabei der Anrede "Lieber Mitbruder" bediente, empfand er als eine Art "informelle Rehabilitation".
Eine offizielle Rehabilitation regt nun aber der deutsche Theologe Wolfgang Beinert an. Der emeritierte Dogmatiker, der sich bei Joseph Ratzingers habilitiert hat, betrachtet Küng als einen "Propheten der Katholizität", dessen Denken "mittlerweile im Leitbild einer synodalen Gemeinschaft des Gottesvolkes ein Echo an höchster Stelle gefunden hat." Im Briefwechsel zwischen Küng und Papst Franziskus (2021) sieht Beinert die Diskussion über eine offizielle Rehabilitation Küngs bereits angestoßen. Eine solche wäre für ihn "ein dringend nötiger Beitrag zur Wahrhaftigkeit der römisch-katholischen Kirche. Dadurch gewänne sie Glaubwürdigkeit und durch Glaubwürdigkeit Vertrauen."