Theologische Erwiderung auf Kardinal Kasper

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Deutliche Kritik der deutschen Dogmatikerin Gunda Werner an Walter Kaspers Wunsch nach mehr Christologie und weniger Ekklesiologie.

Kirchenreformer:innen kennen den Vorwurf seit langem: Man möge sich weniger um Strukturen und die Organisationsform der Kirche kümmern, sondern stattdessen den Glauben in die Mitte stellen. Martha Heizer, die Vorsitzende von "Wir sind Kirche, Österreich" hat diesen angebliche Gegensatz schon oft als theoretische Konstruktion dargestellt, weil die kirchlichen Strukturen sich doch immer am christlichen Glauben orientieren müssten und daher beides zusammengehöre. Dass die Kirchenreformbewegungen etwa die Gleichstellung der Frauen auch in der Ämterfrage verlangen, hat Heizer zufolge seinen Ursprung ganz klar im Menschenbild des Evangeliums und ist für sie daher eine Glaubensfrage.

Diskussionen wie diesen stellte Kardinal Kasper im Juni 2026 nun ein schlechtes Zeugnis aus. Im Gespräch mit kathpress.at erklärte er, dass die deutschsprachige Theologie in weiten Teilen christologievergessen wäre: "Man hat sich verstrickt in ekklesiologischen Themen und der Ämterfrage. Das ist aber viel zu eng. Es wäre wichtig, zur Mitte der christlichen Theologie und den christologischen Fragen zurückzukommen", so der Kurienkardinal, der in jungen Jahren an der Seite von Hans Küng die deutschprachige Theologie durchaus auch selbst mitgeprägt hat, der 1970 gemeinsam mit Karl Lehmann, Karl Rahner, Josef Ratzinger u.a. das Memorandum zur Zölibatsdiskussion unterschrieb und der als Mitglied und Sprecher des 1969 gegründeten Freckenhorster Kreises durchaus auch selbst einmal kirchenreformerisch tätig war.

Im Interview mit der Wiener Presseagentur Kathpress betonte der 93jährige Kardinal nun die Bedeutung der Tradition, in der die Kirche stehe: "Diese Tradition ist unser Schatz, den wir immer wieder hervorholen müssen", so Kasper, der sich aus christologischer Sicht mehr Traditionsbewusstsein und ein neues Schöpfen aus den Quellen wünscht: "Wir stehen auch in der Theologie auf den Schultern von Riesen – den Kirchenvätern, den Theologen des Mittelalters."

Deutliche Kritik an den Äußerungen des Kardinals kommt nun jedoch von der Bochumer Dogmatikerin Gunda Werner. Im Interview mit katholisch-de betont sie, dass sich die Lehre von Christus nicht von der Lehre der Kirche trennen lasse und äußert scharfe Kritik daran, wie die Erkenntnisse der akademischen Theologie in Rom aufgenommen würden.

U.a. stellt Werner die Fokussierung auf die deutschsprachige Theologie in Frage: "Ist die Kategorie >deutschsprachige Theologie< überhaupt sinnvoll? Welche Forschung ist denn heute noch auf ein Sprachgebiet begrenzt? Wenn es hier einen Impuls geben könnte, dann in einen stärkeren Dialog zwischen den Theologien im englischen, deutschen und spanischen Sprachraum zu gehen als eine Provinzialisierung der Theologie zu wünschen."

Insbesondere stellt sie sich gegen die Annahme eines Gegensatzes zwischen Ekklesiologie und Christologie: "Schon von der dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" her funktioniert das nicht: Das gesamte erste Kapitel der Kirchenkonstitution besteht aus einer christologischen Fundierung der Kirche. Die Heilsgeschichte wird darin in Christus fundiert, und Kirche als Ort dieser Heilsgeschichte, in der die Verbindung zwischen Gott und Mensch sichtbar werden soll. Im achten Kapitel dann wird Kirche als komplexes Gebilde gedacht, das aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren Gestalt besteht. Dabei wird dies in eine unmittelbare Analogie zur christologischen Zwei-Naturen-Lehre, wie sie das Konzil von Chalcedon formuliert hat, gebracht. Wenn man das ernst nimmt, dann verbindet das Zweite Vatikanische Konzil die Ekklesiologie mit der Christologie, bis hin zur analogischen Rede der Struktur. Man kann also bereits in dieser dogmatischen Begründung von Kirche nicht einfach Christologie und Ekklesiologie trennen, sondern ist aufgefordert, von beiden Seiten zu klären, wie diese Analogie ausgedeutet werden kann. Wenn Kirche ein Sakrament der Gegenwart Gottes bei den Menschen sein soll, wie Lumen Gentium 1 formuliert, und das christologisch begründet wird, dann stehe ich als Dogmatikerin einigermaßen ratlos davor, wenn Christologie und Ekklesiologie als Gegensatzpaar aufgebaut werden."

In der Ämterfrage habe die Christologie ganz notwendig ihren Platz, so Gunda Werner, die betont, dass eine Trennung im Sinn von "Hier Christus, da die Ämterfrage" nicht möglich sei: "Dabei muss man ja gerade über Christus und über Christologie sprechen, wenn diese Ämter in einer unmittelbaren Logik und einer unmittelbaren Sukzession auf Christus zurückgeführt werden. Man kann ja gar nicht anders als beides zusammen zu diskutieren."

Die Dogmatikerin fragt aber auch Kardinal Kaspers Traditionsverständnis an: "Wenn jetzt der Verweis kommt, sich stärker auf die Kirchenväter und das Mittelalter zu beziehen, dann frage ich mich, was damit eigentlich gemeint ist. Wahrscheinlich die üblichen Herren: Augustinus, Thomas von Aquin, Anselm von Canterbury. Neue theologische Quellen, Frauen womöglich, aus dieser Zeit zu erschließen, ist wahrscheinlich weniger gemeint. Vermutlich würde es nicht darum gehen, Hildegard von Bingen in ihrer Trinitätstheologie oder Sor Juana Ines de la Cruz in ihrer Debatte um die Heilsleistungen Christi zu rezipieren. Der Appell, in die Tradition zu schauen, wirft immer die Frage auf: Welche Tradition? Wer entscheidet, wer zitiert wird? Wer zur Tradition gehört? Selbst bei den Kirchenvätern und im Mittelalter gibt es noch andere Traditionen, die eine andere Christologie vertreten haben."

An Rom generell stellt die Theologin die deutliche Anforderung, sich umfassend auf den Stand der akademischen theologischen Forschung einzulassen: "Es gibt eine massive Spannung zwischen der intellektuellen und akademischen Komplexität der Theologie und dem, was die amtliche Lehrverkündigung daraus macht – oder nicht macht. Auf der einen Seite gibt es eine akademische Theologie, die international vernetzt komplex arbeitet, sehr unterschiedliche Argumentationsmöglichkeiten und Denkformen verbindet und aus einer umfangreichen Quellenbasis argumentiert, die weit über das Mittelalter und die Kirchenväter hinausgehen, die gegenwärtige exegetische, historische, soziale und humanwissenschaftliche Erkenntnisse aufnimmt – und auf der anderen Seite römische Dokumente, die dem gegenüber intellektuell abfallen und sich im Wesentlichen selbst zitieren. Natürlich werden Kirchenväter und mittelalterliche und neuzeitliche Theologen zitiert, aber eben nur bestimmte – sicherlich eben nicht Hildegard von Bingen als Theologin oder Juana Inés de la Cruz, eine der größten Gelehrten der frühen Neuzeit. Es ist an den Verfassern römischer Dokumente – und hier muss man nicht gendern –, sich endlich auf das Niveau einer akademischen Theologie zu begeben, und nicht umgekehrt."

Foto: Ruhr-Universität Bochum