Wer die Kartage schon einmal in Spanien verbracht hat, weiß um die spektakulären Prozessionen der Laienbruderschaften, die mit tonnenschweren Gebilden von Jesus- und Mariadarstellungen, Heiligenfiguren und Kerzen unter großem Getöse durch die Gassen und Straßen ziehen. Insbesondere die Figur des leidenden Christus am Kreuz stellt den Bezug zur "semana santa", der Karwoche, her und macht deutlich, dass diese Umzüge auch ein spirituelles Ereignis sein wollen.
Diese Tradition geht auf das späte Mittelalter zurück, in dem vielerorts Bruderschaften gegründet wurden, die für diese Prozessionen wie auch für die Skulpturen die Verantwortung übernahmen. Ein Akt der Buße soll es sein, wenn ihre Mitglieder - meistens in langen Kutten und mit verhüllten Gesichtern - die schwere Last auf ihren Schultern tragen.
In Sagunt, einer Mittelmeerstadt mit gut 70.000 Einwohner:innen zwischen Alicante und Barcelona, werden diese Prozessionen nun zum Politikum. Denn während sich die Hermandades und Cofradías im restlichen Spanien mittlerweile auch für Frauen geöffnet haben, ist die "Bruderschaft des allerreinsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus" in Sagunt immer noch Männern vorbehalten. In einer Abstimmung votierten die 1700 Mitglieder der Bruderschaft unlängst deutlich gegen die aktive Teilnahme von Frauen bei den Prozessionen. Das enttäuschte nicht nur viele in Sagunt selbst, sondern löste über die Grenzen der Region hinaus eine Debatte rund um Diskriminierung und Gleichstellung aus. Sogar die spanische Regierung hat sich in den Streit eingeschaltet und mittlerweile steht im Raum, dass das Tourismusministerium der Karwoche in Sagunt den Titel "Fest von nationalem touristischem Interesse" entziehen könnte, weil der gesetzliche Rahmen zur Gleichstellung nicht erfüllt werde. Damit droht Sagunt auch wirtschaftlicher Schaden. Der ideelle ist jetzt bereits angerichtet: Über Sagunt wird schon als "Insel des spanischen Machismo" gesprochen. Doch es gibt auch Bewegung in die andere Richtung, wie etwa ein vor einigen Jahren gegründetes "Kollektiv der >Inklusiven Karwoche<" zeigt. Der Streit über Tradition, Diskriminierung und Gleichstellung wird wohl auch nach Ostern weitergehen.