Im Laufe einer bewegten Geschichte von Kirche hat sich viel angesammelt, das vorschnell mit der Legitimation „Tradition“ oder sogar mit einer angenommenen Ursprünglichkeit, also einer Verankerung im Wirken Jesu von Nazaret und der frühen Kirche, ausgestattet wurde. Auch in den Jahrzehnten seit dem Konzil (1962-1965) führte das zu einer Lähmung, die im Blick auf eine dynamische, genauer gesagt: pneumatische Zukunft von Kirche aufgebrochen werden muss. Denn diese durch Jahrhunderte gepflegte Entwicklung leidet mindestens an einem theologischen und einem diskurstheoretischen Defizit:
- Nicht alles, was in der Kirchengeschichte als theologischer Ansatz auch über längere Zeit belegt ist, kann als theologische Tradition (und damit als Offenbarungsquelle, vgl. Dei verbum 7) gehandhabt werden, sondern nur, was sich im Kern auf das Wirken Jesu von Nazaret zurückführen lässt und mit dem Gesamtbefund der neutestamentlichen Schriften übereinstimmt. Damit ist einer entsprechenden (Dogmen-)Entwicklung ebenso das Wort geredet wie dem „Fortschritt“ der apostolischen Überlieferung (ebenda 8,3) sowie einem notwendigen aggiornamento unter periodischer kritischer Sichtung der Zeichen der Zeit, wie es das Konzil angeordnet (!) hat (Gaudium et spes 4).
- Auch eine theologische Aussage gewinnt nicht dadurch an Wahrheitsgehalt, Überzeugungskraft oder Verbindlichkeit, dass sie periodisch unverändert und unter Disqualifizierung anderer Meinungen wiederholt wird. Ein Fortschritt (auch) in der theologischen Erkenntnis gelingt nur in der gemeinsamen Überprüfung von Argumenten und in der gemeinsamen Auseinandersetzung über Quellen und Thesen.
Das Lehramt in seinen verschiedenen Etagen hat auch seit dem Konzil in beiden Bereichen erhebliche Versäumnisse zu verantworten. Umso mehr ist es angebracht, gemeinsam über die Grundlage von Kirche im Sinne Jesu von Nazaret nachzudenken.
Die Vorgabe: Nichts wissen ausser Jesus Christus
Kirche wird zurecht als das pilgernde Volk Gottes unterwegs umschrieben (Lumen gentium 8,4; 9,1). Darin kommt die ihr innewohnende Dynamik und die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel zum Ausdruck. Eine mögliche Umschreibung für Letzteres ist ihr Hineinwachsen in die umfassende personale Wirklichkeit Jesus von Nazaret, die es auf der Grundlage des biblischen Zeugnisses wahrzunehmen und lebendig zu erhalten gilt, damit „jede Zunge bekennt: Kyrios – Jesus – Christus“: eine Proklamation, in der die „Treue Gottes, des Vaters“ (Phil 2,10-11) vertieft wird. Der erhöhte Herr ist die Lebensgrundlage des Volkes Gottes (Joh 6,57; 15,1-8). Als menschgewordener Sohn stiftet er zwischen Gott, dem Vater, und den Glaubenden in intensivst denkbarer Weise Einheit und Gemeinschaft (siehe Joh 17,21-23), sodass „Kirche“ tatsächlich zu einer Gotteswirklichkeit wird (Joh 14,9; Dei verbum 2; 4). Dann muss für das Leben dieser Gemeinschaft ein inhaltlicher Rahmen skizziert werden, in dem die göttliche und die menschliche Dimension von Kirche gemeinsam bestimmend sind. Dass Jesus von Nazaret selbst die Nachfolgegemeinschaft zwar gegliedert hat, ihr aber zugleich keinen einheitlich-bindenden Aufbau gegeben hat, mag zu denken geben. So begegnet bereits in den ersten christlichen Generationen eine strukturelle Vielfalt, die erst im Laufe der Zeit (!) eingeebnet wurde.
Es besteht weitgehender (auch ökumenischer) Konsens darin, dass mit der Feier der Taufe die Zugehörigkeit zu diesem Volk Gottes gegeben ist. Sie stellt in ihrer über sich selbst hinausweisenden Zeichenhaftigkeit (also als „Sakrament“) die höchste Würde dar, die ein Mensch in dieser Glaubensgemeinschaft erlangen kann (Kurt Koch). Ausgangspunkt dafür ist die oben angesprochene dreiteilige Namensproklamation. [Wer sich am „Herr“ stösst, möge über den Dienstcharakter der Bezeichnung „Rabbi“ im jesuanischen Kontext nachlesen, bes. Mk 10,42-44; Joh 13,15]. Die hinter dem ältesten christlichen Tauftitel (Röm 6,3) stehende Wirklichkeit des Lebens-, Todes-, Auferstehungs- und Erhöhungsschicksals Jesu von Nazaret (Phil 2,6-10) bildet die Grundlage für das Leben von Kirche.
Paulus führt in diesem Zusammenhang das Bild des aufgrund der Geistkraft lebenden Leibes Christi für die Nachfolgegemeinschaft Kirche ein (1 Kor 12,12-31, hier bes. 12,13). Damit ist die Vielfalt der Aufgaben und Dienste sowie der Charismen und Fähigkeiten im Leben dieser Gemeinschaft unter Wahrung von Solidarität und Subsidiarität sowie die Variabilität in ihrer Konkretisierung angesprochen. Zugleich lässt der Kirchenbefund der neutestamentlichen Zeit auf Kernaufgaben der Getauften schliessen, die für das Leben von Kirche unverzichtbar sind:
(1) Christus verkündigen
Zunächst rückt Paulus die Prioritäten zurecht: „Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden“ (1 Kor 1,17): Das Inhaltliche steht im Vordergrund; das heisst: „Nichts zu wissen ausser Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten“: Das ist für Paulus die vorrangige Herausforderung aufgrund seiner Berufung (1 Kor 2,2) – hat doch Gott seinen Sohn „in ihm“ [nicht einfach: „ihm“!] geoffenbart (Gal 1,16) – konkreter und intensiver ist es nicht ausdrückbar.
Verkündigung hat methodisch und inhaltlich ein weites Spektrum und wird in Vielfalt ausgeübt: Die (auch) auf die inhaltlichen Akzente bezogenen synodalen Elemente des Apostelkonzils sollten nicht übersehen werden (Gal 2,1-10; Apg 15,6-21). Vereinheitlichung ist kein Kriterium einer weltumspannenden Gotteswirklichkeit. Es geht um das „eine Notwendige“ (Lk 10,42), um das Christusgeschehen den jeweiligen Menschen nahe zu bringen. Dann ist es nicht zu verantworten, z. B. über Lebensstand und Geschlecht zu diskutieren, wenn das solidarische Teilen von „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ in Wort und Tat angefragt ist. Menschliche Vorgaben sind der Vermittlung der (auch sakramentalen) Gaben Gottes nachgeordnet.
„Alle Menschen“ sind zu dieser Gemeinschaft im Volk Gottes berufen (Lumen gentium 13). Die Kurzepisoden in Joh 1,35-51 vermitteln die Bandbreite der Wege zu Jesus. Es geht um Menschen „aller Art“, die auf irgendeine Weise einen Anstoss erhalten, nach diesem Jesus von Nazaret zu suchen. Die Vielfalt der Wege bleibt erhalten: Berufung in unterschiedlichen Lebenssituationen. Christin-Sein heisst: den Ruf Gottes hören und sich auf den Weg der Nachfolge machen.
Entscheidend dabei ist der eigene Aufbruch: „Geh!“ oder „Geht!“ ist die diesbezügliche Standardweisung Jesu. Dahinter steht kein festgeschriebenes System, sondern das umfassende Bemühen um das Wohl der Menschen. Dies soll „in Tat und Wort“ (Lk 24,19) geschehen, wie es Jesus selbst vorzeichnet (Mt 10,7-8 u. ö.); und siehe: Es gelingt! Frauen und Männer sammeln sich um das Auftreten Jesu und um das machtvolle Wirken derer, die durch ihr Wort und Handeln „im Namen Jesu“ dessen Botschaft multiplizieren.
(2) Christus bekennen
Verkündigung setzt Zeugnis voraus. Der von Gott gesandte Johannes ist selbst nicht das Licht, er soll darüber Zeugnis geben (Joh 1,6-8); so weist er sein Umfeld auf Jesus, „das Lamm Gottes“, hin und bekennt zugleich seinen eigenen Glauben (Joh 1,29.36); ähnlich die Frau aus Sychar, sie führt die Bewohnerinnen der Stadt (Joh 4,29-30.34.39) zur Jesusbegegnung und auf den Weg des Glaubens (Joh 4,41-42). Zeugnis geben, heisst auch: nicht schweigen, „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 4,19-20) und nach dem Vorbild Jesu die Übereinstimmung von Wort und Handeln anstreben. So wird aus dem leeren Wort und Tun eine wirkmächtige Botschaft (vgl. Mk 1,22.27).
(3) Christus feiern
Ohne Empathie und Solidarität wird das nicht gehen – und zwar nicht als ein auch noch zu berücksichtigendes Moment, sondern als zentrale Grundhaltung. „Wie ich euch ...“ heisst es im Zusammenhang mit der Fusswaschung und dem Gebot zur gegenseitigen Liebe nach dem Vorbild Jesu (Joh 13,15.34). Innerhalb der Kirche und in der Welt ist da noch gehörig Luft nach oben; niemand ist davon dispensiert, auch wenn es leichter ist, den Übernächsten zu lieben als den Nächsten (Helmut Krätzl). Wenn Gottes Handeln gegenüber den Menschen auf dem „Überströmen seiner Liebe“ gründet (Dei verbum 2) – wer wollte da legitim welche Grenzen setzen? „Die Kirche Gottes in Christus Jesus, die in ... ist“ (1 Thess 2,14), ist eine Liebes- und Dienstgemeinschaft – andernfalls ist sie nicht die Kirche Gottes... Das gemeinsame Feiern bringt diese Verbundenheit mit Gott in Jesus Christus dann zum Ausdruck, wenn die Menschheitsfamilie nicht aussen vor bleibt.
An den Schnittstellen menschlichen Begreifens des göttlichen Heilshandelns entäussert sich Gott erneut in sinnfällige Gaben – „Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit“ –, um seine Einladung zum gemeinsamen Teilen von Freude und Ertragen von Leid glaubwürdig und erfahrbar zu machen. Jesus hat Zeichen aus seinem jüdischen Glauben weitergeführt und auch neu gedeutet (z. B. Wasser, Brot und Wein; Salbung, Auflegen/Berühren der Hände, ...). Er hat entsprechende sinnstiftende Handlungen gesetzt und die Gemeinschaft um ihn ermutigt, solche und andere Zeichen des Heils zur Vertiefung und Heilung der Verbundenheit mit Gott und untereinander zu setzen.
Von Anfang an fand das Feiern in einem familiären Rahmen statt und war in dieser Hoffnungsgemeinschaft von Dank und Lobpreis begleitet – wurzeln diese Vollzüge ja in der jüdischen Praxis der Familienliturgie, geleitet vom Hausvater oder von einer anderen Person der Hausgemeinschaft – fernab vom Tempel oder anderen explizit religiösen Zentren, dafür offen für die Menschen „an den Strassen und Gassen der Stadt, ... die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen“ (Lk 14,21; 1 Kor 11,20-22): „Unsere Pastoral will in besonderer Weise die Ausgeschlossenen einschliessen, weil dies die Option Gottes und der Plan Jesu ist“ (Erwin Kräutler, 1994).
Zur Ausleitung
Ob das alles zu allgemein, zu ungenau, zu offen ist? Es ist der unverzichtbare Rahmen, der vor Ort und in Vielfalt zu füllen wäre. Paulus geisselt jede Bevormundung als Verrat an der „Freiheit, zu der uns Christus befreit hat“ (Gal 5,1-6). Stattdessen ruft er danach, der Geistkraft Raum zu geben, um unter Einsatz der vielfältigen Geistesgaben vor Ort Kirche aufzubauen. Nicht einmal alle paulinischen Kirchen an verschiedenen Orten hatten gleiche Strukturen oder Prioritäten ihres Handelns! – geschweige denn alle Kirchen zur neutestamentlichen Zeit. Also gilt es, gemeinsam anhand der Bedürfnisse und der Möglichkeiten (sprich: der Charismen und Begabungen vor Ort) das Leben von Kirche zu entwickeln (Apg 6,1-6).
Ob das möglich ist? Johannes XXIII. hat mit dieser Methode ein Konzil auf den Weg gebracht und das Schiff im Sturm auf Kurs gehalten. Auch heute gilt das Wort Jesu: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40) ... Er wird auch heute und morgen den Sturm stillen und den Wellen Einhalt gebieten.
Walter Kirchschläger