Vatikan spricht von "Erstem Testament"

Berichte |
Was von vielen Theolog:innen schon lange gepflegt wird, hat nun auch Eingang in ein vom Papst unterschriebenes Dokument gefunden.

Mit etwas Verspätung veröffentlichte der Vatikan Mitte September ein auf den 22. Juni 2026 datierendes Schreiben mit dem Titel "Ein Weg der Hoffnung". Damit sollte wohl an den 60. Jahrestag des Konzilsdokuments "Nostra aetate" erinnert werden und von neuem über die Beziehungen zwischen katholischen Kirche (bzw. dem Christentum ingesamt) und dem Judentum reflektierr werden.

Doch für Ludwig Ring-Eifel (KNA) auf katholisch.de ist die aktuelle Note deutlich mehr als ein "pflichtschuldiges Gedenkpapier": "Sie markiert in ihren Ausführung zum Judentum sowohl in den verwendeten Begriffen als auch in den religionsgeschichtlichen und theologischen Kernaussagen eine bemerkenswerte Weiterentwicklung der bisherigen Verlautbarungen von Papst und Vatikan." Wie Ring-Eifel auf katholisch.de schildert, ist diese Weiterentwicklung vor allem auch anhand der Verwendung des Begriffs "Erstes Dokument" ersichtlich.

2001 hatte die Päpstliche Bibelkommission in einem Grundsatzpapier diese Diktion noch abgelehnt und in einer Fußnote geschrieben: "In der Gegenwart neigt man in einigen Kreisen dazu, stattdessen die Bezeichnung 'Erstes Testament' zu verbreiten, um eine dem Ausdruck 'Altes Testament' möglicherweise anhaftende negative Konnotation zu vermeiden. Doch ist 'Altes Testament' ein biblischer und überlieferter Ausdruck, der als solcher keinen negativen Unterton besitzt: die Kirche erkennt den Wert des Alten Testamentes voll an."

Nun verwendet ein offizielles vatikanisches Dokument, das die Handschrift des Ökumene-Präfekten Kurt Koch tragen dürfte, jedoch vom Präfekten des Glaubensdikasteriums sowie vom Papst selbst gegengezeichnet und damit autorisiert ist, genau diesen Begriff - und das nicht nur einmal kurz nebenbei, sondern in durchgängiger Weise. Für Ring-Eifel verdeutlicht dies "eine Annahme, die von vielen Vertretern der katholischen Theologie (und von protestantischen Theologen) seit Jahrzehnten gelehrt wird: Dass nämlich nicht das Neue Testament an die Stelle des Alten trat und dieses ersetzte; sondern dass Gottes Bund mit seinem Volk, wie es bereits Paulus im Römerbrief deutlich machte, nicht aufgekündigt ist und somit fortbesteht."

Aber auch über reine Begrifflichkeiten hinaus ist die nun veröffentlichte Note bemerkenswert. Sie zitiert den protestantischen Theologen Karl Barth ("Um es mit dem Evangelisten Johannes (vgl. Joh 1,14) gemäß der Auslegung des evangelischen Theologen Karl Barth zu sagen: Das Wort wurde 'jüdisches Fleisch' und kam, um unter uns zu wohnen.") und macht unter Berufung auf Papst Franziskus deutlich, dass Gott auch weiterhin im Volk des Alten Bundes wirkt. Dass der jüdisch-christliche Dialog aufgrund der Konflikte im Nahen Osten praktisch tot sei, wie manche meinen, wird explizit in Abrede gestellt: "Dennoch sind die Säulen des Dialogs unter Gläubigen, die in sechzig Jahren gemeinsamer Arbeit errichtet wurden, stabil geblieben. Auf diesen Säulen ist es möglich und notwendig, weiter aufzubauen und dabei weiterhin Inspiration aus den Empfehlungen der Konzilsväter zu schöpfen, um in gegenseitigem Kennenlernen und gegenseitiger Wertschätzung zu wachsen."