Was im Weihnachtsevangelium nicht steht

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Peter Gardowsky schildert, wie es auch gewesen sein könnte

Als der Esel[1], bepackt mit Josephs und Marias Rucksäcken und dem Windelpaket von Herodes[2], das die beiden kurz vor ihrer Wanderung von Nazareths Bürgermeister bekommen hatten, endlich in Bethlehem ankamen, suchten sie in verschiedenen Gaststätten nach einer Wohnmöglichkeit. Überall, wie in Teilen des Neuen Testaments geschildert, wurden sie abgelehnt. Sogar in der Jugendherberge war kein Platz. Aber der Jugendherbergsvater besaß, circa 300 Passi (1 Passus = ein Doppelschritt) vom Zentrum entfernt, ein paar Tiere und einen überdachten Stall, da es im Winter auch regnen konnte. Er war nämlich wohlhabend, da er manche Einnahmen an der Steuer vorbeischleuste. Dorthin verwies er die beiden für 4 Sesterzen[3] pro Nacht. Das konnte Josef bezahlen, denn er hatte ja ein gutgehendes Gewerbe, das ihm täglich bis zu 25 Silberdenare einbrachte. Aber die Inflation betrug auch schon damals im Land – später wurde es heiliges Land benannt – ca. 7,5 % und so stieg der Preis für Brot und Bohnen auf bis zu 8-10 Sesterzen und ein Sabbatfestmahl mit Meerestieren, Eiern und Fleisch kostete bis zu 8 Silberdenare.

Und so machten sich Josef und Maria mit dem Baby im Bauch auf und fanden tatsächlich ein kleines Haus mit einem Vorbau für die Tiere. Maria, die damals traditionsgemäß noch sehr jung war,[4] war sehr müde von der langen Reise und setze sich auf einen Strohballen. Die Tiere grasten friedlich und Josef holte sich von der Wiese einen Esel und vier Ziegen, band sie im Vorbau an, da sie Wärme spendeten.

Wie es dann weiterging haben die Evangelisten beschrieben, jedoch nicht alle, manches wurde später hinzugefügt und die Einzelheiten wissen wir von Matthäus, der Einzige der uns von den „hl. Drei Königen“ berichtet. Nach einiger Zeit kamen, wie erzählt, die drei Weisen aus Syrien und einer sogar aus Äthiopien und brachten viele Geschenke mit. Das war ein Fest! Der eine Gelehrte aus Äthiopien der im Rang eines Generals und ein bedeutender Sterndeuter seiner Zeit war, schenkte Joseph sogar 10 Aurei[5] aus Gold (1 Aureus war fast 25 Denare wert). Da der Goldpreis zuletzt durch die Volkszählung und die damit verbundenen Völkerwanderungen sehr gestiegen war, hatten 10 Goldaurei den heutigen Wert von circa € 12.000, -

„Verlassen Sie diesen gottverdammten Ort“ sagte der äthiopische, weise General zu Josef, "mit meiner Gabe für das Jesuskind, können Sie sich ein Hotel leisten. Ich will nicht, dass Gottes kleiner Sohn hier dem fürchterlichen Gestank dieser chaotischen Ziegen ausgesetzt ist. Außerdem ist es hier dreckig. Ich such´ ein Hotel“. Und schon war er auf dem Kamel und galoppierte von dannen.

„Der Äthiopier irrt sich“ meinte Josef flüsternd zu Maria „unser Jesuskind stinkt, weil er sich schon wieder angemacht hat“. Gott sei Dank verstanden die zwei Gelehrten den Josefvater nicht, weil er in aramäischer Sprache gesprochen hatte. Kurze Zeit später kam der weise General zurück, gab Josef einen Zettel mit der Adresse eines bequemen, jedoch teuren Hotels, das der Roman-King Organisation angehörte und da es schon spät geworden war, machten sich die drei Besucher auf den Weg, nicht ohne vorher das Gotteskind geherzt und liebkost zu haben. Das mochte Maria nicht wirklich, weil sie nicht um Erlaubnis gefragt hatten, und in Palästina durften Fremde einer Mutter mit Kind nicht zu nahekommen. Das war damals so und ist es teilweise noch heute.

So holte Josef seinen werkstatteigenen Esel wieder vom Feld, hob behutsam Maria mit Kind auf den Rücken desselben, verstaute die wenigen Habseligkeiten in einer Ecke und sie machten sich auf den Weg zum Roman-King Hotel. Dort wollte der Rezeptionist ihnen gleich das Pilatus-Zimmer zu einem unerhörten Preis anbieten. „Weißt Du was", flüsterte Josef vor der Lobby Maria zu, "ich sag dir was: Wir können die 10 Goldaurei gut brauchen, da ich mir für meine Tätigkeit[6] noch eine automatische Säge besorgen muss. Wir kehren in die von den Tieren beheizte Unterkunft zurück. Die ist gut genug und unserem Jesuskind erzählen wir später, dass er in einer Herberge außerhalb Bethlehems geboren wurde. Das stimmt ja im Grunde, denn unsere notdürftige Unterkunft ist ja de facto eine Filiale der offiziellen Herberge. Außerdem haben wir uns im Meldeamt schon eingetragen und können daher so bald wie möglich nach Nazareth zurück. Ich hab noch viel Arbeit bis zum Chanukkafest[7]. Meine Auftragsbücher sind voll.“

Kaum hatte er das gesagt, kam ein weiterer Esel mit einer schwangeren Frau und einem Mann. Auch diese hatte der Herbergsvater hierhergeschickt, da sie mittellos waren und die Sozialhilfe[8] ihnen keine Unterstützung gewährt hatte. Das passiert auch heute noch. Josef kannte den zukünftigen Kindesvater, da sie Cousins 1. oder 2. Grades waren. Es war Zebedäus, der Josef noch eine Rate für getätigte Dacharbeiten zu bezahlen hatte. Aber in dieser Notsituation waren die Schulden des Zebedäus kein Thema.

Kurz darauf kam der neue Erdenbürger, so wie Jesus, im Stall zur Welt und die Eltern gaben ihm den Namen Jakobus[9]. Keiner der Anwesenden wusste, dass dieser später zur Apostelschar zählen sollte. Als Kinder spielten sie oft auf dem Kinderspielplatz von Nazareths Hauptplatz. Später wurde er dann Jakobus der Ältere genannt, weil sich ein anderer Jakobus in die Apostelschaar eingefunden hatte. 1700 Jahre später wurde Jakobus der Ältere in der Kathedrale von Le Puy en Vela[10] in einem wunderschönen Fresco verewigt. In diesem schaut er allerdings sehr, sehr jung aus. Der Künstler dürfte ihn mit Jakobus den Jüngeren verwechselt haben.

Zurück zu den Eltern von Jesus. Maria war zwar noch immer müde von der Geburt, sie konnte sich aber rasch mit Josef einigen, wegen ihrer Müdigkeit eine weitere Nacht im Stall zu verbringen und am frühen Morgen das Weite zu suchen. Das war eine sehr gute Entscheidung. Warum das so war, kann man im Neuen Testament nachlesen. Die drei mussten nämlich nach Ägypten flüchten, wegen Herodes Antipas, der damals seine 6. Frau umbringen ließ, um die 7. Frau zu heiraten. In Ägypten hat Josef allerdings das gesamte, von den Hl. 3 Königen gespendete Geld ausgegeben, denn er zahlte nicht nur die Hotelkosten seiner Familie, sondern auch die Kosten der Familie des Zebedäus, da diese in der politischen Unsicherheit dieser Tage auch nach Ägypten nachgereist waren, um den Machtgelüsten der regierenden Königsfamilie zu entfliehen. So ist daher von den goldenen Münzen der heiligen drei Könige nicht viel übriggeblieben, als die zwei Familien mit dem Jesusbaby und den Jakobusbaby nach Nazareth zurückkehrten. Einzig Weihrauch und Myrrhe waren übriggeblieben. Myrrhe war in Israel ein begehrtes Desinfektionsmittel und das verkaufte Josef in Raten der Apotheke von Nazareth, da Myrrhe durch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Hutäern und Idumäern,[11] zu dieser Zeit auf dem Großmarkt kaum erhältlich war. Nach nicht verifizierbaren Erzählungen konnte sich Josef später sogar drei Lehrlinge leisten und einer davon war schlussendlich auch Jesus bis zu seinem 18. Lebensjahr. Wir wissen daher, dass Jesus einen Beruf erlernt hatte, nämlich den Beruf eines Bauhandwerkers (griechisch τεκτων), irreführend als Zimmermann bezeichnet. Vermutlich übte Jesus, wie viele jüdische Söhne, den Beruf des Vaters aus, zumal ein Handwerksberuf für den Lebensunterhalt eines Gelehrten damals üblich war. Viel, viel später ist dann der erwachsene Jesus aus dem Elternhaus ausgezogen, wurde ein Wanderprediger, hat sich selbstständig gemacht und hatte eine tiefe Freundschaft mit Johannes dem Täufer. Das ist allerdings eine andere Geschichte und diese kann man in den Evangelien nachlesen, dazu braucht man allerdings viel Zeit, Langmut und Ausdauer.

Zeichnung: Waltraud Kim



[1] Esel waren in Israel ein bewährtes Transportmittel

[2] Herodes der Große war ein Jüdischer „Klientenkönig“ zur Zeit der Geburt Jesu

[3] Sesterzen waren ein Zahlungsmittel, nach heutigem Wert ca. 10 – 15 Euro

[4] Bei der Geburt Jesu war Maria tatsächlich noch sehr jung, 13,14 Jahre alt

[5] Aureus war eine Geldmünze von hohem Wert

[6] Nach dem Evangelisten Markus

[7] Chanukkafest ist ein jüdisches Fest, das an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahre 164 erinnerte

[8] Es gab tatsächlich in Israel eine soziale Unterstützung der religiösen Behörden

[9] Nach anderen Gelehrten soll Jakobus ein Bruder Jesu gewesen sein. Aber das weiß man heute nicht mehr so genau.

[10] Diese Kathedrale liegt auf dem Mont Anis in Frankreich, dem Überrest eines mächtigen Vulkankegels

[11] Diese Völker grenzten an Israel und waren erbitterte Feinde Israels