Wozu (noch) Theologie?

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Linzer Theologin Andrea Taschl-Erber betont die Bedeutung der Theologie in einer sich schnell verändernden Welt.

Im Jänner 2026 stellten die Regenten der österreichischen Priesterseminare einen neuen "Ausbildungsweg für Spätberufene" vor, der es Männern zwischen 45 und 60 Jahren, die sich bereits in einem Beruf bewährt haben, ermöglichen soll, den Weg zur Priesterweihe einzuschlagen. In den entsprechenden Leitlinien dieser neuen berufsbegleitenden Priesterausbildung - nachzulesen etwa auf der Homepage des Canisiuswerkes - heißt es: "Grundlegende Elemente für diese spezielle Gruppe von Priesteramtsanwärtern sind einerseits das theologische Studium auf Bachelor-Niveau oder höher, an einer Hochschule, Universität oder auch per Fernstudium; auch ein rein kirchlicher Abschluss soll möglich sein."

Dass ein Theologiestudium bereits auf Bachelor-Niveau offensichtlich als für die Priesterweihe ausreichend betrachtet wird, sorgte damals für zahlreiche kritische Stimmen. Dabei wurde nicht nur kritisiert, dass die Kirchenleitung offensichtlich lieber auf halbausgebildete Männer als auf vollausgebildete Frauen setze (Zitat Harald Prinz, Wir sind Kirche, Ö), sondern es wurde auch generell gefragt, welcher Wert theologischer Bildung überhaupt noch zugemessen werde.

Die aktuelle Sorge um die Theologie ist freilich auch anderer Natur: Im Februar 2026 belegten Zahlen des Statistischen Bundesamtes Deutschland einen dramatischen Rückgang der Zahl der Theologistudierenden: Die staatlichen theologischen Fakultäten Deutschlands verloren in den letzten sechs Jahren 50 % der Auszubildenden und auch die kirchlichen Hochschulen Deutschlands leiden mit wenigen Ausnahmen unter einem Studierendenschwund. In Österreich ist die Situation ebenfalls dramatisch: Immer mehr Seelsorgeposten in Pfarren - und auch Planstellen im Religionsunterricht - sind vakant, weil es zu wenige Absolvent:innen der Theologie gibt.

Das zeigt auch die feierliche Verleihung der akademischen Grade an der Katholischen Privatuniversität Linz am 4. Juli 2026: Zwölf Studierende der Fakultät für Theologie sowie der Fakultät für Philosophie und für Kunstwissenschaft haben im Sommersemester 2026 ihr Studium beendet und einen Abschluss erworben. Verliehen wurden jedoch nur ein Doktorat der Theologie und zwei Magister-Titel der Theologie; die weiteren Abschlüsse betrafen Philosophie und Kunst. Damit verweisen auch die Zahlen der KU Linz auf die geringe Zahl theologischer Abschlüsse.

Promotorin Andrea Taschl-Erber, Universitätsprofessorin für Bibelwissenschaft des Neuen Testaments an der KU Linz, betonte in ihrer Rede, dass Theologie der Orientierung in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft dienen müsse: "Philosophisches und theologisches Denken lässt vielleicht nicht immer die schnellsten Antworten finden. Aber oft die besseren Fragen. Und nicht selten sind es gerade die richtigen Fragen, die eine Gesellschaft voranbringen. Kritische Fragen – die auch Fact und Fiction unterscheiden: Das ist heute wichtiger denn je. Je schneller sich unsere Welt verändert, desto wichtiger werden Wissensdisziplinen, die Orientierung ermöglichen angesichts politischer, ökonomischer, technologischer, sozialer und kirchlicher Transformationsprozesse – um so ein Haus auf Fels zu bauen, das auch Krisenstürmen standhält."

Taschl-Erber vierwies auch "auf das wissende Nichtwissen des Sokrates, den Platon in seiner Apologie sagen lässt: >Um diesen kleinen Unterschied bin ich also offenbar weiser, dass ich eben das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.< – So geht es in einer sokratischen Haltung und Weisheitsliebe darum, den Dingen stets auf den Grund zu gehen und sich nicht mit dem Vordergründigen zufriedenzugeben, vermeintliches Wissen, (sophistisches) Scheinwissen aufzudecken und einfache Antworten zu hinterfragen, aber auch Ambiguitäten auszuhalten."

Den Absolventinnen und Absolventen gab die Promotorin einen Wunsch mit: "Bewahren Sie sich die Neugier, die Sie hierher geführt hat. Bewahren Sie den Mut, auch gegen den Strom zu denken. Bewahren Sie die Demut, die erkennt, dass jedes Wissen vorläufig bleibt. Und bewahren Sie die Offenheit, aus den großen Wissenstraditionen, aus dem Unverfügbaren und von anderen zu lernen – auch von denen, die anders glauben, anders denken oder anders leben."

Foto: KU Linz