Der studierte Theologe Walter Ender war bis 2023 in der Schulaufsicht für den Religionsunterricht in Wien und Niederösterreich tätig. In einem historischen Überblick widmet er sich nun dem „Großen Haus“ im Irenental, westlich von Wien gelegen, einem beschaulichen und ruhigen Ort.
Vor dem Ersten Weltkrieg nahm die katholische Kirche in Österreich eine außerordentlich wichtige soziale Rolle ein. Sie prägte nicht nur das religiöse Leben, sondern engagierte sich auch maßgeblich in den Bereichen Bildung, Armenfürsorge, Krankenpflege und der Gestaltung des öffentlichen wie privaten Lebens. Durch Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Vereine und karitative Netzwerke war die Kirche in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent und fungierte als zentrale Instanz sozialer Integration.
Insbesondere Ordensgemeinschaften übernahmen die Betreuung und Unterstützung von Menschen, die aufgrund ihrer sozialen oder persönlichen Lebensumstände besonderer Hilfe bedurften. Sie gründeten Einrichtungen für Kranke, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderungen sowie für gesellschaftlich benachteiligte Personen. In diesem Zusammenhang ist auch das „Große Haus“ im Irenental zu sehen.
Dort wurden vor etwa hundert Jahren neben chronisch kranken und pflegebedürftigen alten Menschen auch junge Mädchen und Frauen aufgenommen, die einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hatten. Sie erhielten Unterstützung und sollten schrittweise wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Welche Bedeutung dieses kirchliche Engagement hatte, wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass die staatlich organisierte Bewährungshilfe in Österreich erst Jahrzehnte später, nämlich in den 1960er-Jahren eingerichtet wurde.
Aus heutiger Sicht erscheinen das „Große Haus“ im Irenental und das kirchliche Engagement dahinter daher als ein für die damalige Zeit bemerkenswertes und zukunftsorientiertes Sozialprojekt. Es verband Fürsorge, Betreuung und gesellschaftliche Wiedereingliederung in einem Ansatz, der in wesentlichen Punkten bereits Elemente moderner Sozialarbeit vorwegnahm.
Die Geschichte von Irenenteil legt Walter Ender nun als Sachbuch vorgelegt: "Das große Haus. Irenental und sein ehemaliges Kloster" führt zurück in eine bedeutungsvolle Zeit der katholischen Kirche.
Peter Gardowsky, 26.8.2026