Das Thema des Geistlichen Missbrauchs wird immer mehr ein zu erforschendes Problemfeld, besonders in Bezug auf kirchliche, katholische Gemeinschaften. Das Buch versucht systematisch darzustellen, worin die Kennzeichen dieser Missbrauchsform bestehen. Konkrete Ausprägungen spiritueller Manipulation und geistlicher Gewalt werden in der Rückschau auf die nachkonziliare Zeit der Katholischen Glaubensinformation Wien sichtbar und somit klar erkennbar. Das Buch gibt Einblicke in das Leben der mit ihr verbundenen Gemeinschaften Jüngergemeinschaft, Schwestern der Jüngersuche und der Kongregation der Kalasantiner.
Die auf den Theologen und Priester Herbert Madinger zurückgehenden postulierten theologischen Grundsätze der Gemeinschaften werden mit teils ‚erschaudernden‘ Erfahrungsberichten ehemaliger Gruppenmitglieder abgeglichen. Aufbauend auf einem überhöhten Priesterbild erweist sich geistlicher Missbrauch als eine Form von teils vehementem Machtmissbrauch. In der Perspektive der ehemaligen Mitglieder wird erkennbar, welche Auswirkungen eine toxische Spiritualität haben kann, die zur Totalhingabe auffordert, wenn es gilt, als Jünger zu den wichtigsten Menschen auf Erden zu gehören, um im apostolischen Einsatz viele Menschen zu Christus hinzuführen, um unsere Welt zu retten.
„Die wichtigsten Menschen auf Erden. Geistlicher Missbrauch in der Frühzeit der Katholischen Glaubensinformation und der Jüngergemeinschaft“ des Wiener Religionspädagogen und Pastoraltheologen Dr. Walter Ender ist eine historische Analyse von spirituellem Machtmissbrauch in katholischen Gemeinschaften, zum großen Teil in Wien. Das Buch ist sachbuchhaft-wissenschaftlich und richtet sich auch an ehemalige Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, kirchliche Verantwortliche sowie an Menschen, die Missbrauchsstrukturen besser verstehen möchten. Es wendet sich auch an jene, denen dieses Thema noch immer „unter den Nägeln brennt“ und denen es ein persönliches Anliegen gewesen oder noch immer ist.
Das Buch hat mir die Augen geöffnet und mich teils auch bedrückt, da wir Seminaristen im Noviziat in Ivrea und danach in Pinerolo während des Philosophikums mit geistlichen Missbrauch im Sinne dieser Studie konfrontiert wurden. Der geistliche Missbrauch betraf uns alle. Ich hatte das Glück oder die Gnade, den geistlichen Missbrauchimpuls instinktiv irgendwie durchschaut zu haben und den Versuch des Spirituals und Präfekten, uns zur totalen Hingabe zu ‚drillen‘, von mir weisen konnte. Sein Versuch prallte an mir ab. Ich ging stur meinen eigenen Weg und konnte tatsächlich lächeln, während andere Seminaristen diesen Druck leidend ertrugen. Ich glaube, dass meine Großfamilie mir den nötigen, gesunden Menschenverstand mitgegeben hatte. Viele Jahre später hat mir ein Kollege erzählt, dass ihm meine Sturheit von Nutzen war. Schade, dass er dieses aufwühlende Buch nicht mehr lesen konnte.
Paul M. Zulehner: „Man wird nicht aufhören, im Buch zu lesen, wenn man einmal begonnen hat.“
erschienen im LIT-Verlag, 1090 Wien (Reihe „Austria: Forschung und Wissenschaft – INTERDISZIPLINÄR“, Band 16)