Liebe Gemeinde,
ich möchte Ihnen heute einen Satz zumuten, der wehtut.
Ein Satz, der oft wie eine Peitsche benutzt wurde.
Gegen Arbeitslose. Gegen Arme. Gegen die, die straucheln.
Der Satz heißt:
„Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“
Wenn wir das heute hören, denken wir an Sozialkürzungen. Wir denken an Härte. Wir denken an eine Kirche, die sagt: „Streng dich an, sonst bist du nichts wert.“
Aber ich sage Ihnen: Paulus meinte das Gegenteil.
Um diesen Satz zu verstehen, müssen wir uns die Leute anschauen, an die er geschrieben war.
In Thessaloniki gab es damals Menschen, die waren so fromm, dass sie aufgehört haben zu leben.
Sie dachten: „Der Herr kommt eh bald wieder. Das Ende der Welt ist nah. Wozu soll ich noch einen Acker bestellen? Wozu soll ich mich um die Gesellschaft kümmern? Ich setze mich hin, schaue in den Himmel und warte.“
Diese Menschen waren nicht faul.
Sie waren resigniert.
Sie hatten sich aus der Verantwortung für diese Welt verabschiedet.
Sie haben ihren Glauben benutzt wie eine Hängematte – oder schlimmer: wie ein Wartezimmer.
Und genau dagegen wettert Paulus.
Wenn er sagt: „Wer nicht arbeitet…“, dann meint er nicht ihren 40-Stunden-Job. Er meint nicht, dass ihr Wert davon abhängt, wie viel Steuern sie zahlen.
Er meint: Beteiligt euch!
Zieht euch nicht zurück in eine spirituelle Blase!
Lasst die Welt nicht im Stich, nur weil ihr auf den Himmel hofft!
„Arbeiten“ heißt im biblischen Sinn: Mitgestalten.
Gottes Schöpfung ist nicht fertig. Sie ist kein fertiges Möbelstück, auf das man sich setzt. Sie ist ein Garten, der Pflege braucht.
Und wer sagt: „Ach, die Welt ist eh schlecht, ich warte nur auf die Erlösung“, der verweigert sich dem Leben.
Der konsumiert nur noch (er will „essen“), aber er gibt nichts mehr zurück.
Schauen Sie sich in unserer Welt um.
Es gibt so viele Gründe, sich die Decke über den Kopf zu ziehen.
Kriege. Falschinformationen. Spaltung.
Die Versuchung ist riesig, es wie die Thessalonicher zu machen: Sich hinzusetzen, Netflix anzuschalten oder fromm zu beten und zu sagen: „Soll der liebe Gott das mal regeln.“
Aber dieser Text ruft uns zu: Nein.
Gott hat keine Hände außer unseren.
Wer auf Gott hofft, der legt die Hände nicht in den Schoß, sondern er packt an.
Nicht, um sich den Himmel zu verdienen. Das ist Quatsch.
Sondern weil diese Erde den Himmel braucht.
Vielleicht bedeutet „Arbeit“ für Sie heute, einem Nachbarn zuzuhören.
Vielleicht bedeutet es, trotz allem Optimismus zu bewahren.
Vielleicht bedeutet es, Kinder zu erziehen oder Kranke zu pflegen.
Vielleicht bedeutet es einfach, morgens aufzustehen und nicht zu verzweifeln.
Das alles ist die „Arbeit“, von der Paulus spricht. Das Wirken an der Welt.
Also:
Lassen Sie uns nicht verhungern, indem wir nur warten.
Lassen Sie uns essen – das Brot des Lebens – damit wir Kraft haben, diese Welt zu gestalten.
Glaube ist kein Sofa.
Glaube ist Aufbruch.
Amen.
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