Hoffnungszeichen Mai 2026 - Innerkirchliche Reformansätze

Hoffnungszeichen   |

Ein Wiener Theologe widerspricht der Genderkritik des Vatikan. Gerhard Marschütz, der frühere ao. Professor für Theologische Ethik an der Universität Wien, bedauerte, dass das vatikanische Dokument „Dignitas infinita" (2024) vor einem Verlust der Geschlechterdifferenz warnt. Häufig werde mit dem Begriff der „Gender-Ideologie" ein abwertendes Gegenbild konstruiert. Die kirchliche Skepsis gegenüber Homosexualität und Transidentität führt der Ethiker auf das naturrechtliche Denken zurück: Geschlecht sei eng mit Fortpflanzung verknüpft, weshalb die Ehe zwischen Mann und Frau als normativ gilt. Abweichungen würden als „nicht naturgemäß" eingeordnet. Genderperspektiven setzten dagegen einen anderen Akzent: „Sie verstehen unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten als Varianten menschlicher Existenz." Einen möglichen Ausweg aus der Konfrontation sieht Marschütz in der kirchlichen Tradition selbst, insbesondere im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65). Dort sei das naturrechtliche Denken bereits aufgebrochen und um eine personale Perspektive ergänzt worden: „Der Mensch wird nicht nur über seine Natur definiert, sondern als Person mit Würde, Freiheit und Gewissen verstanden". (domradio.de v. 7. 5.)

30 römisch-katholische Gruppen fordern Veränderungen in der Kirche. Ein Schwerpunkt in ihrem Reform-Aufruf ist Geschlechtergerechtigkeit: „Wir setzen uns ein für eine Kirche, die Teilhabe und Demokratie ernstnimmt." Dafür brauche es Synodalität und „Gleichberechtigung aller Geschlechter". Weiter setzt sich der Zusammenschluss „für die dringend notwendige Erneuerung aller kirchlichen Dienst- und Leitungsstrukturen" ein. Eine Menschenkette für Geschlechtergerechtigkeit soll beim Katholikentag in Würzburg zwischen Kiliansdom und Augustinerkirche auf Reformanliegen aufmerksam machen. Initiatoren sind u. a. die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) und die Reforminitiative „Wir sind Kirche". (domradio.de v. 12. 5.)

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fordert einen weltweiten Frauengipfel im Vatikan. Die Zeit sei reif dafür, dass die römisch-katholische Kirche die Stimmen von Frauen stärker höre, heißt es in einem Antrag: Es habe ja schon einige Gipfel im Vatikan gegeben, die aktuelle Fragen bearbeitet hätten. Diese seien vom gegenseitigen Zuhören geprägt gewesen und hätten die Lebens- und Berufungszeugnisse von Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Zugleich böten solche Gipfel die Chance, wissenschaftliche Impulse aus Theologie und anderen Disziplinen zu integrieren. Außerdem sollen die biblischen Frauen in den Gottesdiensten mehr zu Wort kommen und in ihrem Glaubenshandeln sichtbar werden. Zudem sprach sich das ZdK dafür aus, dass Frauen in allen Bistümern mit Predigten und Auslegungen der Bibel beauftragt werden können. (domradio.de v. 13. 5.)

Für eine Bibeltheologin sind Frauen sind „amtsfähig“. Aus einem Interview mit Frau Prof. Irmtraut Fischer (Universität Bonn): Zuerst erinnert sie an die beiden Prophetinnen Debora und Hulda im Alten Testament: „Nach dem Prophetiegesetz der Tora in Deuteronomium 18 ist die Prophetie insofern das Höchste der Ämter, als es als einziges direkt von Gott eingesetzt wird und nicht von Menschen weitergegeben werden kann. Jegliche Prophetie steht in der Nachfolge des Mose, der alle Ämter in sich vereint. […] Wenn Frauen im höchsten der Ämter in der unmittelbaren Nachfolge nach Mose vorkommen, bedeutet dies, dass Frauen amtsfähig sind. […] Die Prophetinnen der Hebräischen Bibel hatten offenkundig keine Probleme mit ihrer Legitimation. […] Das Geschlecht ist keine theologische Kategorie und ist als Kriterium für Religiosität ungeeignet. Die heutige katholische Kirche hinkt hier noch weit hinter dem Alten Testament hinterher.“ (kath.ch v. 15. 5.)

Für den Leiter der Predigerschule in Paris ist es „dringend notwendig, Laien in der Predigtkunst auszubilden“. Der Dominikanerbruder Eric de Clermont-Tonnerre hat jüngst das Buch „On demande des prêcheurs!“ („Wir suchen Prediger!“) veröffentlicht. Im Interview mit kath.net sagt er: Er ist Zeit, „daran zu erinnern, dass Predigt und Evangelisierung eine Aufgabe für alle ist. So müssen sich die Laien das Wort Gottes zu eigen machen, um es zu vertiefen und danach zu leben. Es ist für sie da. […] Ein Laie, der predigt, übt sein Taufpriestertum aus, das eine grundlegende Dimension seiner Berufung darstellt. […] Die Getauften müssen sorgfältig alles lernen, was Jesus gesagt und gelehrt hat, um es dann getreu weiterzugeben. […] Das Vokabular der Berufung, der Weihe, des Priestertums, der Nachfolge Christi, der Vollkommenheit oder der Heiligkeit wurde nach und nach den Ordensleuten und Priestern vorbehalten. Doch alle Christen sind dazu berufen. Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt dies: Die Hauptweihe ist die Taufe; das allgemeine Priestertum der Gläubigen ist ein wesentliches Merkmal des Volkes Gottes; die Heiligkeit ist die Berufung aller Getauften; die Evangelisierung und die Verkündigung sind die Pflicht aller. Jeder ist eingeladen, das Wort zu ergreifen, um die Frohe Botschaft zu bezeugen …“. (www.kath.ch v. 23. 5.)

Kirchliche Reformbewegungen fordern, das Zölibatsgesetz endlich aufzuheben: Hier die gekürzte Presseaussendung von „Wir sind Kirche-Österreich“, „Priester ohne Amt“ und „Pfarrer-Initiative“ vom 21. 5.: „Angesichts der medialen Diskussionen rund um den Wiener Dompfarrer Toni Faber und sein wiederholtes Auftreten mit einer Frau an seiner Seite fordern die österreichischen Kirchenreformbewegungen eine ehrliche Diskussion über die unselige Zölibatsverpflichtung für römisch-katholische Priester und mahnen dabei Sachlichkeit und Aufrichtigkeit ein. Nicht der Zölibat an sich ist das Problem, sondern die Verpflichtung darauf: [….Es gibt] verheiratete Priester, die aus anderen christlichen Kirchen in die römisch-katholische Kirche übergetreten sind und dafür einen offiziellen Dispens vom Zölibat erhalten haben: Sie leben ihr Priesteramt vor aller Welt mit Frau und Kindern! Wenn sich Priesteramt und Eheleben im Fall dieser konvertierten Priester nicht ausschließen, warum soll es dann bei Männern, die immer schon römisch-katholisch waren, anders sein? […] Das Kirchenvolksbegehren 1995, das allein in Österreich von einer halben Million Menschen unterschrieben wurde, forderte für die Priester eine freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform und die Amazonas-Synode 2019 in Rom hat sich für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern ausgesprochen. […] Es ist längst an der Zeit, die unselige Zölibatsverpflichtung für die Priester abzuschaffen. Ohnehin wurde sie erst 1139 eingeführt und war seither in vielen Epochen und Ländern oft mehr theoretisches Konstrukt als gelebte Praxis. Vor allem aber war der Zölibat nie ein Dogma und ist es auch heute nicht, sondern hat lediglich die Gestalt eines Kirchengesetzes, das so wie es eingeführt wurde, ganz einfach auch wieder abgeschafft werden könnte. Besser heute als morgen.“ (www.wir-sind-kirche.at v. 21.5.)

Ein Kardinal lobt die Vergebungsbitte für Sklaverei in der Enzyklika „Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat die neue Papst-Enzyklika zum Thema KI gewürdigt: Der Papst „verbindet eine aufrichtige Vergebungsbitte der Kirche für ihre historische Mitschuld an der Sklaverei mit einer prophetischen Anklage der Gegenwart. Und er prägt einen Begriff, der die ethische Debatte unserer Zeit verändern kann: Er fordert, die Künstliche Intelligenz zu entwaffnen." „Magnifica humanitas" (Großartige Menschheit) sei alles andere als ein technikfeindliches Dokument. Leo XIV. würdige die technologische Innovation sogar als „eine menschliche Form der Teilnahme am göttlichen Schöpfungsakt“ und fordere die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges". Diese werde allzu oft herangezogen, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. (kap u. kna v. 25. 5.)

Die Bistümer Deutschlands steigern den Frauenanteil in Leitungspositionen auf 28 Prozent. Dies ergab eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes zu den 27 römisch-katholischen Diözesen. Im November 2018 hatten sich die römisch-katholischen Bischöfe auf Steigerung der Frauenquote in höheren Führungspositionen, die Laien offenstehen, geeinigt (2013 nur 13 Prozent!). Die (Erz-)Diözesen haben die Steigerung des Frauenanteils in diözesanen Führungspositionen der Generalvikariate und Ordinariate durch gezielte Maßnahmen wie Mentoring-Programme, flexible Arbeitszeitmodelle und eine verstärkte Sensibilisierung für Diversität befördert. Bis 2023 wurde ein Frauenanteil in den oberen Leitungsebenen von 28 Prozent erreicht. Das Bistum Würzburg beispielsweise hat zwischen 2021 und 2026 den Frauenanteil auf 47.5 Prozent verdoppelt. Dicht dahinter folgt das Bistum Erfurt mit 47,4 Prozent. Im Vergleich dazu fällt im Bistum Eichstätt der Frauenanteil mit 26 sehr niedrig aus. Das Erzbistum München-Freising hat im Jahr 2020 die Stelle des Generalvikars geteilt und die Position einer Amtschefin geschaffen. Die Münchener Amtschefin, Stephanie Herrmann, betont, dass die Kirche bei der Besetzung von Führungspositionen mit gutem Beispiel vorangehe müsse. (vn v. 26. 5.)

Ein Jesuit beklagt die „monarchische Führung" der römisch-katholischen Kirche. Stefan Kiechle mahnt eine größere Beteiligung von Frauen an der Führung an: „Dass Frauen in Einzelfällen in Ordinariaten und im Vatikan mittlere Führungsaufgaben bekommen, löst das Problem nicht, denn über ihnen amtieren weiter die höheren Kleriker." Viele Frauen seien frustriert oder wanderten ganz aus der Kirche aus. Bisher sei Führung in der Kirche „monarchisch": „Ein Pfarrer hat in der Pfarrei das letzte Wort. Ein Bischof entscheidet, ob er das, was in der Bischofskonferenz oder in einem vielleicht synodal verfassten Gremium beschlossen wird, in seinem Bistum umsetzt oder nicht." Und schließlich entscheide ein Papst für die Weltkirche. „Er ernennt Entscheidungsträger; er setzt Recht, spricht in Streitfällen Recht und wendet Recht nach Ermessen an - nach der klassischen Drei-Gewalten-Lehre fallen hier Legislative, Jurisdiktion und Exekutive in eins." Eine solche Verfassung werde in der Staatslehre als „absolute Monarchie“ definiert. „Der Heilige Stuhl ist die letzte dieser Art in Europa“. Die beiden dringlichsten Fragen für eine „zeitgemäße Führung" der Kirche seien die der Partizipation und die der Frauen. Für Änderungen brauche es keine weltweite Entscheidung. Denn „man könnte dezentral vorangehen, indem ‚Rom' den Bischofskonferenzen oder - das wäre besser - lokalen synodalen Gremien die Freiheit gibt, erste nächste Schritte zu gehen“. Kiechle ist seit 2018 Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens. (kap u. kna v. 27. 5.)

Peruanische Kardinäle knien vor Opfern von Machtmissbrauch nieder. Bei einer Messe in Catacaos knieten am Pfingstwochenende mehrere Bischöfe, darunter die Kardinäle Carlos Castillo und Pedro Barreto, gemeinsam mit dem vatikanischen Sondergesandten Jordi Bertomeu nieder und baten indigene Bauernfamilien um Vergebung für jahrelanges Leid im Umfeld der aufgelösten Bewegung „Sodalitium Christianae Vitae" („Sodalicio"). Die Zeremonie war ein symbolischer Akt der Wiedergutmachung gegenüber Kleinbauern des Tallán-Volkes. Diese werfen Unternehmen mit Verbindungen zum Sodalicio vor, sie über Jahre enteignet, verfolgt und eingeschüchtert zu haben. In dem Konflikt wurden auch zwei Gemeindemitglieder getötet. „Wir kommen nicht nur, um euch im Namen der Kirche um Vergebung zu bitten, sondern auch, um uns zu verpflichten, die Kirche zu erneuern", sagte Limas Erzbischof, Kardinal Castillo, in seiner Predigt. Der Schritt fand über die Grenzen Perus hinaus Beachtung. Der in Ecuador lehrende Anthropologe und Salesianerpater José Enrique Juncosa lobte die Geste der knienden Bischöfe. Der Akt sei ein Aufruf, die Versuchung zu überwinden, sich gerade nicht auf die Seite der Schwächsten zu stellen. „Das „Sodalicio", 1971 gegründet, war 1997 von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zu einer Kongregation päpstlichen Rechts erhoben worden. 2025 wurde es von Papst Franziskus aufgelöst. (domradio.de v. 27. 5.)