Seit „Wir sind Kirche“ 1996 den Herbert-Haag-Preis „Für die Freiheit in der Kirche“ aus den Händen von Herbert Haag und Hans Küng verliehen bekam, war ich fast jedes Jahr bei der Preisverleihung dabei. Es ist immer ein Ereignis auf hohem intellektuellem und künstlerischem Niveau, das die Teilnehmenden beschenkt zurücklässt. Natürlich ist es auch ein gesellschaftlicher Treffpunkt für viele Kirchenreformer*innen und stärkt unsere Vernetzung.
Die Preisverleihung des Herbert-Haag-Preises am 23. März 2026 in Luzern war ein ganz besonderes Highlight. Heuer ging der Preis an Rita Perintfalvi aus Budapest und Bischof Erwin Kräutler, der aus Vorarlberg stammt, aber für die längste Zeit seines Lebens in Brasilien bei den indigenen Amazonas-Völkern daheim war. Ihn braucht man bei uns nicht mehr vorzustellen.
Beide haben mich sehr beeindruckt. Erwin Kräutlers Auftritt war stark und sehr überzeugend. Sein lebenslanger Einsatz für die indigenen Völker, gepaart mit seinem kirchenpolitischen Engagement, haben zu Recht bei den Zuhörenden Bewunderung, Begeisterung und Dankbarkeit ausgelöst.
All das galt dann auch Rita Perintfalvi, der viel jüngeren feministischen Theologin aus Budapest, für ihren Einsatz gegen die ideologische Instrumentalisierung des Christentums in Ungarn. Sie betonte, zehn Minuten Redezeit seien viel zu kurz, um uns klarzumachen, was in Ungarn – und weltweit – gerade mit diesem Rechtsruck geschieht und vor allem: was das persönlich für Menschen bedeutet, die sich mutig dagegenstellen. Und wieder einmal sind die Kirchen keine Hilfe, im Gegenteil. Auch die Kirchen kollaborieren mit der „illiberalen Demokratie“, die in Wirklichkeit eine neofaschistische Diktatur ist.
Perintfalvi berichtete auch sehr persönlich darüber, welche Gewalt sie selbst von Seiten rechtsradikaler Gruppierungen aus dem In- und Ausland erfahren hat und immer noch erfährt. Während ihrer Rede musste sie mehrmals um Fassung ringen. Sie hat nicht nur mich zu Tränen gerührt.
Als Abschluss der Preisverleihung bietet die Stiftung immer einen "Apéro riche" an, also freundschaftliches Beisammensein, Zeit für gute Gespräche mit Brötchen und Wein, sodass spürbar werden konnte, dass es trotz allem Bedrückenden doch auch so etwas wie die "Leichtigkeit des Seins“ geben kann und muss. Denn: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!“ Das beweisen auch Rita Perintfalvi und Erwin Kräutler.
Foto: Preisträger:innen unter sich: Bischof Erwin Kräutler und Martha Heizer am 23.3.2026 in Luzern