Denunziation gegen das Evangelium

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Gedanken von Roman Fürst über die unchristliche Haltung selbsternannter Glaubenswächter:innen

Es passiert immer wieder. Der Unter läuft zum Ober und steckt ihm irgendeine Karte. Eine Gemeinheit steht drauf. Oder eine Beschwerde. Auf alle Fälle etwas, das wie Gift sein will: Späte Wirkung, Täterschaft nicht mehr zu ergründen.

Vor Vorgängen wie diesen ist leider auch die Kirche nicht gefeit. Schon Hans Küng wusste ein Lied davon zu singen. Singt es auch wirklich in seiner Biographie. Erzählt, wie man ihn in die Glaubenskongregation vorgeladen hat. Vorwurf unbekannt. Noch unbekannter freilich: die Urheberschaft des Vorwurfs.

Küng wusste, dass er dabei in guter Gesellschaft war. Wieviele Theologen vor ihm hat man in ähnlicher Tortur gemartet, manche für Jahre oder Jahrzehnte in gleichsam kirchliche Einzelhaft gesteckt, fern jedes Hörsaals und Kolloquiums, fern jedes Verlages und jeder Publikation?! Zugegeben: Manche von ihnen hat die Kirche später rehabilitiert, einige sogar zum Kardinal gemacht. Aber das Problem selbst wurde damit nicht behoben: die Denuntiation als Mittel des verborgenen Angriffs, die Denuntiation als Methode, gegen die man sich nicht wehren kann.

In Oberösterreich wurde dieser Tage eine Pastoralassistentin zu einem Gespräch mit ihrem Dienstvorgesetzten beordert. Ein Priester hatte sich über eine ihrer Predigten beschwert. - Nein, der Priester hatte die Predigt nicht selbst gehört. Aber jemand hatte sich ihm gegenüber darüber beklagt. Das reichte, um den Weg zum Dienstvorgesetzten der Predigerin zu nehmen. Wie wäre es gewesen, die Frau selbst zu kontaktieren? Zu konfrontieren? Mit ihr in einen inhaltlichen Diskurs einzutreten? Aber nein. Das könnte anstrengend sein, unangenehm werden und außerdem Mut erfordern.

Aber nicht nur im kleinen Oberösterreich gibt es solches. Dass auch die Weltkirche davon nur so blüht, wusste schon Küng. Dieser Tage musste es auch Kardinal Radcliffe erfahren. Mitte Juni 2026 hatte in London ein schwules Paar eine "Dankesmesse für 50 Jahre Freundschaft, Partnerschaft und Engagement im Streben nach Gerechtigkeit" gefeiert und er selbst hatte dabei die Predigt gehalten. Das war publik geworden - auch zu seinem eigenen Missfallen. Er hätte die Vertraulichkeit geschätzt, ließ der Kardinal später wissen, und würde die Öffentlichmachung bedauern.

Nun mag man beklagen, dass die Lehre der Kirche so geartet ist, dass aus einer Sache wie dieser ein Skandal werden kann; man mag auch beklagen, dass der Kardinal nicht aufrichtig oder zumindest nicht mutig oder vielleicht auch nur nicht draufgängerisch genug ist, öffentlich dazu zu stehen, was es bedeutet, dass er das Fest eines homosexuellen Paares wertschätzend mitgestaltet hat.

Viel mehr aber noch sollte man sich Gedanken machen, in welche Kultur die Kirche eingetreten ist, wenn irgendwelche selbsternannten Glaubenshüter permanent auf der Lauer liegen, um jede vermeintliche Fehlleistung eines Kirchenvertreters per Mauklick in Windeseile in alle Welt zu melden. Wie wohl die Konflikte zwischen Petrus und Paulus ausgegangen wären, wenn es damals schon derlei gegeben hätte?

Der deutsch-italienische Dominikaner Max Cappabianca schreibt aus aktuellem Anlass auf katholisch.de über die Kultur der Denunziation: "Wer pastorale Gesten seziert und öffentlich anprangert, agiert nicht lehramtstreu, sondern wie ein Ankläger auf der Lauer. Das Evangelium beschreibt diese Haltung präzise: Man lauerte Jesus auf, ob er am Sabbat heile, um einen Grund zur Anklage zu finden (Lk 6,7). Jesus heilte – und man beriet voller Wut, was man gegen ihn unternehmen könnte (Lk 6,11). Wer lauert, sucht nicht Wahrheit, sondern Munition; selbst die gute Tat wird zum Beweisstück. Die Haltung des Anklägers wird von der Bibel nur einem zugeschrieben: dem Satan (Offb 12,10)."

Die Frage in der kirchlichen Denunziation wird nur immer wieder die sein: Wer ist es, der da die Arbeit des Satans macht?

Roman Fürst, 14.7.2026