Bischof Franz-Josef Overbeck hat sich entschuldigt. In einem dreieinhalbseitigen Schreiben an die "Schwestern und Brüder" hat er eingeräumt, im Jahr 2011 durch das Erzbistum Paderborn über einen ersten Missbrauchsvorwurf gegen seinen Vorgänger im Bischofsamt von Essen, Kardinal Franz Hengsbach, informiert worden zu sein; weil die Kongregation für die Glaubenslehre diese Vorwürfe aber als "nicht plausibel" bewertet habe, habe er diesen Fall als erledigt angesehen und auch die Missbrauchsbeauftragte des Bistums nicht informiert. Dafür entschuldigt sich Overbeck nun in aller Öffentlichkeit, denn: Im März 2026 wurde er über einen weiteren Missbrauchsverdacht gegen Kardinal Franz Hengsbach informiert. Das führte dazu, dass er sich an den Vorwurf von 2011 erinnerte und ihn nun völlig neu bewertet.
Es soll hier nicht darum gehen, Overbecks damaligen Fehler oder seine nunmehrige Entschuldigung zu beurteilen; es soll auch nicht darum gehen, die Entlastung des damals schon verstorbenen Kardinals Hengsbach (+1991) durch die Glaubenskongregation anzugehen und zu hinterfragen, auf welcher Grundlage und womöglich auch mit welcher Absicht diese Entlastung gegeben wurde. Und es soll auch nicht darum gehen, in Abrede zu stellen, dass die Katholische Kirche im Lauf der letzten Jahrzehnte ein ganz neues Problembewusstsein bezüglich Missbrauch entwickelt hat und immer noch entwickelt.
Vielmehr soll aufgezeigt werden, dass dieses Problembewusstsein schon viel früher möglich gewesen wäre, wenn ...
Bischof Overbeck sieht heute ein, dass er "nach den Standards damaliger Zeit handelte, die sich aus heutiger Sicht als vollkommen ungenügend darstellen." Und: Er "konnte auch nicht glauben, dass ein geschätzter Kardinal ... anderen Menschen furchtbares Leid zugefügt haben könnte." Diese Selbsterkenntnis, die sich auf das Jahr 2011 bezieht, lässt mich als österreichischen Katholiken fassungslos zurück, denn ich erkenne darin nicht nur einen Fehler von Bischof Overbeck, sondern auch einen auf der Seite der österreichischen Kirche. Ich frage mich: Wäre nicht gerade die österreichische Kirche prädestiniert gewesen, den Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche als Erste aufzunehmen und in diesem vielschichtigen Prozess mutig voranzugehen?! Aufzuarbeiten und aufzuzeigen, was passiert, wenn man - um es mit den Worten von Bischof Overbeck zu sagen - dem Schutz des Ansehens eines kirchlichen Würdenträgers Vorrang gibt und die betroffenen Menschen nicht hinreichend sieht?!
Es war bereits 1995 - und damit eineinhalb Jahrzehnte bevor Bischof Overbeck vom Missbrauchsvorwurf gegen Kardinal Hengsbach erfahren hat -, dass der Wiener Kardinal Hans Hermann Groër öffentlich, glaubwürdig und eidesstattlich hinterlegt des wiederholten Missbrauchs beschuldigt wurde. So schockierend diese Enthüllungen damals waren, so sehr entpuppen sie sich im Rückblick auch als vertane Chance: Denn mit einer ehrlichen und tabulosen Aufarbeitung der Missbrauchskrise rund um Kardinal Groër hätte die österreichische Kirche bereits damals beispielgebend für die gesamte Weltkirche sein können und viel Leid insbesondere von den betroffenen Menschen, aber auch von der Kirche selbst abwenden können. Aber nicht einmal das Kirchenvolksbegehren und mehr als eine halbe Million Unterschriften konnten die Bischöfe in den Vorwärtsgang bringen; der "Dialog für Österreich" erwies sich mehr als strategisches Ablenkmanöver denn als echte Kirchenreform. Rückblickend frage ich mich, ob das Kirchenvolksbegehren nicht ein prophetischer Moment war, den die Kirchenleitung nicht wahrhaben wollte und den sie daher auf fatale Weise verschlafen hat. Und den seither viele, sehr viele Menschen büßen müssen. Nicht nur die direkten Opfer des Missbrauchs. Sondern auch die Kirche als Ganzes und auch die Kirchenleitung, Bischöfe eingeschlossen.
Bischof Overbeck ist dafür ein Beispiel: Wenn die Missbräuche rund um den damals noch lebenden und amtierenden Kardinal Hans Hermann Groër transparent und schonungslos aufgearbeitet worden wären, wenn "alle Welt" davon erahren hätte, was dieser höchste Würdenträger der österreichischen Kirche Josef Hartmann und anderen ihm Anvertrauten wiederholt angetan hat und was die systemischen Ermöglicher für diese Verbrechen waren, dann ... ja, dann hätte wohl auch Bischof Overbeck im Jahr 2011 "glauben können, dass ein geschätzter Kardinal anderen Menschen furchtbares Leid zugefügt haben könnte." Dann hätte er 2011 vielleicht anders gehandelt und müsste sich heute nicht entschuldigen.
Die Schatten, die die mangelnde Aufarbeitung des "Falles Groër" geworfen haben und immer noch werfen, sind lang.
Harald Prinz