Am Donnerstag, dem 8. Mai 2026, saß ich zum 5. Mal in meinem Leben nach einem Konklave vor dem Fernseher. Diesmal war der amtierenden Kardinalprotodiakon Dominique Mamberti am Wort. Mit leiser, etwas schwankender Stimme las er den Namen des neuen Papstes vor: des US-amerikanischen Kardinals mit spanisch-italienisch-karibisch-kreolischen Wurzeln Robert Francis Prevost. Dieser Name war für mich die erste Überraschung. Die zweite folgte mit der Ankündigung seines neuen Namens: "qui sibi nomen imposuit Leonem XIV."
Das machte mich sofort neugierig und mein erster Impuls war, zu hoffen, dass die Wahl dieses Namens eine programmatische Grundsatzentscheidung sei, nämlich die zentrale Linien seines Pontifikates bereits bei Amtsantritt deutlich zu machen. Aus der Kirchengeschichte erinnerte ich mich, dass die Lebensgeschichten der Päpste namens Leo zu den eindrucksvollsten Kapiteln des Papsttums zählten. Kein anderer Name steht so sehr für kirchliche Autorität, politische Wirkung und zugleich für die Grenzen päpstlicher Macht.
Besonders herausragend ist Leo I., der Große. Er stärkte das Papstamt theologisch und politisch und profilierte Rom als geistliches Zentrum.
Leo III. setzte mit der Kaiserkrönung Karl des Großen im Jahr 800 ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Das Papsttum gewann dadurch an Rang und Einfluss, band sich aber zugleich enger an die weltliche Macht.
Mit Leo IX. begann eine Phase energischer Kirchenreformen. Er bekämpfte kirchliche Missstände und leitete Entwicklungen ein, die später im Investiturstreit kulminierten. Sein Pontifikat steht für Erneuerung, aber auch für neue Konfliktlinien zwischen Rom, dem Reich und dem Osten.
Leo X. verkörperte den Glanz der Renaissance. Kunst, Bildung und repräsentative Pracht erreichten unter ihm einen Höhepunkt und schlussendlich war er der letzte Papst der Geschichte, welcher bei seiner Wahl kein Priester war.
Mit Leo XIII. trat der Papst in die Moderne ein. Seine Enzyklika „Rerum novarum“ machte ihn zum Begründer der katholischen Soziallehre und verschaffte dem Papsttum eine neue moralische Autorität in einer industrialisierten Welt. Von meiner Ausbildung an der Gregoriana kannte ich ihn am besten.
Fazit: Die Leo-Päpste stehen für fünf große Gestalten des Papsttums: den Theologen, den Staatsmann, den Reformer, den Renaissance-Papst und den Sozialpapst.
Waren Leo XIV. diese Rollen seiner „Leo-Vorgänger“ bewusst? Andreas Englisch bejaht diese Frage sinngemäß in seiner Papstbiographie "Leo XIV. - Der leise Mönch an der Spitze der Macht". Kardinal Prevost soll sich im Konklave diesbezüglich Notizen in sein persönliches Heft gemacht haben. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass er bei seiner ersten Ansprache auf der Loggia des Petersdoms aus einem Heft vorgelesen hat, so zumindest der Eindruck im Fernsehen.
Welche Rolle er auch immer prägend leben wird, wir werden den Papst letztlich an seiner authentischen Liebe, seiner Leuchtkraft und seiner Leistung für die Kirche Jesu messen.
Peter Karl Gardowsky, 17.7.2026
Foto: VATICAN MEDIA