Die österreichische Innenpolitik hat wieder einen Skandal. Es geht um Postenschacher und frauenverachtende Aussprüche. Im Zentrum der Affäre: der Präsident der Wirtschaftskammer Wien, Walter Ruck.
Es soll hier nicht darum gehen, diese Vorgänge in der höheren Wiener Gesellschaft oder der österreichischen Volkspartei zu bewerten. Auch ist hier nicht zu fragen, ob und unter welchen Umständen vertrauliche Gesprächsprotokolle der Öffentlichkeit zugespielt werden dürfen. Was ich hier vielmehr vornehmen möchte ist eine Einordnung des öffentlichen Aufschreis und der geforderten Konsequenzen.
Es ist äußerst erfreulich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man(n) es sich als honorige Persönlichkeit ohne jede Gefahr erlauben konnte, Frauen allein ihres Geschlechts wegen herunterzumachen und sich despektierlich über sie zu äußern. Es gab Zeiten, da war das anders. Und es gibt Orte - wir wissen es alle -, da ist es heute noch anders.
Es ist nicht selbstverständlich, dass der Chor der Kritiker an Walter Ruck nicht nur das politisch stets heikle Thema des Postenschachers in den Blick nimmt, sondern auch den frauenfeindlichen, machoiden Umgang, den der Wiener Wirtschaftskammerpräsident offensichtlich pflegt. Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner bringt es auf den Punkt, wenn sie feststellt "Das Konzept von 'exklusiven Herrenrunden' zeugt von einem verstaubten Politikverständnis, das im Jahr 2026 nichts mehr zu suchen hat“ und ergänzt, dass Gleichstellung heutzutage Pflicht sei und Personen des öffentlichen Lebens dabei eine besondere Verantwortung treffe.
Das ist der Punkt, an dem das Thema für mich kirchlich interessant wird: Sind wir als Kirche nicht auch eine öffentlich wirksame Institution, der damit eine besondere Verantwortung zukommt? Sind aber nicht auch unsere Bischofskonferenzen und Domkapitel - um nur zwei Beispiele zu nennen - "exklusive Herrenrunden", die im Jahr 2026 eigentlich längst schon fehl am Platz sind?!
Man(n) wird dagegenhalten: "In der Kirche ist alles anders. Die Kirche hat das Konkordat." - Rechtlich gesehen mag das stimmen, aber menschlich betrachtet ist es falsch. Und "menschlich" meint in diesem Fall: Die Menschen halten sich in zunehmendem Maß nicht mehr an das, was das Konkordat sagt. Die kirchliche Lehre und Disziplin, die das Konkordat in mancher Hinsicht absichert, ist ihnen egal. Die Menschen folgen vielmehr ihrem Gespür und ihren Haltungen. Und das bekommt die Kirche seit langem schon zu spüren: Wie viele Menschen haben die Kirche wegen ihrer ungerechten Frauenpolitik bereits verlassen und wie viele werden es noch tun? Irgendwann - sollte es nicht doch einmal eine katholische Kurskorrektur geben - werden es so viele sein, dass die Kirche zu einer kleinen unbedeutenden Randgruppe verkommen ist. Spätestens dann wird auch das Konkordat bröckeln und der Staat bei der Diskriminierung der Frauen in der katholischen Kirche nicht mehr wegschauen. Dann wird man diese Geschichte der kirchlich verantworteten und staatlich akzeptierten Ungleichheit aufarbeiten und man wird den Kopf schütteln wie man es heute im Fall Ruck schon tut. Und so wie man heute sagt "Was für ein Schaden für die Wirtschaftskammer!" wird man dann sagen "Was für ein Schaden für die Kirche!" Und da wie dort wird man bedauern, nicht früher gehandelt zu haben.
Roman Fürst, 25.7.2026