Im Jahr 2016 setzte die vatikanische Kleruskongregation eine neue Grundordnung für die Priesterausbildung in Kraft. Zehn Jahre später stellen die deutschen Bischöfe der weltkirchlichen Grundordnung nun eine nationale Rahmenordnung zur Seite. Das große Gefüge bleibt selbstverständlich weltkirchlich-katholisch - will heißen: Priesterseminaristinnen sind ebenso nicht willkommen wie Interessenten, die ihre priesterliche Berufung mit Partnerschaft und Familie leben möchten.
Aber manch anderes ist bemerkenswert an dieser deutschen Rahmenordnung: Da wird eingangs immerhin gefragt "Warum Priester?" und auch wenn die Antwort nicht ganz überzeugend wirkt, darf anerkannt werden, dass man sich die Frage immerhin zu formulieren traut. Sodann wird festgestellt, dass die Priesterausbildung in der "Welt von heute" zu erfolgen hat und damit auch die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen berücksichtigen muss. Und schließlich wird eingemahnt, das Priesterseminar dürfe kein rein männlich geprägter Ort mehr sein: "Daher muss die Ausbildung durch Teams von Frauen und Männern verantwortet werden". Und auch der Gefahr priesterlichen Machtmissbrauchs ist man sich bewusst und fordert, "dass die Bereitschaft zur Selbst- und Fremdkorrektur in der Ausbildung gestärkt und kultiviert wird".
Wer sich die Entwicklung der Priesterseminare in Deutschland genauer anschaut, stellt freilich rasch fest, unter welch enormem Druck die Bischöfe hier stehen. Allein schon die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Gab es 2013 in Deutschland noch 131 Priesterweihen - das sind bei 27 Diözesen knapp 5 Weihen pro Diözese und ist also keineswegs eine berauschende Ausgangszahl -, waren es 2025 nur mehr 25 Weihen: weniger als eine Weihe pro Diözese! In 12 Jahren ein Rückgang von 81 %!
Und das, obwohl die Seminare und die Priesterausbildung von den Diözesen prioritär behandelt werden und Seminaristen deutlich mehr kirchliche Förderung erfahren als ihre Studienkolleg:innen, die nicht im Seminar sind. Man könnte durchaus fragen, ob dem Machtgefälle, von dem die Rahmenordnung spricht, nicht an diesem Punkt schon der Kampf angesagt werden müsste und der Grundsatz zu gelten hätte: Jedem Menschen, der sich für eine kirchliche Ausbildung interessiert, das gleiche Maß an kirchlicher Förderung!
So aber geht viel Förderung und damit Geld von Kirchenbeitragszahlenden in die Ausbildung einiger weniger Privilegierter. Die Kosten pro Seminarist sind wahrscheinlich im gleichen Maß in den Himmel geschossen wie die Zahlen der Seminaristen in den Keller gestürzt sind. Ob das zu rechtfertigen ist? Den Priestermangel und die Priestermängel aber wird man auch mit noch so viel Geld und noch so gut gemeinten Rahmenbedingungen nicht beheben können. Dazu nämlich braucht es etwas ganz anderes: die Öffnung der Seminare für Frauen - und zwar nicht bloß als Ausbildungsbegleiterinnen, sondern als Seminaristinnen - und die Öffnung des priesterlichen Dienstes für Menschen in Partnerschaft und Familie. Dann erst wird man über das Thema "Priester und Priesterausbildung" in der katholischen Kirche frei und wirklich zukunftsorientiert reden können.
Harald Prinz