Ich erinnere mich, dass zu Beginn meines Theologiestudiums Anfang der 90er-Jahre in Linz Studierende der höheren Jahrgänge einen Studientag zum Thema „Gewalt durch Sprache“ veranstalteten. Dass dieses Thema für uns in Theologie und Kirche relevant sein sollte konnte ich damals noch nicht verstehen: Natürlich wusste ich, dass es Menschen gibt, die andere als Arschlöcher beschimpfen oder schnell einmal jemanden „behindert“ nennen. Aber in kirchlichen Kreisen sollte es selbstverständlich sein, dass man so nicht miteinander umgeht. Warum also sollte man sich an einer Theologischen Hochschule mit „Gewalt durch Sprache“ auseinandersetzen?
Wenig später studierte ich in Frankreich. Und wurde mir bewusst, dass es dort beispielsweise kein Wort für „Geschwister“ gibt. Man kann freilich sagen „frères et sœurs“ – „Brüder und Schwestern“, aber beim Wort „geschwisterlich“ steht man endgültig an, das Französische kennt lediglich „fraternel“: „brüderlich“. Erst da begann ich langsam zu verstehen, dass Gewalt in der Sprache ganz subtil am Wirken sein kann: Ja, es ist wohl tatsächlich eine Gewalterfahrung, wenn sich jemand als „mitgemeint“ denken muss oder sich zuerst einmal in ein anderes Geschlecht hineindenken muss, um sich überhaupt mitgemeint fühlen zu können. Wer darüber nachdenkt, wird rasch entdecken, dass auch sprachliche Ausgrenzung nichts anderes als Gewalt bedeutet.
Schon oft ist mir aufgefallen, dass auch die kirchliche Sprache diese Form der Gewalt vielfältig pflegt. Auch in den Ansprachen der Päpste ist häufig zu beobachten, dass die Frauen unter den Angesprochenen gänzlich unberücksichtigt bleiben. Im August 2025 ging das soweit, dass Papst Leo bei einer Begegnung mit „Ministranten“ auf dem Petersplatz diese aufforderte, darüber nachzudenken, ob sie nicht Priester werden wollten: „Ich hoffe, dass ihr auf den Ruf achtet, den Jesus an euch richten könnte, ihm im Priestertum näher zu folgen." Ob ihm aufgefallen ist, dass viele von den Angesprochenen MinistrantINNEN waren? Und damit vom katholischen Priesteramt ausgeschlossen sind? Offensichtlich ist der Papst da diretissima in die Falle getappt, die eine rein maskuline Sprache kreiert. Sprache schafft Wirklichkeit: Wer immer nur von Männern redet, übersieht irgendwann einmal, dass es auch Frauen gibt.
In diese linguistische Falle scheint jetzt auch VATICAN-NEWS getappt zu sein: Am 26. März 2026 berichtete das Nachrichtenportal des Vatikans auf seiner italienischsprachigen Seite, dass der Papst „al nuovo arcivescovo di Canterbury“ gratuliert habe: „dem Erzbischof von Canterbury“. Dabei würde das ganz normale Alltagsitalienisch durchaus auch die weibliche Form „vescova“ kennen: Bischöfin. Das katholische Italienisch hat hier aus kircheninternen Gründen scheinbar ein eingeschränkteres Vokabular. Also galt die Gratulation des Papstes "dem neuen Erzbischof". Ist offensichtlich nicht so wichtig, dass der eine Frau ist.
Irgendwie hat VATICAN-NEWS damit ja sogar recht: Es ist nicht wichtig, ob ein Mann oder eine Frau das bischöfliche Amt ausübt. Die Kirchenreformbewegungen sagen das schon lange. Nur bringen sie es anders zur Sprache als der Vatikan.