Der Sommer bringt es mit sich, dass ich mich endlich manchem Buch widmen kann, das ich das ganze Jahr über schon lesen wollte und das es doch nur bis auf mein Nachtkästchen geschafft hat. Da greife ich nun also nach „Gottesdienst und Macht. Klerikalismus in der Liturgie“ (hg. Von St. Böntert. W. Haunerland, J. Knop und M. Stuflesser; Pustet 2021) und finde darin neben anderen interessanten Aspekten einen bemerkenswerten Satz von Ulrich Khuon, der nicht nur ein international renommierter Regisseur und Theatermensch ist, sondern auch einen theologischen Abschluss hat. Er blickt in die Geschichte des Schauspiels und sagt: „Eine Zeit lang war es üblich, dass alle Rollen, auch die weiblichen, von Männern gespielt wurden. Das hat dann aufgehört. Gott sei Dank. In der Kirche hat es nicht aufgehört.“
Da denke ich mich zurück in meine jungen Jahre, als wir Theologiestudierende erst langsam begriffen haben, dass Liturgie „heiliges Spiel“ ist und als solches einer passenden würdigen „performance“ bedarf. „Würdig“ ist dabei freilich nicht nur im Blick auf Gott zu denken, sondern auch im Blick auf die Mitfeiernden, die sich in dieses heilige Spiel hineingenommen fühlen sollen. Im profanen Theater werden Rollen heutzutage nun eben auch so besetzt, dass sie vom Publikum ohne Hürden angenommen werden können – ein Romeo wird meist männlich und eine Julia meist weiblich sein – und auch in der Liturgie sollte die Frage der Rollenbesetzung nicht dem vorgeordnet werden, worum es wirklich geht: um den Gottesdienst der versammelten Gemeinde. Die Rollenfrage ist sekundär und daher einer praktikablen Lösung zuzuführen, will heißen: von bestgeeigneten Frauen und Männern wahrzunehmen. Die Hauptrolle hat sowieso ein anderer, nämlich Gott.