Kirchenferne ≠ Glaubensschwund

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Der Südtiroler Bischof Ivo Muser ordnet den Mangel an Gläubigen als den größten Mangel in seiner Diözese ein. Martha Heizer hat dazu ein paar Fragen.

Die Südtiroler Kassiansprozession hat eine lange Tradition. Ein guter Anlass für Bischof Muser, seine Gläubigen zu ermahnen, wie am 19. April 2026 in Brixen geschehen: "Der größte Mangel, den wir in unserer Diözese haben, ist der Gläubigenmangel." Nur aus Tradition und Gewohnheit hin und wieder an religiösen Feiern teilzunehmen sei nicht genug. Gelebter Glaube setze sich ein für Frieden und Zusammenhalt und für Schöpfungsverantwortung. Dabei ist ihm nicht in jedem Punkt zu widersprechen.

Was mir aber fehlte bei dieser Predigt, ist die Einsicht der Kirchenleitung in die eigene Verantwortung: Woran liegt es wohl, dass viele Menschen nicht mehr so gern und häufig an religiösen Feiern teilnehmen? Glaubensschwund mag da wohl dazu gehören, aber auch da ist die Frage, woher er kommt. Natürlich gibt es viele Veränderungen in unserer Gesellschaft, die für manche Menschen Religion obsolet werden lässt, vor allem, wenn sie nie die aufbauende Kraft des Glaubens erlebt haben. Aber dennoch erfahren wir vielerorts: Wo Gottesdienste lebensnah und persönlich gefeiert werden und das unter Miteinbeziehung aller oder zumindest vieler, ist sonntägliche Gemeinschaft immer noch lebendig. Jene Seelsorgerinnen und Seelsorger, die sich wirklich um die ihnen Anvertrauten kümmern, sind nach wie vor notwendig und gefragt. Gott sei Dank gibt es sie!

Aber aus verschiedenen Gründen sind diese Seelsorgerinnen und Seelsorger zu wenig. Da sind leider immer noch die gänzlich unbiblischen Zulassungsbedingungen zu den Weiheämtern und manch anderes, was den heutigen Priestermangel bewirkt. Diesen Priestermangel und seine Ursachen wie auch seine Folgen nicht zu sehen oder zu relativieren, ist verantwortungslos. Und eines Bischofs schlicht unwürdig.

Wenn die Gläubigen nicht sehen, wie ihnen Kirche in ihrem Leben guttun kann, bleiben sie weg. Denn die Zeiten, wo man in die Kirche ging, weil „es sich gehörte“, sind vorbei, die Menschen haben sich auch im Glauben emanzipiert. Ob das aber leichtfertig als Glaubensschwund interpretiert werden kann, wie Bischof Muser es nahelegt, scheint mir nicht so sicher zu sein.

Martha Heizer