Die Linzer Kirchenzeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 2.6.2026 von einem Interview, das Kardinal Schönborn dem Wienem Dogmatiker Jan-Heiner Tück im Rahmen einer Fachtagung der theologischen Zeitschrift Communio im Juni 2026 in Kremsmünster coram publico gab. Nota bene: Der Kardinal gehört zu den Herausgebern von Communio, Jan-Heiner Tück ist der Chefredakteur von Communio. In einer gewissen Weise war man trotz Publikums also unter sich.
Die Kirchenzeitung erwähnt, dass im Interview vornehmlich jene Themen angeschnitten wurden, die das Profil von Communio ausmachen und kommt dann auf die Glaubenskrise zu sprechen, in der sich Christoph Schönborn als junger Dominikaner nach dem Konzil befand. In diesem Kontext werden mehrere bemerkenswerte Aussagen des Kardinals wiedergegeben, die man - wenn man die Kirche in der Welt von heute liebt - nicht einfach so stehen lassen sollte.
Wüsste man nicht um die Bedeutung des Konzils für den Weg der Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, könnte man bei den zitierten Schönborn-Aussagen nämlich glatt den Eindruck bekommen, das Konzil wäre etwas, zu dem man besser Abstand halten sollte: Dass in der Folge des Konzils zentrale Glaubensinhalte für obsolet erklärt wurden, wie der Kardinal angeblich sagte, ist wohl eine gewagte Formulierung: War es denn wirklich ein (mutwilliges) Über-Bord-Werfen zentraler Glaubensinhalte oder ist hier das Nachdenken über den Glauben nicht vielmehr nur in eine neue, tiefere Qualität vorgedrungen?
Geradezu schockierend aber ist der im Artikel geschilderte Eindruck des jungen Schönborn, dass bezüglich des Konzils, wie es von der Mehrheit der Theologen damals verstanden worden sei, "etwas nicht stimmt(e)". Mir fallen die Namen Hans Küng, Leonardo Boff, Edward Schillebeeckx ein, unzählige weitere wären zu ergänzen. Wenn diese wirklich die Mehrheit waren, wie Schönborn es hier skizziert: Hätte Rom dann nicht umso mehr in aller Offenheit mit ihnen disputieren müssen, um die ganze Kirche mitzunehmen in dieses theologische Ringen um das Verständnis der christlichen Botschaft in der je aktuellen Zeit? Ganz im Sinne dessen, was Synodalität meint? Stattdessen aber hat man ihnen hinter den verschlossenen Türen der Glaubenskongregation den Prozess gemacht. Wollte man damit gar den Geist des Konzils einfangen und einsperren?
Wie auch immer halte ich die nun getätigten Aussagen von Kardinal Schönborn über das Konzil für brandgefährlich, erlebt unsere Kirche doch gerade, wie der Traditionalismus wieder an Boden gewinnt und die Errungenschaften des Konzils zunehmend gefährdet. Ein Zurück zur Theologie und Kirchenauffassung von Pius XII. wird aber wohl auch Kardinal Schönborn nicht wollen.
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