Ich beginne mit einem Bekenntnis: Ich predige gern. Sehr gern. Und das seit den Anfängen meines pastoralen Tuns. Schon als Student in diversen Praktika und später beim Einsatz in einem Entwicklungshilfeprojekt hat es mir Freude bereitet - war es mir oft tatsächlich Lust - mich mit den biblischen Texten auseinander zu setzen und meinen Glauben mit den Mitfeiernden zu teilen. Erst recht wurde mir das Predigen eine Herzensangelegenheit, als ich in einer Pfarre als Pastoralassistent und Pfarrleiter begann.
Ich predige bei jedem Gottesdienst. Auch wochentags. Selbst dann, wenn nur ganz wenige Mitfeiernde da sein sollten. Ich erinnere mich an eine Feier vor ein paar Jahren: Draußen hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet und ein Unwetter über uns kommen lassen, das fast alle zuhause bleiben ließ. Eine einzige Frau, die gleich neben der Kirche wohnt, hat sich doch herübergewagt. Wir haben zu zweit gefeiert und ich habe allein für sie gepredigt. Es war ihr keineswegs peinlich, ich hatte vielmehr das Gefühl, dass es ihr gut tat.
Es ist mir fast ein Rätsel, wie ein Seelsorger nicht gern predigen kann: Gehört Verkündigung nicht zu den ureigensten Aufgaben eines Seelsorgers, eines Priesters? Muss ihm das Predigen nicht eine tiefe Herzensangelegenheit sein, eine Arbeit, die er von Herzen gern verrichtet?!
Wie aber erklärt es sich dann, dass Papst Leo die Priester seiner eigenen Diözese Rom anhalten muss, Sonntagspredigten nicht von der KI schreiben zu lassen, wie er es bei einem Treffen Ende Februar 2026 getan hat? Gibt es tatsächlich Priester, die vor dem Sonntagsgottesdienst einfach die KI mit ein paar Begriffen füttern und dann vorlesen, was der PC ihnen ausspuckt? Dem gegenüber hält der Papst fest: „Eine echte Predigt schreiben bedeutet, den Glauben mit anderen zu teilen. Und das ist der wichtigste Teil. Die Leute wollen deinen Glauben wahrnehmen, deine Erfahrung, Christus und seine Botschaft erlebt und geliebt zu haben.“
In diesem Punkt hat der Papst sicherlich Recht. Aber er denkt offensichtlich nicht daran, dass dieser Anforderung, die er da an seine Priester stellt, auch andere gerecht werden können: Männer und Frauen, die keine Priester sind. Für eine gute Predigt braucht es nämlich keine Priesterweihe und wenn jemand anderer – ob Mann oder Frau, verheiratet oder zölibatär – gut und gerne predigen möchte, während der betreffende Priester diese Aufgabe womöglich lieber an die KI abgibt, dann wäre es wohl echter und wertvoller, wenn der Priester eben ihn oder sie um die Predigt bitten würde. Das Kirchenrecht freilich verbietet das, aber wenn dem Papst wirklich an einer umfassenden Predigtqualität gelegen ist, sollte er den Codex in diesem Punkt ändern. Es hat ja auch sein Vorgänger mehrmals auf die mangelnde Qualität vieler Predigten hingewiesen. Aber wir wissen ja: Eine päpstliche Meinungsäußerung allein ist selten genug. Was es wirklich braucht, ist eine Ermächtigung derer, die predigen wollen und predigen können. Mal schauen, wann sie kommt.
Harald Prinz