Millionen kleiner Schismen

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Wieder einmal steht das Gespenst der Kirchenspaltung im Raum - und dient als Argument gegen die Gleichberechtigung der Frauen. Ein Kommentar von Roman Fürst über mangelndes Vertrauen in den heiligen Geist..

Es war ein bemerkenswert offenes Statement, das Kardinal Jean-Claude Hollerich bei einem Symposium an der Universität Bonn am 19.3.2026 zur Frage von Frauen in Weiheämtern der katholischen Kirche setzte: "Ich kann mir auf Dauer nicht vorstellen, wie eine Kirche bestehen kann, wenn die Hälfte des Volkes Gottes leidet, weil sie keinen Zugang zum geweihten Dienst hat" sagte Hollerich, der als Generalrelator eine zentrale Funktion bei der Weltsynode 2023/2024 innehatte und dessen Stimme in der katholischen Welt daher durchaus Gewicht hat. Bemerkenswert war vor allem auch die Darstellung seines eigenen Lernweges in dieser Frage: Der Kardinal gab zu, dass er in dieser Frage früher konservativer gewesen sei, dass er seine Meinung jedoch geändert habe: "Ich habe auch als Bischof gelernt, dass das nicht nur ein Desiderat von einigen linksstehenden Frauenverbänden ist". Und er stellte fest: "Wenn ich mit den Frauen in den Pfarreien rede, haben 90 Prozent bei uns dieselbe Meinung." Es läge an den Bischöfen, auch darauf zu hören.

Nun hat sich Hollerich in einem Interview mit "Vatican News" am 10.4.2026 abermals zu dieser Frage geäußert und seine Äußerungen in Bonn "eingeordnet", wie "Vatican News" das bezeichnet. Inhaltlich nahm der Kardinal dabei zwar nichts zurück, stellte sich sogar persönlich hinter die "europäische" Forderung einer vollständigen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau - Zitat: "Ich kann dem nur voll zustimmen" -, und deutete doch Verständnis dafür an, dass das Thema einer Weihe von Frauen zu Diakoninnen der katholischen Kirche erst am Sankt-Nimmerleins-Tag entschieden werden könnte. Er verspricht zwar, dass er "alles tun werde, damit Frauen in der Kirche mehr Akzeptanz haben an leitenden Stellen" und bringt auch Beispiele aus seinem eigenen Verantwortungsbereich in Luxemburg. In der Frage der Weihe selbst aber gibt er sich zurückhaltend und spricht sich vorerst einmal für ein vertieftes theologisches Nachdenken über das Amt des Diakons aus, bringt sogar ein "Subdiakonat" für Frauen ins Spiel, das mit keiner Weihe verbunden wäre und doch eine Partizipation in der Liturgie darstellen und eine Hilfe beim diakonalen Wirken der Kirche sein würde. Dass das lateinische "sub" "unter" bedeutet und ein Subdiakonat damit ganz automatisch wieder eine Unterordnung der Frau unter die männlichen Positionen des Diakons und Priesters gegeben wäre, sagt er nicht dazu. Es ist auch nur eine geringfügige Entschärfung, wenn der Kardinal unter Rückgriff auf das lateinische Wort "potestas" feststellt, dass es in der Kirche grundsätzlich nicht um Macht, sondern um Dienst gehen sollte und auch Diakonat und Priestertum dahingehend zu reformieren wären.

Kardinal Hollerich äußert sogar großes Verständnis für die Enttäuschung vieler Katholikinnen, dass sich die Kirche in der Frage des Frauendiakonats nicht bewegt und lässt durchblicken, dass er selbst in diesem Punkt die Kirche sehr gern in Bewegung sähe. Doch sieht er in dieser Frage über der Kirche das Damoklesschwert der Kirchenspaltung hängen: "Eine Weihe der Frauen auch zur Diakonin würde heute die Kirche spalten. Man sieht das in der anglikanischen Kirche, wo eine Frau als Erzbischof von Canterbury eingesetzt wurde. Eine Frau, vor der ich sehr viel Respekt habe. Aber das hat die Kirche gespalten."

Das Gespenst der Kirchenspaltung ist freilich nicht neu. Und es ist ja auch verständlich, dass ein Papst alles versuchen wird, Kirchenspaltung zu verhindern. Keiner möchte als einer in die Geschichte eingehen, in dessen Pontifikat es zu einem Schisma gekommen ist. Aber ist es wirklich so viel besser, statt des einen drohenden Schismas Millionen kleiner Schismen in Kauf zu nehmen, wie sie sich gegenwärtig tagtäglich überall dort ereignen, wo Frauen (und Männer) sich von der Kirche abwenden, weil sie den Frauen ihre von Gott gegebene Gleichwürdigkeit vorenthält (vgl. Gal 3,28) und die Kirche damit als Ganzes unglaubwürdig ist?! Ist es wirklich besser, das Morgen der Kirche aufs Spiel zu setzen, indem man im Heute vor dem Gespenst der Kirchenspaltung einknickt? Kann es wirklich sein, dass man vor der Fiktion einer Kirchenspaltung mehr Angst hat als vor der Wirklichkeit der Gegenwart?

Vor allem aber: Was sagt es über uns als Kirche aus, wenn wir aus strategischen Überlegungen heraus fundamentale Erkenntnisse kleinreden und die Auseinandersetzung mit ihnen auf die lange Bank schieben? Wie unglaubwürdig werden wir da als Kirche? Müssten wir nicht gerade aufgrund der Drohungen von Kirchenspaltung und Co das Thema erst recht in die Diskussion holen und ganz ehrlich auf den Tisch legen, was wir in der Kirche in dieser Thematik alles versäumt oder gar verbrochen haben? Müssten nicht alle vatikanischen und päpstlichen Äußerungen auf den Tisch und einer kritischen Bewertung unterzogen werden? Angefangen von Johannes XXIII., der die wachsende Rolle der Frauen als zentrales Zeichen der Zeit gedeutet hat bis hin zu Johannes Paul II., der das Thema für alle Zeiten aus der Welt zu schaffen trachtete?!

Eine Kirche, die gegen die Wahrheit taktiert, verspielt sich selbst. Damit ist nicht gesagt, dass die Wahrheit immer und überall klar vor uns liegt. Aber ihr vorsätzlich aus dem Weg zu gehen und Umwege subdiakonaler oder anderer unpassender Art in Kauf zu nehmen, zeugt nicht gerade von Vertrauen in den Heiligen Geist, der der Kirche eigentlich zugesichert ist.