Große Aufregung in den Kommentarspalten der sozialen Medien in der binnenkirchlichen „Blase“: Die einen jauchzen vor hämischer Freude, weil der Papst die deutschen Bischöfe in die Schranken gewiesen habe; die anderen sind bitter enttäuscht, weil sich mal wieder zeige, dass sich in der katholischen Kirche nichts ändere.
Ich habe mir die Worte des Papstes in einer Videoaufzeichnung angeschaut. Leo antwortet auf die Frage einer Journalistin zur Entscheidung von Kardinal Marx, Segensfeiern für Paare zu erlauben, die kein Ehesakrament empfangen können. Interessant ist, was Papst Leo zuerst sagt, bevor er recht kurz auf die eigentliche Frage eingeht. Zuerst sagt er, dass Einzelfragen der Sexualmoral nicht über die Einheit der Kirche entscheiden. Andere Fragen besäßen eine höhere Priorität, seien viel bedeutsamer.
Nach dieser Vorbemerkung erst geht er auf die Frage der Journalistin ein und sagt, was hinlänglich bekannt ist: Dass der Heilige Stuhl in der Frage offizieller Segensfeiern eine andere Auffassung hat als die deutschen Bischöfe. Gleichzeitig bekräftigt er die Haltung von Papst Franziskus, dass alle Menschen in der Kirche willkommen seien und auch den Segen Gottes empfangen.
Papst Leo hat - aus seiner Perspektive - auf eine journalistische Frage ehrlich und weise geantwortet. Ja - es gibt einen Dissens in einer Einzelfrage, oder sicher auch in mehreren Einzelfragen zur Sexualmoral. Nein - das bedeutet keine Gefahr einer Kirchenspaltung und ist demnach auch kein Anlass, so meine ich, innerkirchlich übereinander herzufallen. Wirklich entscheidend für das Christsein und für das Kirchesein sind ganz andere Fragen.
Für mich ist das eine sehr wichtige Botschaft: Die Welt um uns herum brennt geradezu angesichts der zahlreichen Kriege, der Zunahme autoritärer Regime, des Zerfalls vieler Demokratien, der Zunahme von Hass und Gewalt in so vielen Bereichen. Da gibt es für Christinnen und Christen unendlich viele Aufgaben, um Position zu beziehen und um für Verständigung, Gerechtigkeit und Frieden einzutreten. In manchen innerkirchlichen Lehrfragen ist derzeit keine Übereinstimmung zu finden - das gilt es auszuhalten.
Und vielleicht ist gerade das auch eine Aufgabe: Unterschiedliche Auffassungen auszuhalten, ohne sich gegenseitig mit persönlichen Attacken anzufeinden und in verbale Kriegszustände zu geraten - und innerkirchlich vorzuleben, was unsere Welt so dringend braucht: Menschlich beieinander zu bleiben trotz so vieler Unterschiede; Konflikte auszuhalten und geduldig, friedvoll auszutragen; immer wieder Kompromisse zu suchen; einander barmherzig und versöhnlich zu begegnen - und zuzulassen, dass es unterschiedliche Wege gibt, wie Menschen leben und glauben.
Foto: Nicole Cronauge / Bistum Essen